„Colette“: Keira Knightley verkörpert französische Schriftstellerin

Die Schnüre sind kaum bis zur Taille festgezogen, als Colette (Keira Knightley) ihren Versuch aufgibt, sich in das Korsett zu zwingen. Den Salon betritt sie in dem schlichten Kleid, das sie seit ihrer Jugend auf dem Land trägt. Es ist ein kleines, fast beiläufiges Sinnbild, mit dem Regisseur Wash Westmoreland unterstreicht, dass das junge Mädchen aus Burgund nicht vorhat, sich in ihre Ehe mit Henry Gauthier-Villars (Dominic West), genannt „Willy“, zu ergeben, oder sich an die Pariser haute société anzubiedern.

Colette will, wie ihr Mann, ein Teil der Fin-de-Siècle-Kultur werden – nicht als weiblicher „Anhang“ in den Salons von Paris, nicht als eine von vielen Frauen in seinem Bett, nicht in einem überteuerten Korsett.

Eine Stimme durchs Schreiben

So sucht Colette ihre eigene Stimme beim Schreiben. Zunächst ist es Willy selbst, der sie ermutigt, für ihn zu arbeiten. Als Mann dessen Gespür für literarische Erfolge nur von den Kosten seines extravaganten Lebensstil übertroffen wird, kann er eine neue Ghostwriterin gut gebrauchen.

So dichtet Colette ihm einen Roman, der auf ihrer eigenen Jugend basiert. „Claudine“ heißt die Hauptfigur. Ein Alter Ego Colettes, das in kurzer Zeit zur beliebtesten Kunstfigur Frankreichs avancieren wird. Nannte Willy den Roman nach dem ersten Lesen noch „zu feminin“ und „zu wenig auf den Plot konzentriert“ – eine Kritik, die er nonchalant rausposaunt, während er in einen Nachttopf pisst –, muss er sich bald eingestehen, dass Colettes literarisches Talent sein eigenes weit übertrifft. Sie bringt ihre Jugend, ihre Erinnerungen und ihre Sehnsucht aufs Papier, während er nur einen Künstlernamen stiftet.

Keine Erfüllung

Eine so unschlagbare wie unhaltbare Konstellation (Name des Manns plus Talent der Frau), die zunächst finanziellen Erfolg, aber – ähnlich wie die Ehe der Beiden – keine bleibende Erfüllung bringt.

Denn so wenig Colette bereit ist, ihren Körper in ein Korsett zu zwingen, so wenig hat sie Interesse daran, ihre Worte auf ewig mit der Unterschrift ihres Mannes zu versehen. Bald konkurrieren Colette und Willy um literarische Anerkennung und, nachdem Willys erste Affäre auffliegt und Colette sich ihre eigene Affäre sucht, auch um die Liebhaberinnen.

Die Werte der Zeit umkrempeln

Westmorelands Film gibt sich dabei nie kämpferisch. Seine letzte gemeinsame Arbeit mit dem 2015 verstorbenen Ehemann Richard Glatzer zeigt das Ringen der bisexuellen Schriftstellerin um Anerkennung nicht mit dem Ethos moralischer Entrüstung. Die Konflikte, die Colettes Leben bestimmen, werden nicht mit offenem Visier an klar abgesteckten Frontlinien ausgetragen. Der Film krempelt, wie die Schriftstellerin selbst, die Werte der Zeit mit einer spielerischen und im besten Sinne des Wortes gewitzten Eleganz um.

Die scheinbar rationale Überheblichkeit des Ehemanns prallt an Colette ab; seine spontanen poetischen Vorträge, die den Salonlöwen in Paris so beliebt machen, werden regelmäßig von ihrem Wortwitz ausgekontert und selbst bei der Verführungskunst läuft sie ihm lässig den Rang ab.

Willy ist nicht eifersüchtig auf die Liebhaberinnen der Ehefrau – schließlich macht er sich auf die gleiche Art schuldig. Und doch fehlt ihm und seinem betont maskulinen Selbstverständnis als Lebemann die Fähigkeit, das leidenschaftliche und progressive Weltbild seiner Ehefrau zu verstehen.

Als beide auf die androgyne Künstlerin Mathilde „Missy“ de Morny (Denise Gough) aufmerksam werden, kommt Willys Wortschatz, konfrontiert mit der ungewöhnlichen Geschlechtsidentität, endgültig an seine Grenzen. Colette hingegen wird an der Seite Missys einen Weg gehen, den die Fesseln ihrer Ehe nicht zuließen.

Film beweist erstaunliche Kunstfertigkeit

„Colette“ ist das Porträt einer Frau, die ihre Zeit hinter sich lässt. Ob in ihren Romanen, auf der Bühne des Moulin Rouge oder in den Pariser Salons: Westmoreland durchschreitet das Paris des Fin de Siècle spielerisch an der Seite seiner Protagonistin. In der Sprache wie auch in der Mode beweist der Film dabei eine erstaunliche Kunstfertigkeit.

Während die Kostüme nicht nur im Bruch mit Rollenbildern, sondern auch mit winzigen Ungereimtheiten wie Zahnpastaflecken das Pariser Bürgertum charakterisieren, belebt die Sprache alle Facetten des Films: gestelzt oder eloquent werfen die gutbürgerlichen sie in den Salons hin und her; schwerfällig oder beflügelt bringen Colette und Willy sie aufs Papier; mühelos drückt sie die Ekstase aus, die Colette in der Scheune oder im Schlafzimmer mit dem Ehemann und den Liebhaberinnen teilt. „Colette“ erzählt sprachgewandt und leichtfüßig von dieser Leidenschaft. Einer Leidenschaft, die sich von keinem Korsett einschnüren ließ.

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Colette Großbritannien, USA, 2018.
Regie: Wash Westmoreland;
Buch: Richard Glatzer, Wash Westmoreland, Rebecca Lenkiewicz;
Darsteller: Keira Knightley, Dominic West, Fiona Shaw, Denise Gough u. a.;
Info: 111 Min., Farbe. FSK ab 6