Die Gilbert  & George  des Pop: Ron (l.) und Russell Meal 

Berlin Im Jahr 2000 veröffentlichte Umberto Eco ein dickes Buch über „Baudolino“, wobei der Autor seiner literarischen Figur allerhand Taten unterjubelte. So erfand dieser fiktive Kerl laut Eco den Mythos vom Heiligen Gral und den genialen Trick mit den christlichen Reliquien, er führte Kaiser Barbarossa durch seine Feldzüge durch Italien und tötete ihn schließlich, eher aus Versehen. Umberto Eco erklärt mit diesem Kniff gut ein Dutzend bislang unerklärlicher Ereignisse des Mittelalters: Immer ist’s Baudolino gewesen.

Die Baudolinos des Pop? Das sind die Brüder Mael, die seit 50 Jahren unter dem Namen Sparks von Los Angeles aus ihr Unwesen treiben. Ein Auszug aus dem Register ihrer Taten: Als die große Rockwelt die Bundesrepublik größtenteils als Terra incognita betrachtete, dichteten die Sparks 1973 ein Lied über das „Girl From Germany“ und nahmen mit „Moon Over Kentucky“ einen Song auf, der eindeutig vom Berlin der 20er-Jahre geprägt war, von Brecht/Weill und dem Musical „Cabaret“. Wer also hat bei Bowie und Iggy die Neugierde auf Berlin geweckt? Die Sparks sind’s gewesen!

Ein Jahr später dann bewiesen die Brüder Mael, dass die Eingängigkeit eines Popsongs nicht darunter leidet, wenn man ihn mit zwei Dutzend abenteuerlichen Harmoniewechseln bestückt. Auf dem brillanten Album „Kimono My House“ finden sich gleich mehrere Beispiele für diese Kunst, die rasantesten heißen „This Town Ain’t Big Enough For Both Of Us“ und „Amateur Hour“; Elton John soll damals einiges Geld verloren haben, als er wettete, ersteres Stück würde niemals die britische Top Five erreichen. Tat es doch – worauf Elton John seinen abenteuerlichen Wurf „Captain Fantastic And The Brown Dirt Cowboy“ in Angriff nahm.

Blaupause für alle erfolgreichen Synthie-Duos

Dass sich Queen kurz nach dem Sparks-Geniestreich trauten, „Bohemian Rhapsody“ als Single zu veröffentlichen, ist natürlich auch kein Zufall. Wer sie dazu gebracht hat? Die Sparks sind’s gewesen! Ein letztes Beispiel: Als Ende der 70er-Jahre der Discofox der Disco-Kultur den Saft abdrehte, taten sich Russell und Ron Mael in München mit Giorgio Moroder zusammen, erfanden mit dem Album „No. 1 in Heaven“ Synthiepop auf Dancefloor-Basis und entwickelten damit die Blaupause für die vielen erfolgreichen Synthie-Duos, die in den 80er-Jahren folgen sollten: Soft Cell, Yazoo, Bronski Beat, Pet Shop Boys, Erasure. Wer hat sie allesamt inspiriert? Na, die Sparks sind’s gewesen!

Was die Maels mit Umberto Ecos Figur des Baudolino gemeinsam haben: Viele ihrer Taten geschahen im Verborgenen. Was zur Folge hat, dass die Sparks in der Popwelt nicht den Heldenstatus besitzen, den sie sich verdient hätten. Den beiden Brüdern macht das nicht viel aus. „Zu wissen, dass man im Pop allgegenwärtig ist, und trotzdem unerkannt in den Supermarkt gehen zu können – das ist ein unbezahlbares Gefühl“, sagt Russell Mael und lacht so leise, dass man es übers Telefon kaum mitbekommt. In diesen Tagen veröffentlichen die Sparks ein neues Album, es ist mittlerweile ihr vierundzwanzigstes, und es trägt den Titel „A Steady Drip, Drip, Drip“.

