Comic „3 Sekunden“: Der göttliche Blick

Wie wäre es, einem Blick für drei Sekunden lang zu folgen? Diese Frage beantwortet der Comic von Marc-Antoine Mathieu in denkbar präziser Weise. Dabei beantwortet er nebenher auch noch die Fragen, wie der klassische Bildungsroman funktioniert, wie wir uns einen allmächtigen Gott denken müssten, was an seine Stelle treten müsste, falls es ihn gar nicht gibt, und was die Welt, so wie wir sie zu kennen glauben, eigentlich zusammenhält und zu einem menschenmöglichen Ort macht. Mit anderen Worten, es geht um so ziemlich alles. Das ist, zugegeben, ganz schön viel. Und es ist nicht auszuschließen, dass „3 Sekunden“ noch weitere Sinndimensionen birgt.

Alles beginnt mit einem undurchdringlichen Schwarz, in dem ein winziger weißer Punkt erscheint und damit die erste Unterscheidung schafft. Das Schwarz-Weiß entfaltet sich weiter und so entstehen aus Flächen und Strichen schließlich Umrisse und Gestalten. Der abstrakte, da ungegenständliche Anfang mündet in eine sehr konkrete Situation ein: Wir sehen aus einem dunklen Raum in eine helle Öffnung hinein. Der Blick fährt weiter, bis wir das Helle hindurch in die Augen eines Mannes blicken, in dessen Pupille sich das Mobiltelefon spiegelt, das er in der Hand zu halten und mit der er sich und seine Begleiterin fotografiert zu haben scheint....

Das ist der Clou in der Geschichte: Wir folgen nicht nur einem Blick, sondern sind dieser Blick selber, der wie ein nicht enden wollender Zoom, eine Vergrößerung und Annäherung, sich immer weiter fortbewegt. Frappierend ist Marc-Antoine Mathieus Präzision bei der Gestaltung der erzählerischen Anschlüsse: Während unser erster Blick aus dem Dunkel die Welt im gewohnten Links-Rechts-Schema zeigt, verkehrt sie sich nach der ersten Spiegelung in der Pupille, wie am Display des Handys zu sehen ist. Diese bildlogisch-semantische Strenge wird bis zur letzten Zeichnung durchgehalten. Alles ist bis auf den kleinsten Punkt genau kalkuliert – kein Strich ist hier ohne Bedeutung.

Comic als ästhetisches Experiment

Mathieu spielt Schöpfung, und wir sind vom ersten Moment an dabei. Wir sehen, wie die Welt entsteht, nämlich als fortgesetzte Unterscheidung zwischen Hell und Dunkel. Erst diese Differenz ist sinnstiftend, sie lässt uns erkennen und verstehen, sie gibt unserem Blick die Richtung vor und schafft Ordnung. Dabei entstehen die erzählerischen Bildanschlüsse aus den sich aufeinander beziehenden Wiederholungen: Das Auge des Mannes ist zu Beginn nur als Punkt zu sehen und wird von Bild zu Bild immer größer und detailreicher; es verändert also seine Gestalt und bleibt doch dasselbe. Mit dieser Veränderung legt der Blick, unser Blick, eine Weg- und Lernstrecke zurück.

Im Laufe der Geschichte von „3 Sekunden“ werden die Distanzen immer größer. Der Blick, nicht etwa das Auge, bewegt sich lichtschnell fort und reist einmal um die ganze Welt. Immer steht zur rechten Zeit ein Spiegel bereit, der ihn in eine andere Richtung wirft und in ein neues Abenteuer schickt. Sehr bald verlassen wir den Mann und sein Handydisplay, nicht ohne eine bedrohliche Pistolenmündung an seinem Kopf gesehen zu haben, und jagen auf die Straße, lassen uns von Fensterscheiben, Wasserpfützen und anderen Spiegeleien hin- und herwerfen, bis es gen Himmel geht, in ein vorbeirasendes Flugzeug, und wieder zurück auf die Erde in den Lichtdom eines Fußballstadions.

