Vielstimmiges Singen, Brummen, Säuseln und Grunzen zur Abwendung der planetaren Klimakatastrophe gab es bei der Eröffnung des diesjährigen CTM Festivals zu hören; man kann sagen, dass die drei Leitbegriffe des Festivalthemas – „Fear Anger Love“, Furcht, Zorn und Liebe – bereits in diesen ersten knapp anderthalb Stunden eindrucksvoll und befriedigend zur musikalischen Erscheinung gelangten.

Im ausverkauften HAU1 trat die kanadische Sängerin Tanya Tagaq auf und improvisierte mit dem Schlagzeuger Jean Martin und dem Geiger Jesse Zubot; während letzterer sein Gerät durch eine Vielzahl von Filter und Schleifen-Effekte hindurch spielte, fügten die live getrommelten Rhythmen sich in komplexe Echo-Strukturen.

Bloßer Budenzauber

Doch mussten alle elektronischen Klangwandlungsmittel neben der wandlungsreichen Stimme von Tagaq notwendig zu bloßem Budenzauber verblassen: Ein ganzer Chor aus singenden Menschen und Tieren, aus Kultur- und Naturgeräuschen drang aus ihrer Kehle hervor und erschütterte ihren Körper und die atemlos ihr zuhörenden Menschen; sie hechelte und ächzte und stöhnte, heulte wie eine Wölfin und machte nach der Art von Walkühen Muh.

Der Tagaq’sche Gesang entspringt der Tradition des Katajjaq, einer ausschließlich von Frauen betriebenen Kunst aus der Kultur der Inuit, der indigenen, traditionellerweise nomadischen Völker aus den nordöstlichen Regionen Kanadas. Beim Katajjaq fassen zwei Sängerinnen sich an den Händen, die eine gibt mit ihren Atemgeräuschen einen Rhythmus vor, die andere variiert darüber mit wechselnden Kehlkopfgeräuschen. Ein Wechselspiel aus Einatmen und Ausatmen, das in der Erschöpfung der Hyperventilation endet oder im befreienden Lachen; manchmal fassen die Sängerinnen sich dazu auch um die Taillen oder atmen und singen einander mit direkter Berührung in die Münder hinein.

So sei der Katajjaq, wie Tanya Tagaq am Sonnabend in einer kurzen Einführung erläuterte, schon immer auch eine erotisierende Musik gewesen: „Es geht um Sex, und wen gibt es schon, der sich nicht für Sex interessiert?“ Nicht zuletzt deswegen hatten die Kolonialisten und Missionare, die sich den arktischen Nordosten Kanadas politisch und religiös zu unterwerfen versuchten, den Katajjaq über viele Jahrzehnte verboten. Die Kultur des Kehlkopfgesangs sollte ebenso verschwinden wie die nomadische Lebensweise der Inuit; auch die Familie von Tanya Tagaq war in den 1950er-Jahren umgesiedelt und zwangsweise sesshaft gemacht worden.

Kampf um traditionellen Kehlkopfgesang

Im Kampf um den traditionellen Kehlkopfgesang spiegelt sich der Kampf der Inuit um ihr Überleben. Seit zwei Jahrzehnten versucht Tagaq, den Katajjaq in die Gegenwart zu retten, indem sie ihn – zur Solistenkunst transformiert – mit Pop- oder Improv-Musik kombiniert.

So hat sie mit Björk musiziert, mit dem Kronos Quartet und mit dem Post-Hardcore-Kunstgackerer Mike Patton; sie hat „Caribou“ von den Pixies gecovert, weil sie es nach eigener Auskunft „lustig“ fand, dass dieses Lied von jemandem gesungen wird, der selber schon Karibus jagte.

Auch hat sie den Zorn der Tierrechtsorganisation Peta erregt, weil sie sich mit ihrer kleinen Tochter neben einer frisch erlegten Robbe fotografieren ließ; aus ihrer Perspektive ist der kulturell rücksichtslose Dogmatismus von Peta ebenso kolonialistisch wie die Repression durch den kanadischen Staat, der inzwischen zwar die Zwangsumsiedlungen früherer Jahrzehnte bedauert, aber das Ökosystem der Inuit-Territorien durch den Ausbau der Fracking-Technologie von neuem bedroht.

Neues Album „Retribution“

Tagaqs gerade erschienenes Album „Retribution“ handelt denn auch von der kommenden Apokalypse und den Zeichen, die sie voraussendet. Doch so politisch aufgeladen ihre Musik auch ist: Im Konzert kam sie, abgesehen von einer kurzen Passage am Schluss, paradoxerweise ganz ohne Sprache im herkömmlichen Sinn aus. Lieber ahmt sie die Geräusche der eisigen Wüsten nach und der knirschenden Gletscher.

Sie heult so euphorisch wie ein ganzes Rudel von Hunden und growlt so tief, dass neben ihr noch der kunstfertigste Death-Metal-Grunzer unter seiner Leichenschminke erblassen muss. Sie hechelt und stöhnt sich in orgiastische Geräuschcluster hinein. Sie wirft sich in die aus ihr heraustretenden Geräusche und wird mit ihrem ganzen Körper zur Welle; in der letzten Viertelstunde kauert sie auf dem Bühnenboden und verbirgt ihr Gesicht und lässt die von ihr ausgestoßenen Laute allein zum Himmel streben; eine unverständliche und zugleich unmittelbar zugängliche Musik aus einer Zeit, in der die Menschen mit den Tieren und mit den Pflanzen, mit dem Wind und der Welt noch zu sprechen verstanden.