Felix Mendelssohns „Sommernachtstraum“ ist der Inbegriff der hellen, gutartigen Romantik, einer Romantik der angenehmen Gefühle. Die „Symphonie fantastique“ von Hector Berlioz ist der Inbegriff des Gegenteils, der schwarzen Romantik, ein Triumph der Selbstzerstörung durch fehlgeleitete Liebe und drogenverursachte Halluzinationen. Claudio Abbado, der am Sonnabend sein jährliches Gastkonzert bei den Berliner Philharmonikern dirigierte, neigt wohl eher der apollinischen als der dionysischen Romantik zu. Unter seinen Händen erhält jede Form etwas Objektives; so vertraut dem großen Schumann- und Mahler-Interpreten auch die Finsternisse der Seele sind – mit dem Ende heilen die Risse, verklärt sich das Werk.

Am Ende der „Symphonie fantastique“ jedoch, im Hexensabbat voller Cancan-Obszönität, bricht der Klang noch einmal ein, dringt ein Fauchen von großen Trommeln und schrappenden Streichern aus dem Orkus zur Begleitung des Dies irae. Der Moment wirft seine Schatten über den brutalen Glanz des Schlusses, enthüllt sein C-Dur als ironisches Zitat – hier ist nichts gut, rein, besiegt oder heil.

Vielleicht braucht es einen Apolliniker wie Abbado, um die Modernität dieser 1830 uraufgeführten Partitur zu registrieren, um ihre drastischen Abweichungen vom klassischen Geist erfahrbar zu machen. Modern ist nicht nur der Verlauf per aspera ad infernam, sondern auch die Erzähltechnik: Das Subjekt, in Beethovens Sinfonien noch ganz bei sich, zieht sich zuweilen aus der Musik heraus und hört zu: einem Walzer in „Un Bal“, dem Dialog zweier Hirten in der „Scène aux champs“. Die Musik baut gleichsam eine Bühne, auf der das Ich im „Marche au supplice“ seiner eigenen Hinrichtung zuschaut.

Man hört das oft als orchestrale Virtuosennummer, und das ist es ja auch. Unter Abbados Leitung indes wird die Sache insofern ernst, als die virtuose Geste die Brüche nicht verdeckt. Selten hat man gehört, wie gestückt die Symphonie fantastique gebaut ist; das Finale zerfällt bei Abbado in ein wildes Potpourri. Das Formschema im Hintergrund wird von der bunten Menge expressiver Geistesblitze außer Funktion gesetzt. Selbst der Marschsatz, der eigentlich noch am kontinuierlichsten wirkt, enthält einige von Berlioz’ kühnsten Ideen wie die absteigende Tonleiter, bei der jeder fast Ton anders artikuliert und instrumentiert ist. Das banale Gebilde wird in Einzelklänge fragmentiert. Solche Momente profiliert Abbado so deutlich, dass man sie wieder neu entdecken kann – auch in ihrer zersetzenden Wirkung auf die im Titel behauptete Form der Sinfonie.

Wie glatt ging das zuvor bei Mendelssohn auf! Hier stehen Details und Ganzes in organischem Verhältnis. So hebt Abbado in der Ouvertüre im Mückenschwarm der gedämpften Streicher die pizzicato-Töne der Bratschen deutlich hervor, weil sich diese später zu kleinen Bläsermotiven entwickeln, die dem Schwirren noch mehr Kontur geben.

Die Damen des Bayerischen Rundfunkchores sowie Deborah York und Stella Doufexis steuerten mit feinem, hellen Klang zwei Lieder bei, die sich vollendet in die subtil getönte Landschaft zwischen deutscher Waldhornromantik und impressionistischen Streicher-Bläser-Farben einfügten. Abbado wurde von seinen Berliner Freunden herzlich begrüßt und mit stehenden Ovationen verabschiedet.