Geplant war, dass die Brüder nach Europa kommen, um die neue LP zu bewerben, auch Berlin wäre auf der Route gelegen; die Pandemie durchkreuzte die Pläne, die Sparks blieben in Los Angeles, nun wird also telefoniert. Russell Mael ist mittlerweile 71 Jahre alt, singt aber auch auf der neuen Platte wie ein junger Gott. Die Stimme hat Volumen, erreicht spielend die höchsten Töne, windet sich in irren Harmonien, die andere Sänger aus der Kurve hauen.

Am Anfang der Karriere, mit seinen wilden Locken und viel zu engen Hosen, sah Russell Mael wie der perfekte Glamrockstar aus, in den 90ern wirkte er wie ein Hollywood-Beau, heute, mit Anfang 70, sind Haut, Haare und Figur weiterhin absolut beneidenswert – was zugleich an den guten Genen und den richtigen Kontakten in L.A. liegt.

Russells Bruder Ron, Jahrgang 1945, hat sich schon früh für einen ganz anderen Look entschieden, lange trug er ein Bärtchen, dass nach ’45 niemand mehr mit Würde tragen konnte – außer Charlie Chaplin und er. Dabei spielt er als Maestro am Keyboard zwei Rollen, mal ist der alberne Clown, mal der strenge Stoiker – wobei er gerne jeweils die Rolle einnimmt, die man in diesem Moment nicht erwartet. Während Ron Mael die Songs schreibt, ist Russell Gesicht und die Stimme der Sparks. Nichts und niemand konnte die beiden bislang trennen: Was Gilbert & George für die Kunst und die Kessler-Zwillinge fürs deutsche Showgeschäft sind, das sind die Sparks für den Pop; noch nie hat einer von den beiden ohne den anderen gearbeitet. Ob sie das könnten? „Diese Frage stellt sich für uns nicht, weil wir es ja gar nicht wollen“, sagt Russell Mael.

Die Zusammenarbeit mit seinem Bruder ähnele seit 50 Jahren dem Idealzustand der kreativen Kooperation, erzählt er „Wir wissen beide, was wir können und was wir schon gemacht haben. Ich vertraue Rons Ideen, er darf meiner Stimme vertrauen. Es gibt keine Risse und keine Abgründe.“ Und wenn einer von beiden eine Idee hat, die der andere für Quatsch hält? „Dann machen wir einen Song daraus und fertig. Ich würde daher niemals behaupten, dass die Sparks nicht auch mal ein schwaches Stück aufgenommen haben. Aber im Großen und Ganzen sind alle unsere LPs ziemlich gut.“

Was auch für das 24. Album „A Steady Drip, Drip, Drip“ gilt: Man kann zum Beispiel den Song „Stravinsky’s Only Hit“, eine Fantasie über einen liegengebliebenen Knaller des russischen Komponisten, als sehr nervig empfinden, eingerahmt wird es jedoch von den Stücken „Pacific Standard Time“ und „Left Out In The Cold“, und man muss schon eine Greatest-Hits-Sammlung der Pet Shop Boys herauskramen, um so perfekten Synthiepop zu hören.

Blicken Popstars auf eine 50 Jahre lange Karriere zurück, ist es häufig so, dass sie mal mehr, mal weniger angesagt waren, das Ganze aber ein einheitliches Gesamtbild ergibt. Bei den Sparks ist das anders, es gibt die These, dass in den vergangenen fünf Jahrzehnten irgendwo auf der Welt immer eine gewisse Sparks-Euphorie herrschte, jedoch niemals an mehreren Orten gleichzeitig. „Da ist was dran“, verzichtet Russell Mael auf die Antithese, „wir widerlegen den Glauben, dass es im Pop entweder aufwärts oder abwärts geht.“ Gehen wir die Discographie mal durch: Zu Beginn ihrer Laufbahn waren die Sparks Stars in Großbritannien, die Leute dort liebten es, dass diese kalifornischen Exzentriker britischer klangen als die allermeisten Briten aus dieser Zeit. „No. 1 In Heaven“, das Album mit Giorgio Moroder, interessierte auf der Insel dagegen nur wenige, dafür schlug es in Resteuropa ein. Als die Sparks in den 80ern auf dem alten Kontinent abschmierten, landeten sie endlich Chart-Erfolge in ihrer amerikanischen Heimat. Runderneuert als Eurodance-Act eroberten sie schließlich 1994 auch das deutsche Radio: Die Single „When Do I Get To Sing My Way“ zählt bis heute zu den wenigen erfreulichen Dingen, die Stationen spielen, wenn sie vom „Besten der 90er“ faseln.

