Mannheims Nachtbürgermeister Hendrik Meier.
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Berlin/MannheimHendrik Meier ist der erste und bislang einzige Nachtbürgermeister Deutschlands. In Mannheim vertritt er im Auftrag der Stadt die Interessen des Nachtlebens und vernetzt Clubbetreiber, Anwohner und Verwaltung. In Zeiten von Clubschließungen und Corona eine besonders aufreibende Aufgabe – die für Meier zum Fulltimejob wurde, den er jetzt abgibt. An diesem Wochenende wird ein neuer „Night Mayor“ seinen Dienst antreten. Zeit für Meier, Bilanz zu ziehen.

Herr Meier, Sie haben den Job des Nachtbürgermeisters jetzt zwei Jahre lang gemacht. Welches Ereignis wird Ihnen aus Ihrer Amtszeit am eindrücklichsten in Erinnerung bleiben?

Eigentlich ist das gleich das erste Gespräch, das ich mit einem verärgerten Anwohner der Oststadt führte. Er echauffierte sich über den Lärm einer benachbarten Studenten-WG, doch im gemeinsamen Gespräch war seine Wut schnell verraucht. Die WG stellte einen Sekt samt Entschuldigung vor die Tür. Als Dankeschön lud mich der Anwohner noch in sein Ferienhaus in Florida ein – was ich natürlich nicht angenommen habe. Der Fall zeigte mir, wie sich in kleinen Geschichten die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Nacht und die Nachtkultur offenbaren. Am Ende entstehen Konflikte, wenn man Menschen nicht kennt und in seiner Blase bleibt. Wenn man hingegen miteinander redet, die Feiernden darum bittet, Bescheid zu sagen und die Nachbarn vielleicht mit einzuladen, entspannt sich die Situation. Bei Anwohnerstreitigkeiten um einen Club ist es das Gleiche: Mit Gesprächen und Menschlichkeit lässt sich da einiges machen.

Wenn Sie für Ihren Nachfolger eine Stellenbeschreibung entwerfen müssten, was würde darin stehen?

Man müsste eigentlich eine eierlegende Wollmilchsau zeigen. Die Stelle wurde ja proaktiv geschaffen, um Spannungsfeldern wie Lärm oder Vermüllung vorzubeugen sowie Projekte rund ums Nachtleben zu initiieren. Wir haben in Mannheim 130 Bars und Clubs auf gut 300.000 Einwohner, wir sind das Ausgehzentrum für 2,4 Millionen Menschen in der Rhein-Neckar-Region. Da gilt es, viele Interessen abzubilden, sich zu vernetzen und im Zweifelsfall Mediation anzubieten. Man ist gewissermaßen Kurator, gibt neue Impulse und macht das Nachtleben transparenter. Die Clubszene, das sind keine Nischenschuppen, in denen sich Gäste mit Drogen vollpumpen. Die Szene ist quirlig und divers. Diese Imagepflege ist eine wichtige Aufgabe für die Stadt.

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Zur Person

Hendrik Meier, 29, kommt aus Nürnberg und studierte an der Popakademie in Mannheim Musik- und Kreativwirtschaft. Seit drei Jahren hat er eine eigene Bookingagentur, veranstaltet Tourneen und legt als DJ auf.

Seit August 2018 ist Meier „Night Mayor“ in Mannheim und damit der erste Nachtbürgermeister Deutschlands. Er ist Teil der Kulturellen Stadtentwicklung/Startup Mannheim. Am 1. August tritt Meiers Nachfolger seinen Dienst an. Die Stadt Heidelberg will im Herbst ebenfalls einen Nachtbürgermeister einsetzen.

Warum wollen Sie diese Aufgabe jetzt abgeben?

Hinter mir liegen zwei intensive und ereignisreiche Jahre, die ich aufarbeiten möchte, um dann neue Wege zu gehen. Ich werde dem Nachtleben treu bleiben, schließlich wurde ich in Clubs und Kulturzentren sozialisiert. Aber ich besitze eben auch noch eine Booking-Agentur und bin Veranstalter in Mannheim, dafür blieb zuletzt keine Zeit. Den neuen Nachtbürgermeister werde ich aber bis zum Jahresende noch unterstützen.

Konnten Sie in den vergangenen zwei Jahren Konkretes erreichen?

