Kann man wirklich nicht vorbei an Ende, Tod und Untergang? Ist denn die gesamte Theaterliteratur mit Zitaten gespickt, die auf den Schluss von Theaterdirektorenamtszeiten anspielen? Ist vielleicht sowieso alles Tun auf der Bühne eine Metapher für die Vergänglichkeit und mithin eine schöne Illustration für den Anlass, der am Sonntag die Besucher ins Berliner Ensemble strömen ließ: zu Claus Peymanns letztem Abend?

Die Schlange am Schalter für nicht abgeholte Karten blockierte die Kassenhalle, auch die Plätze im Rangfoyer und im Hof, wo das Bühnengeschehen per Video zu verfolgen war, reichten nicht.

„Ich war dabei“

Der Schauspieler Axel Werner trug das einem theaterhistorischen Moment angemessene T-Shirt mit der Aufschrift: „Ich war dabei“. Dabei war der Abend wie geschaffen für alle, die bisher nicht dabei waren. Sie hätten sich einen umfassenden Eindruck von den 18 vergangenen Peymann-Spielzeiten verschaffen können.

Aber natürlich waren Fans und Wegbegleiter im Saal und frischten Posten für Posten all die schönen und anderen Erinnerungen auf, die sie dem Haus zu verdanken haben.

39 Abschiedsküsse

Die Dramaturgin Jutta Ferbers hat Szenen, nicht aus allen 190, aber immerhin aus 39 Inszenierungen zu einem fünfstündigen Potpourri zusammengestellt. Und eine jede funktionierte als Abschiedskuss. Von „Dem Mimen flicht die Nachwelt...“ (Schiller) über „Verweile doch...“ (Goethe) bis zu Ionescos Stühlen: „Die Alte: ,Wir sterben auf dem Gipfel des Ruhms, sie werden eine Straße nach uns benennen.’ − Der Alte: ,Wir werden in einsamen Wassern verfaulen.’“

Oder: der Ichtyosaurus aus Brechts „Baal“, der, als Noah ihn auf die Arche retten will, antwortet: „Nö. Ich glaube nicht an die Sintflut.“ Oder: „Ich schreib mir den eigenen Nachruf in den Staub mit meinen Tränen“ (Shakespeare). Oder: „sein das heuten tag es sein ein scheißen tag.“ (Jandl). Ja, man hat verstanden! Aber das ist noch lange kein Grund aufzuhören.

Alle auf die Bühne!

Es ist ja auch ein Defilee der Schauspieler. Sie wollen alle noch mindestens einmal auf die Bühne, die sie zum größten Teil nun verlassen werden, wenn sie der Neue, Oliver Reese, mit seinem Ensemble verdrängt. Und die mit dem BE verbundenen Stars müssen sich schon auch noch mal kurz zeigen: Nina Hagen, Katharina Thalbach, Georgette Dee, Angela Winkler und kurz vor Schluss dann Herbert Grönemeyer.

Überhaupt wurde der ganze Besteckkasten des Theaters ausgepackt: Stepptanz, Blasmusik und Säbelfechterei, großes Knatterdrama, leichte Lustspielkost, zarte Sangeskunst und Hymnenschmetterei. Wie kriegt man Maries Tod, Johannas Schlachtruf und Peymann auf der Sulzwiese zusammen?

Voll rein

Der Zuschauer ist im Wechselbad der Emotionen schnell abgehärtet, aber die Schauspieler bleiben auf Zack und werfen sich auch ausschnittweise voll rein in den Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung, oder ins Sterben, ins Lieben, ins Augenzwinkern.

Dazu kommen Filmaufnahmen, die in diesen Jahren gestorbene Regisseure wie George Tabori, Thomas Langhoff, Luc Bondy oder Peter Zadek sowie Schauspieler wie Traugott Buhre, Gert Voss, Walter Schmidinger, Ruth Glöss, Peter Fitz sowie Inge Keller aufleben lassen. Das letzte Bild um viertel vor zwölf: Carmen-Maja Antoni als Mutter Courage zieht, wie einst die Weigel, den Marketenderwagen von der Bühne.

Großes Theaterlächeln

Aber was heißt schon letztes Bild, schließlich geht es jetzt ans Klatschen, Jubeln, Knuddeln, Weinen, Blumenwerfen. Das Publikum erkämpft sich fünf Zugaben, singt Mackie Messer im Chor mit dem beeindruckenden Künstler- und Mitarbeitergewimmel auf der Bühne.

Peymann wendet sich mit ausgebreiteten Armen den Seinen zu, sackt vielleicht ein bisschen zusammen, aber nur, um sich mit einem Ruck und einem großen Theaterlächeln zum Publikum zu drehen. Als der Jubel nach einer halben Stunde langsam zu zerfasern beginnt, ergreift ein Zuschauer die Gelegenheit, um Selbstgedichtetes zu Ehren des Scheidenden in vielen Strophen vorzutragen.

Lasst es krachen!

Dann hatte auch Peymann genug. Mit seiner Autorität zeigte er auf seine Uhr, und die Leute gingen vor das Haus − zum Höhepunkt, dem Feuerwerk. Es begann fast zart mit fluffenden Lichtern zu „Yesterday“ von den Beatles, dann aber böllerten die Salven aus allen Theaterfenstern, dass man fast Angst um das Haus und das eigene Leben oder zumindest das Gehör hatte.

Claus Peymann hat es selbst bezahlt, er weiß, wie man es Krachen lässt. Oder wie besagter Zuschauer dichtete: „Einst steh auf seiner Ruhmesplatte, er war ein Mann, der Eier hatte.“