Wir schreiben das Jahr 1937, Georg Heisler ist auf der Flucht. Gemeinsam mit sechs anderen Häftlingen konnte er sich bei einem Arbeitseinsatz außerhalb des Konzentrationslagers Westhofen davonmachen. Der Lagerkommandant Fahrenberg lässt sofort mit Hundestaffeln und Scheinwerfern nach den Männern suchen; die Gegend rund um das bei Worms gelegene KZ soll weiträumig abgesperrt, eine Flucht über den Rhein nach Holland muss unbedingt vermieden werden.

Fahrenberg befiehlt des Weiteren, an die Stämme von sieben Platanen je einen Querbalken anzubringen, sodass für jeden der Flüchtlinge ein Kreuz entsteht. Sieben Tage gibt er seiner Soldateska, die sieben Männer wieder einzufangen und jeden Einzelnen seinem Kreuz zuzuführen.

Großer Erfolg in den USA

Mit dem Buch „Das siebte Kreuz“ schuf Anna Seghers einen antifaschistischen Roman, ein epochales Werk der deutschen Exilliteratur, das in dichtester Zeitgenossenschaft entstand und aus dem ein erstaunlicher Verkaufsschlager wurde. Bereits 1939 veröffentlichte sie das erste Kapitel in Johannes R. Bechers Moskauer Zeitschrift „Internationale Literatur. Deutsche Blätter“, da lebte Seghers schon im französischen Exil.

1942 erschien der Roman in den USA auf Englisch und beim mexikanischen Exilverlag El Libro Libre in deutscher Sprache. In den Vereinigten Staaten ging das Buch bereits ein halbes Jahr nach dem Erscheinen zum 421.000. Mal über den Ladentisch. 1944 folgte die Hollywood-Verfilmung mit Spencer Tracy in der Rolle des Georg Heisler.

Viel lässt sich darüber spekulieren, warum dem Roman ein so großer Erfolg beschieden war. Unbezweifelbar ist Seghers’ Talent, anspruchsvoll und zugleich unterhaltsam zu erzählen; zudem dürfte die Geschichte von einer gelungenen Flucht aus dem Konzentrationslager und damit die frohe Botschaft, dass Widerstand gegen die Nationalsozialisten möglich ist, den Amerikanern gefallen haben. Doch sind auch sehr viel einfachere Gründe anzuführen, denn zum einen wurde das „Siebte Kreuz“ vom „Book of the Month Club“ empfohlen, einem amerikanischen Buchklub mit einer halben Million Mitgliedern, und zum anderen erschien der Roman 1942 auch als Comic in zahlreichen Zeitungen Amerikas und erreichte bis zu 20 Millionen Leser.

Diese „complete pictoral version“ ist endlich beim Aufbau Verlag auch auf Deutsch erschienen. „Komplett“ in Hinblick auf den Roman ist die Bilderversion allerdings nur insofern zu nennen, als sie ihren Lesern ermöglichen soll, so lautete die 1942 formulierte Absicht, sich über das ganze Buch mit seinen 400 Seiten „intelligent unterhalten zu können, auch wenn man die Zeit nicht hatte, es zu lesen“.

Anders gesagt, haben wir es hier mit einer Kurzfassung zu tun, die gerade dem Comic zutraut, einen literarischen Sachverhalt allgemeinverständlich, umfassend und zeitsparend zu vermitteln. Ein geradezu utopisches, heute kaum noch zu glaubendes Projekt, das mit massenmedial verbreiteten Bildergeschichten eine enorme pädagogische Hoffnung verbindet.

Die Bildergeschichte war in der Zeitung klar strukturiert: Oben standen vier Bilder, darunter der Text. Diese Form erinnert an die Comics von Hal Foster, insbesondere seinen „Prinz Eisenherz“ („Prince Valiant“, ab 1937). Das heißt, es gibt keine Sprechblasen oder Bewegungslinien innerhalb der Panel – oder das andere, heute vollkommen üblich gewordene Comic-Vokabular.

Der Zeichner William Sharp wollte offenbar keine zusätzliche Verwirrung bei der Lektüre riskieren, als Buchillustrator stellt er sich ganz in den Dienst des Romans. Allerdings wiegen seine düster-dramatischen Tuschezeichnungen schwer. Sie ergänzen als Stimmungsbilder, was in dem von Seghers selbst erheblich gekürzten Text nicht mehr zum Ausdruck kommen kann.

Drastisch und expressiv

Der expressive Charakter der Bilder kommt nicht von ungefähr. Sharp wurde als Leon Schleifer im Lemberg (Galizien, heute westliche Ukraine) geboren; nach dem Kunststudium in Krakau, München und Berlin ließ er sich dort in den 1920er-Jahren nieder, und arbeitete zunächst als Zeitungsgrafiker.

Seine Karikaturen in der Berliner Volkszeitung und im 8-Uhr-Abendblatt zeigen Schleifer als scharfsichtigen Beobachter des Großstadtlebens, der mit seinem beißenden Spott George Grosz nahestand und ähnlich ausdrucksstark, also drastisch und expressiv vorging. Als politischer Karikaturist und Jude in Berlin sah er nach 1933 dort allerdings keine Zukunft mehr und emigrierte 1934 in die USA, wo er als William Sharp weiterhin für Zeitungen arbeitete.

Außerhalb der Vereinigten Staaten blieb die „pictoral version“ von Seghers/Sharp unbekannt. Umso verdienstvoller ist die Ausgabe des Aufbau Verlags. Wir können jetzt sehen, wie der Comic eine eigentümlich Stärke des Romans „Das siebte Kreuz“ hervorkehrt, nämlich Seghers’ virtuoses Spiel mit Spannungsbögen.

Gerade weil die Bilderversion ob ihrer Kürze auf das von Seghers nicht minder virtuos beherrschte Zusammenspiel aus Rückblenden, abrupten Szenewechseln und parallelen Handlungssträngen verzichten muss, zeigt sich die übrig gebliebene Kernerzählung von Georg Heislers Flucht als packende Abenteuergeschichte. Ein Gewinn ist zudem das von dem Schriftsteller Thomas von Steinaecker kenntnisreich verfasste Nachwort.

Anna Seghers, William Sharp:Das siebte Kreuz. Mit den Originalillustrationen von 1942. Aufbau Verlag, Berlin 2015. 92 Seiten, 18 Euro.