Diese Frau braucht nur zu säuseln oder zu summen, dann brechen gewaltige Stürme los; mit beiläufigen Bewegungen ihrer Hand entfacht sie die wildesten Wellen aus Sounds. So zärtlich Holly Herndon auch in ihr Mikrofon haucht, so kraftvoll und grob können die Effekte sein, die dann aus ihrem Laptop erschallen: Man hört Schnarren und Schreien, fluffige kleine Wolken aus Klang und zäh sich über die Hörer wälzenden Schlamm aus Lärm. Gelegentlich verbinden die Klänge sich auch zu Beats, um dann wieder in dunkelbuntes Pumpeln zu regredieren. Doch was immer man bei Holly Herndon auch hört, alles entspringt aus derselben Quelle: aus der Stimme der Künstlerin.

„Movement“ heißt das Albumdebüt, das sie am Donnerstag beim Club Transmediale im Berghain vorstellte: eine der aufregendsten und tollsten Platten der Saison. Die konzeptuelle Strenge der akademischen Computermusik verbindet sich hier mit dem Minimalismus und der Wiederholungsästhetik des Techno; und dennoch findet man – und das ist das Tolle daran – in allen Klängen auch eine romantische Note.

In San Francisco hat Herndon gerade ihr Kompositionsstudium abgeschlossen. Doch lebte sie vorher lange Zeit in Berlin – regelmäßige Konzertbesucher könnten sie noch als Tresenkraft aus dem Westgermany kennen. Mit „Movement“ hat sie nun gewissermaßen die Ästhetik der neuen „Voice Processing Girls“ auf die Spitze getrieben: Auch Julia Holter, Grimes oder Channey Leanagh von der Gruppe Poliça haben ja im vergangenen Jahr mit Autotune, Vocoder und anderen Mitteln ihre Stimmen virtuos und effektvoll verfremdet. Doch ist Herndon konzeptuell noch strenger und radikaler; und deutlicher noch strebt sie in der der technischen Manipulation des Gesangs nach künstlerischer Emanzipation.

Gerade Sängerinnen, sagt sie, hätten ja viel zu lange den Sound und die vermeintliche Natürlichkeit ihrer Stimme von männlichen Produzenten herstellen lassen – es sei höchste Zeit, dass sie selbst die Verfügungsgewalt zurückgewinnen. Und wirklich, so wie Herndon im Berghain ihre Stimme filterte, zerhackte und wieder zusammensetzte, klang sie weder „natürlich“ noch „artifiziell“. In dem Stück „Breathe“, mit dem sie das Konzert begann, modulierte sie ihre Atemgeräusche erst zu Cyborggeschnarre, um dieses dann wieder mit lieblichen Weichzeichnereffekten zu runden.

Am Ende des Auftritts verbanden die Stimmfetzen sich dann zu einem heiter und tanzbar emporstrebenden Techno-Track – über dessen Beats aber Holly Herndon dann wieder weit ausholende und zarte Melodiebögen sang, von einem Vocoder leicht granuliert: ein Moment zum Niederknien.

Übelkeit, Kopfschmerzen und generelle Verwirrung

Weit weniger überzeugend – gerade im Kontrast zu der Klugheit und konzeptuellen Souveränität dieser Frau – war am Mittwochabend der Auftritt von Hendrik Weber alias Pantha du Prince. Er stellte im Hebbel Theater seine neue Platte „Elements of Light“ vor, die er mit einem Ensemble von dänischen Glockenspielern aufgenommen hat. Analoges Gebimmel trifft hier auf digital erzeugte Beats – woraus sich auf der Platte eine Vielzahl interessanter Interferenzen und Vibrationen ergibt. Im Konzert war davon aber wenig zu hören, hier herrschte vor allem eine simple Verdopplung von Klangstrukturen vor und ein selbstgenügsamer Genuss am Gebrauch selten eingesetzter Musikinstrumente.

Die in schimmelgrüne Schmiedschürzen gekleideten Glöckner hatten den gut wieder erkennbaren – man könnte auch sagen: allzu vorhersehbar gewordenen – digitalen Rhythmen und Harmonien wenig mehr hinzuzufügen als eine kunsthandwerklich-ornamentale Verfettung des Klangs. Befremdlich zudem, dass sich Weber neben den Glocken auch noch ein Marimbaphon, Steeldrums und ein Live-Schlagzeug auf die Bühne gestellt hatte: Ein lebender Drummer, der mit Trommel, Hi-Hats und Snare einem Technobeat hinterher klappert, gehört fraglos zum Lächerlichsten, was man sich in der Popmusik vorstellen kann.

Ob Pantha du Prince, wie ein empörter Hörer vor dem Saal schimpfte, damit zum „Paul Kalkbrenner des Glockenspiels“ geworden ist, soll aber dahingestellt bleiben. Immerhin bot sein Wellness-orientierter Klang einen interessanten Kontrast zu dem Konzert, das man sich am Mittwochabend gleich danach im Berghain ansehen konnte. Die Präsentation des Berliner PAN-Labels wurde von Mark Fell eröffnet, einem leicht verhuscht wirkenden Briten, dessen Platten in etwa so klingen, als habe sich ein entdeckungslustiges Kind gerade zum ersten Mal über eine Drum-Machine hergemacht. Im Berghain erzeugte er auf einem zerschundenen Keyboard stotternde Beats und ließ dazu in der Mitte des Saals riesige, fast deckenhohe Aufblasfiguren tanzen. Vor allem aber quälte er seine Hörer mit dem grellsten und schmerzhaftesten Stroboskopgewitter, das man sich vorstellen kann.

Mit interessantem Erfolg: Die dicht gedrängte Menge geriet kollektiv ins Trudeln; erwachsene Männer, die sonst einen sehr kräftigen Eindruck erwecken, klagten über Übelkeit, Kopfschmerzen und generelle Verwirrung und suchten nach einem lichtgeschützten Ort. Gut, dass es die kleine Eisdiele im zweiten Berghain-Stock gibt! Dort habe ich dann, während die Leute unten schwer litten, eine hervorragende Kombination aus Erdbeer- und Zitroneneis aufgeschleckt.