Die Band The Chicks bei einem Fotoshooting.
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Philippa Price

Zur Veröffentlichung von „Gaslighter“, ihrem ersten Studioalbum seit 2006, erklärte vor kurzem das texanische Startrio Dixie Chicks, fortan das Dixie aus dem Namen zu streichen. Eine recht extravagante Comeback-Maßnahme nach einer Studioauszeit von stattlichen 14 Jahren. Einen gut etablierten Markennamen zu ändern, klingt wie der Albtraum jedes Marketingexperten. Als Dixie Chicks haben Natalie Maines, Emily Strayer und Martie Maguire mit ihrem Countrypop immerhin über 30 Millionen Alben verkauft und 13 Grammys eingefahren – die erfolgreichste Frauenband der letzten 30 Jahre.

Tatsächlich ist die Namensänderung ein entschlossen politisches Signal. Dixie steht vor allem für die nostalgische Verklärung der Südstaaten vor dem Bürgerkrieg, in dem der Süden für die Ökonomie der Sklaverei und die darauf beruhende rassistische Ordnung kämpfte. Viele Worte verloren die Chicks über ihr Dixie nicht. Sie zeigten vielmehr im Video zur sacht R&B-getönten Vorabsingle „March March“ Bilder der Black Lives Matter-Proteste und blendeten die Namen von schwarzen Opfern von Polizeigewalt ein: Statt Südstaaten-Nostalgie ein Bekenntnis zu Antirassismus und Cancel Culture.

Die Dixie Chicks landeten auf der schwarzen Liste der Countrysender

Von den konservativen Countryfans haben sich die Chicks indes schon länger entfremdet. Genauer: Seit 2003, als Maines, die Hauptsongwriterin der Drei, auf einer Londoner Konzertbühne erklärte, sie schäme sich für die Irakkriegspläne des damaligen Präsidenten George W. Bush. Der, selbst Texaner, meinte nur süffisant, die Meinung von Musikerinnen und Hollywoodstars sei ihm egal. Aber unter den Countryfans ging ein massiver Shitstorm los. Die Dixie Chicks landeten auf der schwarzen Liste der Countrysender, Fans überrollten ihre CDs mit Traktoren, es gab Morddrohungen, und das FBI warnte offiziell vor Auftritten in Texas. Die Dixie Chicks antworteten darauf 2006 mit dem nächsten Album „Taking the Long Way“, indem sie trotzig gegen Industrie und Hater rempelten: „Not ready to make nice“, wir knicken nicht ein, hieß die erste Single. Auch im Sound distanzierten sie sich von den Erwartungen der Country-Fans. Auf dem enorm erfolgreichen Vorgänger „Home“ hatte das Trio noch ihre Wurzeln im Bluesgrass betont, die Harmoniegesänge, akustischen Settings aus Gitarre, Banjo und Fiddle. Auf „Taking the Long Way“, produziert von Rick Rubin, der schon Johnny Cash und Neil Diamond ein breiteres Poppublikum erschlossen hatte, neigten sich die gewohnt eingängig melodischen Songs von nun an mehr zum Softrock. Trotz des industriellen Gegenwinds verzeichneten sie drei Millionen Verkäufe, und unter den fünf Grammys war auch der wichtigste für das beste Popalbum.

Diese Emanzipation von der Countryscholle setzen sie nun mit „Gaslighter“ nachdrücklich fort. Explizit geschieht das durch die Verpflichtung von Jack Antonoff als Produzent, ein hochdekorierter Allrounder, der arty Popacts wie Lorde und St. Vincent und auch Mainstreamstars wie Taylor Swift in amtliche Chartshöhen brachte. Bei aller Pop-Energie, die man gerade auf den nicht wenigen Uptempo-Nummern des Albums spürt, bewegt sich der Pop der Spätvierzigerinnen natürlich im eher gesetzten Rahmen, mehr Fleetwood Mac-Update als Taylor Swift, die Bonbon-farbenen Miss-Wahl-Kandidatinnen des Covers täuschen. Aber die kehligen Vokalharmonien und akustischen Instrumente sind meist geschickt in poppige Dynamiken und dichtere Arrangements gepackt, der Sound auf durchaus erfreuliche Weise für ein breiteres Pop-Publikum hergerichtet.

Die Scheidung von Natalie Maines spielt auf „Gaslighter“ eine Rolle

„Gaslighter“ ist dabei zunächst ein sehr persönliches Album, der Großteil der Titel steht unter dem Eindruck von Natalie Maines länglich verschleppter Scheidung. Sie singt von Geld und Hinterlist, von den Strumpfhosen der Geliebten, von der Sorge um die Kinder; sie gönnt sich drastische Rachefantasien, melancholische Rückblicke und meint zum akustisch kargen Schluss: „Mit ein bisschen Anstand würdest du endlich die Papiere unterschreiben“. So persönlich diese Szenen einer Ehe gehalten sind, geht es natürlich gut countrymäßig darum, sich als gestandene Frau von Demütigungen und Wunden nicht unterkriegen zu lassen und selbst zu behaupten. Und dabei erweitert sich schon auch ganz lässig der Kontext, wenn etwa der manipulative Lügner, der „Gaslighter“ des kraftvoll stampfenden Titelsongs, nicht nur den Exmann meint: Einen Video-Remix der Single belegte sie mit Bildern aus Coronareden Donald Trumps.

Trump übrigens beleidigt sie schon seit seiner Kandidatur vor fünf Jahren regelmäßig und unter den Beschimpfungen ehemaliger Dixie-Chicks-Fans. Das Dixie aus Namen zu nehmen erscheint daher weniger als Maßnahme, sich zum Comeback ins Gespräch zu bringen. Es holt im Grunde nur als Geste nach, was die Band im Kopf längst vollzogen hat: Den Wandel zu Künstlerinnen, die sich in die öffentliche Verantwortung nehmen lassen und keine Angst haben, diese Haltung zu zeigen.

The Chicks - „Gaslighter“ (Sony)