Die mit der Pistole gesetzte Note schafft einen zusätzlichen Reiz, immerhin könnte es sich bei unserer rasenden Blickbewegung um die Aufklärung eines Kriminalfalls handeln. Oder war die Mündung eine nicht weiter bedeutsame, nur die Spannung in diesem Augenblick erhöhende Begebenheit? Mathieu kennt die Konventionen und spielt souverän mit unseren Erwartungen. In der Tat verfügt der 1959 im französischen Antony geborene Zeichner über eine großes Repertoire, wie seine nicht minder experimentierfreudigen Bildgeschichten „Der Wirbel“ (1994/2008), „Tote Erinnerung“ (2000) oder zuletzt „Gott höchstselbst“ (2009) immer wieder gezeigt haben.

Doch was sich bislang eher wie ingenieurhaft präzise Illustrationen zu surrealen, kafkaesken oder sonst wie skurrilen Geschichten ausnahm, hat mit „3 Sekunden“ endlich zu einer schlüssigen Form gefunden: Hier wirkt nichts mehr erzwungen und gewollt, sondern scheint in seinem rasenden Lauf wie von alleine zu passieren. Dass Mathieu mit der von ihm entworfenen Blickordnung auch noch einen Medienkritik vorlegt und uns sehr umfassend über die Sinn-Ökonomie unserer welt-weit-wirr-vernetzten Gegenwart aufklärt – geschenkt! All das geschieht leichthändig und ohne erhobenen Zeigefinger: Mathieu hält seine Leser angenehmerweise nicht für doof.

Vorbild Bildungsroman

Das Erstaunlichste dabei: „3 Sekunden“ kommt ohne Worte aus und ist in seiner ganzen Leichtigkeit gleichwohl das philosophisch Anspruchsvollste, was als Comic in den letzten Jahren veröffentlicht wurde. Nur am Rande sei die von Mathieu aufgeworfene, erkenntnistheoretisch überaus delikate Frage erwähnt, ob denn die lichtschnelle Blickbewegung schon vor dem undurchdringlichen Schwarz des Anfangs da war und es dann buchstäblich zerrissen hat wie einen Vorhang, oder ob sie eine aus dem Kontrast von Schwarz und Weiß erst entstandene Dynamik ist. Warum eigentlich, anders gefragt, bleibt nicht alles dunkel? Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?

Und wie beim Bildungsroman des Bewusstseins im Goethe’schen und Hegelschen Zuschnitt, kehrt auch bei Mathieu der wissbegierige Blick von seiner großen Wanderschaft wieder in seinen Anfang zurück. Die geglückte Heimkehr tilgt alle Kontingenz aus dem Bewusstsein; in diesem hochkonstruktivem Anschlussgeschehen erweist sich jede Reflexion, jede Spiegelung, die uns von der anfänglichen Abstraktion in das Konkrete hinein führte, im Nachhinein als notwendig, das heißt: als alternativloser Lernfortschritt. Die Abenteuerreise des Blicks wird zur Bildungsreise, die allerdings nur unter bestimmten, gewissermaßen künstlichen Bedingungen möglich war.

Damit ist schließlich die Frage der Theodizee berührt – oder ähnlich vertrackter Paradoxien. Wie konnte der Blick sich auf seine Wanderschaft begeben? Entweder herrschte eine Art prästabilierte Harmonie, in der alle Dinge in einem Zeitraum von drei Sekunden oder auf einer Strecke von über 900.000 Kilometern genau an der richtigen Stelle standen, sodass das Licht an seinen Ursprungsort zurückfinden konnte, oder es fehlte eine solche göttliche Ordnung und wir haben es – nicht minder unwahrscheinlich – mit schlichtem Zufall zu tun. Und wie kann, was dem Menschen in der einen wie der anderen Weise absolut entzogen ist, ihn dennoch mit Sinn erfüllen?

Mit dieser prachtvollen Denksportaufgabe entlässt uns Mathieu aus seinem Experiment. Das in erzählerischer wie zeichnerischer Perspektive nur als überaus gelungen bezeichnet werden kann.

Marc-Antoine Mathieu: 3 Sekunden. Aus dem Französischen von Martin Budde. Reprodukt, Berlin 2012. 80 Seiten, 18 Euro.