Interessant ist: Seit fünf Jahren hat sich das Hin und Her ein wenig beruhigt, und zwar zugunsten der Sparks, wie Russell Mael erfreut feststellt: „Heute haben wir überall auf der Welt eine solide Fanbasis, bestehend aus Großeltern, Eltern und ihren Kids.“

Ein Sparks-Musical mit Adam Driver in der Hauptrolle

Damit ihnen der Nachwuchs nicht ausgeht, nahmen die Sparks 2015 ein gemeinsames Album mit der britischen Art-Poppern Franz Ferdinand auf, das zwei Jahre danach veröffentliche und hochgelobte Werk „Hippopotamus“ führte die beiden nach 40 Jahren sogar wieder bis in die britischen Top Ten. Und sogar für ihr ambitioniertes Kinoprojekt, das Skeptiker für einen Rohrkrepierer hielten, haben die Mael-Brüder nach vielen Jahren Überzeugungsarbeit genügend Geld eingesammelt: „Annette“ heißt der Musicalfilm, für den Russell und Ron Mael das Drehbuch und die Musik geschrieben haben; die männliche Hauptrolle spielt Hollywood-Superstar Adam Driver, gedreht wurde unter anderem im westfälischen Münster und in Köln. Was man so hört, soll der Film eigenwillig, aber sehr gut sein.

Die Sparks sind also nicht nur zurück in den Charts, sondern am Ende auch noch groß in Hollywood, mit Anfang und Mitte 70? „Das ist schon ein kleines Wunder“, sagt Russell Mael – und lügt, denn er weiß sehr gut, dass hinter dem späten Erfolg Methode steckt. „Ich denke, wir waren in den vergangenen fünf Jahrzehnten der Zeit öfters mal voraus. Jetzt aber tickt die Welt so irre, dass wir mit ihr im Gleichklang sind.“

Es ist beinahe gruselig, wie sehr einige der Tracks auf dem neuen Album das Szenario der Pandemie vorwegnehmen, „The Existential Threat“ zum Beispiel, in dem Russell Mael über eine heimliche und unsichtbare Bedrohung singt, oder „Please Don’t Fuck Up My World“, das von der totalen Überforderung des Menschen handelt, ausgehend von der Vielzahl der großen Probleme, mit denen er sich herumschlägt „Worum es im Kern dieser Lieder geht, ist der Zusammenbruch der Kommunikation“, erläutert Russell Mael. „Die Leute schenken anderen Menschen kein Vertrauen mehr, sprechen aber in kleine digitale Geräte und verschenken dabei private Dinge an die Konzerne. Das ist alles so irre, dass unsere Texte einen Nerv treffen: Was früher nach Nonsens klang, ist heute Realität.“ Und damit meint Russell Mael nicht ausschließlich den Präsidenten seines Landes.

In einem anderen Song auf der neuen Platte vergleicht sich der Protagonist mit einem Toast und ruft mittendrin „Alexa“ um Hilfe, als könnte ausgerechnet das Amazon-Abhörsystem ihn retten. Und in „Lawnmower“ verschmilzt ein Mensch mit seinem lärmenden Rasenmäher, dieses trotzige Trutzburg-Verhalten hat der Berliner Reinhard Mey schon vor Jahren als „Garten-Nazi“-tum bezeichnet hat.

Und über alles das kann man Popsongs singen? Die Sparks können das. Was nicht heißt, dass die Brüder Mael nicht auch tolle Liebeslieder draufhätten, das schönste auf der neuen Platte heißt „All That“, Russell Mael singt: Jede Straße, auf der man zusammen wandele, sei wie die Champs-Élysées – seufz. Er könne das Glück gar nicht glauben, sein Gegenüber getroffen zu haben – superseufz. Ob diese große Liebe kurz dabei helfen könnte, den fehlenden linken Schuh zu finden? So funktioniert die Liebe bei den Sparks: So irre banal wie das ganze Leben.