Wir haben bestehende Initiativen gestärkt sowie neue ins Leben gerufen, zum Beispiel die „Nette Toilette“: Eine Seite, auf der Gastronomiebetriebe verzeichnet sind, bei denen man kostenlos und ohne Konsumzwang das WC benutzen darf. Im Szeneviertel Jungbusch gibt es jetzt Pfandkisten an Lichtmasten und Mülltonnen, damit Sammler nicht mehr in die Mülleimer greifen müssen oder überall Scherben rumliegen. Die Kampagne „Luisa ist hier“ richtet sich gegen sexualisierte Gewalt. Wird eine Frau belästigt, kann sie sich mit der Frage nach „Luisa“ aus der Situation befreien und sofort Hilfe bekommen. Barpersonal und Clubbetreiber wurden entsprechend geschult. Zur Sicherheit im Nachtleben gehört auch ein Frauennachttaxi: Jede Fahrt von Frauen zwischen 22 und 6 Uhr wird mit sieben Euro von der Stadt subventioniert.

Haben die Behörden Sie bei Ihren Anliegen unterstützt?

Ich wurde herzlich aufgenommen und bekam schnell alle nötigen Infos, schließlich hatte ich von Verwaltungsrecht wenig Ahnung. Mit manchen Anliegen bin ich allerdings auch gegen die Wand gerannt. Wir wollten zum Beispiel die sogenannte Putzstunde – in Baden-Württemberg gilt ja am Wochenende zwischen 5 und 6 Uhr eine gesetzliche Sperrstunde – mal in zwei Clubs pro Wochenende abschaffen und ein ähnliches Modell wie in Berlin oder Amsterdam probieren. Das hat nicht funktioniert, da ist man hier schon etwas konservativer als in der Partyhauptstadt Berlin.

Mit welchen Problemen hat das Nachtleben sonst zu kämpfen?

Es gibt hier die klassischen Müll- und Lautstärkekonflikte wie in anderen Städten auch. In der Außenwahrnehmung wird Mannheim allerdings oft mit Industrie, den Söhnen Mannheims oder den „Benz-Baracken“ assoziiert. Ich habe von diesem Image relativ wenig gewusst, als ich 2016 hierher kam und fühle mich sehr wohl in der Stadt. Mannheim vollzieht längst den Wandel von der Industrie- hin zur Kreativ-und-Innovationsstadt und es ist gerade – sieht man von Corona mal ab – eine verdammt gute Zeit, um hier zu leben.

Dabei macht die Corona-Pandemie gerade den Clubbetreibern das Leben schwer. Wie sehr leidet die Szene in Mannheim unter den Schließungen?

Bislang musste ein Club aufgeben, das lag allerdings nicht nur an Corona. Die Betreiber hoffen auf schnelle und unbürokratische Hilfen, und wir unterstützen sie bei den Anträgen und bei der Suche nach Alternativen. Clubs müssen Nutzungsänderungen beantragen, als Barbetriebe mit Außenbestuhlung weitermachen. Wir leiten Gespräche mit den Behörden in die Wege und suchen neue Orte, die man trotz Corona bespielen kann. Es geht um viele Existenzen und um kulturelle Identität.

In Berlin haben sich am vergangenen Wochenende Tausende Menschen in der Hasenheide getroffen, um illegale Partys zu feiern. Wie erleben Sie die dazugehörige Debatte?

Das ist ein schwieriges Feld. Natürlich sind diese Partys nicht okay. Aber ich finde es auch unfair, dass den Feiernden und den Clubs die Rolle als schwarzes Schaf der Superspreader zugeschoben wird. Der Großteil der Clubszene plädiert übrigens dafür, weiterhin vorsichtig zu sein und nicht aufzumachen. Aber man muss den Betreibern und Angestellten mit Kurzarbeitergeld und der Übernahme von Betriebs- und Mietkosten helfen. Sonst hagelt es spätestens mit einer zweiten Welle Insolvenzen. Booker und Veranstalter hängen da genauso mit dran. Auch in einer Phase, in der das Feiern nicht an erster Stelle steht, ist das Nachtleben bedeutsam. Clubs und Bars leisten seit Jahrzehnten wichtige Sozialarbeit, indem sie jungen Menschen Räume bieten und durch Barpersonal und Türsteher auch soziale Kontrolle ausüben. Sie verdienen Unterstützung. Und unterstützen kann man auch als Privatperson: Überall sehe ich Menschen mit Soli-Merch von Clubs aus ganz Deutschland rumlaufen. Hier würde ich mich freuen, wenn das noch zunehmen würde.