Coconut Hero: Probeliegen im Sarg

Mike ist ein rücksichtsvoller 16-Jähriger. Bevor er sich erschießen will, legt er sein Zimmer mit Plastikfolie aus. Dann hat Mama nicht so viel wegzumachen. Solche Einfühlsamkeit ist nicht typisch für Menschen dieses Alters. Während Mike sich vorbereitet, erklingt ein fröhliches kleines Lied, dessen Interpret einen bei Gitarrenklängen dazu ermahnt, sich keine Sorgen zu machen. Und es fließt dann auch wirklich gar kein Blut, die Schrotflinte war nur mit Platzpatronen geladen. Mist! Wieder ein Selbstmordversuch, der daneben gegangen ist. Bei „Coconut Hero“, das macht die Eingangsszene klar, handelt es sich um eine Tragikomödie. Mit leichter Hand werden hier die drei großen Themen verhandelt: das Leben, die Liebe und der Tod.

Mike lebt allein mit seiner überforderten, leicht verbitterten, aber auch sympathischen Mutter (Krista Bridges) in einem kanadischen Dorf, wo die Häuser Holzfassaden und versetzte Giebel haben, wie man sie aus New England kennt. Der Vater (Sebastian Schipper, der Regisseur von „Victoria“ und einziger deutscher Schauspieler in diesem Film) hat sich aus dem Staub gemacht, taucht aber wieder auf, nachdem er eine von Mike selbst geschaltete Todesanzeige in der Zeitung entdeckt hat. In der Schule wird Mike gehänselt, Freunde scheint er keine zu haben. Das geht sicher manchem jungen Menschen so, doch bei Mike handelt es sich offenbar um ein besonders empfindsames Exemplar. Er möchte am liebsten tot sein, und als bei ihm zufällig ein Hirntumor entdeckt wird, sieht man ihn zum ersten Mal lächeln. An das Gespräch mit dem Arzt schließt sich eine der schönsten Szenen des Films an, eine Traumsequenz mit einem Fahrradballett. Das Leben kann ja so schön sein, ist alles nur eine Frage der Perspektive! Klar, dass Mike zu Hause kein Wort von dem Gewächs in seinem Kopf verlauten und den OP-Termin verstreichen lässt.

Der Hauptdarsteller spielt einen wunderbar melancholischen Jungen

Der in Russland geborene Schauspieler Alex Ozerov, der erst mit 13 Jahren nach Kanada gekommen ist, verkörpert Mike. Und er ist eine Entdeckung. Sein Spiel ist wunderbar melancholisch. Wenn der Junge etwa zwecks Probeliegens in Särgen ein Beerdigungsinstitut aufsucht, wird die Szene dank seiner nicht allein zu einer Lachnummer. Man muss auch schlucken. Ozerov spielt den Teenager, der sich langsam aus der oft auch demütigenden Macht der Eltern befreit, ohne viele Worte. Sein Gesicht spricht.

Als amerikanischer Indie made by Germans ist der Film im Vorfeld bezeichnet worden. Da ist was dran. Der Regisseur Florian Cossen und seine Drehbuchschreiberin Elena von Saucken, die schon bei „Das Lied in mir“ zusammengearbeitet haben, kommen zwar aus Deutschland, aber dieser Film wirkt gar nicht deutsch. Das liegt zum einen an der Lakonie der Dialoge und dem Humor, der dadurch entsteht: „Sie können Ihren Sohn jetzt nicht mit nach Hause nehmen“, sagt ein besorgter Arzt am Krankenbett zu Mikes Mutter. „Oh, ich nehme ihn nicht mit nach Hause“, antwortet die: „Ich bringe ihn in die Schule“, antwortet sie. Der universale Eindruck verdankt sich aber auch den Weiten Kanadas, die einen die Kamera manchmal aus der Vogelperspektive erleben lässt. Kein Elektromast, kein Haus, keine Zugtrasse weit und breit. Nur ab und zu ein einsamer See. Und die Wälder bereiten sich bereits auf den Indian Summer vor. Da atmet man gleich freier.

Coming of age

Und dann darf man zudem noch den Beginn einer hauchzarten Jugendromanze erleben. Vom Amt wird Mike in einen Kurs geschickt, der sein Körperbewusstsein stärken soll. Dort muss er im Kreis alter Leute bunte Bänder rhythmisch schwenken. Peinlich! Und dann kommt die Kursleiterin Miranda (herrlich unschuldig blickend: Bea Santos) auch noch in den Friseursalon seiner Mutter, wo er beim Haarewaschen aushilft. Doch die nur wenig ältere Lehrerin ist verrückt genug, dass sie mit diesem Jungen etwas anfangen kann. Und er mit ihr. Man kann nicht anders, als sich von der tastenden Annäherung der beiden, die allerlei skurrile Haken schlägt, das Herz wärmen zu lassen. Einen Beitrag dazu leistet auch der allerliebste Soundtrack.

Nun scheint der Ausgang vorhersehbar, doch es kommt nicht, wie man denkt. Ein Happy End gibt es nicht. Stattdessen ist es bittersüß.

Coconut Hero Dtl./Kanada 2015. Regie: Florian Cossen, Drehbuch: Elena von Saucken, Kamera: Brendan Steacy, Darsteller: Krista Bridges, Alex Ozerow, Bea Santos u. a.; 101 Minuten, Farbe. FSK ab 12