Köln - Die Nuller-Jahre hatten noch gar nicht begonnen, da veröffentlichten Blur zum letzten Mal ein komplettes Album in der Originalbesetzung. „13“ erschien im Frühjahr 1999, während der Aufnahmen zu „Think Tank“, das 2003 fertig wurde, war die Band nach dem Ausstieg von Gitarrist Graham Coxon zum Trio geschrumpft.

Einen offiziellen Schlussstrich unter das Kapitel Blur zogen Sänger Damon Albarn, Coxon, Alex James (Bass) und Dave Rowntree (Schlagzeug) aber nie. Seit 2009 bespielt die Gruppe wieder ausgewählte Festivals und den Londoner Hyde Park, allerdings stets mit dem Repertoire aus dem vorigen Jahrtausend.

Wenn Blur am 20. Juni das nächste Mal im Hyde Park auftreten, haben sie auch neues Material dabei, das achte Studioalbum „The Magic Whip“ erscheint am 24. April. Die Nachricht von diesem Comeback des Jahres hatte das Quartett schon vor zwei Monaten verkündet, in einem China-Restaurant in Soho, was – wie die Kanji-Schriftzeichen auf dem CD-Cover – an Hongkong anspielt, wo die Rohfassungen der neuen Stücke 2013 während einer fünftägigen Tourpause aufgenommen wurden.

Mit Polizeisirenen, Straßengeräuschen und einer schnörkellosen Graham-Coxon-Gitarre beginnt das Album, doch schon bald nimmt die Band das Tempo raus und bewegt sich in Richtung jener lichten Gospel-Arrangements, die Damon Albarn auf seinem Soloalbum „Everyday Robots“ kultiviert hatte. Er singt „There’s nothing to be ashamed of“, und es gibt wenige Bands, bei denen dieser Satz – kein Grund, sich für irgendwas zu genieren – derart mit dem Gesamtwerk übereinstimmt.

„New World Towers“ mit gebremstem Afro-Beat zitiert die Dope- und Hängematten-Musik von „Think Tank“, während „Go Out“ um ein wildes, chaotisches Gitarrenriff kreist, und von Damon so schnoddrig gesungen wird, als wären wir im Sommer 1995 und Blur müssten noch einmal zur „Battle of Britpop“ gegen Oasis antreten. Der eigentliche Gute-Laune-Song des Albums ist allerdings „Ghost Ship“, angeschoben von Hörnern und Posaunen und einem nachdrücklichen Knusper-Bass. In milde nostalgischer Beleuchtung erscheint der „Ice Cream Man, ein Kinderlied im Penny-Lane-Stil, während „Thought I Was A Spaceman“ die Blur-Variante eines Science-Fiction-Soundtracks sein könnte, und Damon wie ein Außerirdischer klingt, dessen Stimme von einer Marssonde eingefangen wurde.

Ohne falsche Scham

Zwar schwingen auch die klassischen Blur-Harmonien der Alben „Parklife“ und „The Great Escape“ – also die Graham-Coxon-DNA – mit, allerdings zumeist verfremdet und originell eingerahmt. Bestes Beispiel: Auf „I Broadcast“ zerhackt Coxon sein Gitarrenbrett und legt abenteuerliche elektronische Spezialeffekte drüber, dazwischen ist spontanes Gelächter zu hören.

Auf „The Magic Whip“ besichtigen Blur ihr musikalisches Erbe, ohne falsche Scham, aber auch ohne die sentimentale Stagnation, die sämtliche Aufnahmen der Gallagher-Brüder seit „Morning Glory“ (1995) kennzeichnete.

So enttäuschen Blur alle, die auf ein einschlägiges Britpop-Revival zu hoffen wagten, und beweisen sich gerade deshalb als zeitlos große Band, die mühelos zwischen den Jahrtausenden navigiert. Hoffentlich dauert es nicht wieder 16 Jahre, bis sie das nächste Album beisammen haben.

Blur „The Magic Whip“ erscheint am 24. April (Parlophone/Warner)