Stürmerstar West und Stürmerstar Ost: Paul Breitner und Jürgen Sparwasser.
Foto: Splitter Verlag/Philippe Collin, Sébastien Goethals

BerlinIn dem Wort Comic liegt ganz offensichtlich das Wort Komik, es muss hier wohl etwas Lustiges, etwas zum Lachen und Schmunzeln zu finden sein. Als klassische Drei-Panel-Strips in den Zeitungen tauchten diese eigentümlichen Bildergeschichten vor über 100 Jahren zuerst unter dem Namen „Funnies“ in den Zeitungen auf. Witzig. Aber was, wenn ein Comic gar nicht lustig sein will? Der Zeichner Art Spiegelmann hat lange vor seiner epochalen Auschwitz-Anthologie „Maus“ eine andere Deutung angeboten: Co-mix, Comics – ein Plural, in dem etwas ge- und vermischt wird, was nicht immer zusammengehört. Eine Nötigung möglicherweise. Oder ein Durcheinander. In jedem Fall eine Zumutung.

Der Comic „Das Spiel der Brüder Werner“ mutet uns einiges zu. Versammelt werden hier so disparate und rasant zugeschnittene Themenfelder wie der deutsche Hitlerfaschismus und der Einmarsch der siegreichen Sowjetarmee in Berlin, die antifaschistische Staatsdoktrin sowie der Staatsicherheit genannte Unterdrückungsapparat der DDR, die in Ost und West gleichermaßen verteilte Fußballleidenschaft im Allgemeinen und das deutsch-deutsche Weltmeisterschaftsspiel aus dem Jahre 1974 im Besonderen, ein auf dem grünen Rasen ausgefochtener  Klassenkampf, bei dem kapitalistische Habgier von sozialistischem Edelmut geschlagen wurde – die BRD-Kicker vielleicht aber auch nur einen schlechten Tag hatten.

Foto: Splitter Verlag
Der Comic

Philippe Collin (Text), Sébastien Goethals (Bild): Das Spiel der Brüder Werner. Splitter Verlag, Bielefeld 2020. 152 Seiten, 25 Euro.

Philippe Collin (Text) und Sébastien Goethals (Bild) sparen bei ihrem Comic nicht mit Ambitionen. Die beiden Franzosen wollen uns die historisch korrekte Darstellung eines ostdeutschen Kapitels aus dem Kalten Krieg und damit auch all jenen Nachgeborenen eine Art bebilderte Geschichtsstunde bieten, die heute mit Namen wie Honecker oder Mielke nichts mehr anzufangen wissen. Und weil Collin und Goethals wissen, dass so etwas bestenfalls einen pädagogisch gutgemeinten, erzählerisch aber staubtrockenen Comic ergäbe – als käme er von der Bundeszentrale für politische Bildung –, führen sie uns mit einem frei erfundenen, eben gesponnenen roten Erzählfaden durch ihr fleißig zusammengetragenes Faktendickicht.

Und damit sind wir bei den titelgebenden, ganz und gar fiktiven, aber authentischen Brüdern Werner. Berlin im Mai 1945: Berlin liegt in Schutt und Asche, Konrad und Andreas Werner, zwei jüdische Waisen, haben überlebt. Als „Wolfskinder“ kommen sie nach Leipzig schlagen sich durchs Nachkriegselend, bis sie in den 1950ern von der Staatsicherheit rekrutiert und zu strammen „Wächtern der Revolution“ erzogen werden. Als Stasi-Offiziere sollen sie 1974 dann auf Geheiß der Partei- und Staatsführung – Erich Honecker und Erich Mielke höchstselbst führen hier die Regie –  bei der „Aktion Leder“ für ein Sieg der DDR bei der Fußball-WM in Hamburg sorgen. Konrad auf westdeutscher, Andreas auf ostdeutscher Seite

So weit der ambitionierte Co-mix der „Brüder Werner“. Er hätte wohl das Zeug zu einer aufregenden Agentenstory, schließlich geht’s um einen abenteuerlichen Auslandseinsatz der Stasi. Collin und Goethals wählen diesen Zugang allerdings nicht. Die Franzosen beschäftigen sich ebenfalls nicht mit dem Innen- oder Gefühlsleben ihrer Protagonisten, was etwa bei dem Stasi-Drama „Das Leben der Anderen“ (2006) mit seiner fiktiven Handlung und bei aller faktischen Strenge einiges Mitgefühl fürs Stasi-Personal wecken konnte. Collin und Goethals fanden einen anderen Dreh: Konrad und Andreas Werner erscheinen als Charaktermasken, die größtenteils parteiideologische Phrasen wiedergeben.

Konspiratives Treffen der Stasi-Offiziere Konrad (r.) und Andreas Werner.
Foto: Splitter Verlag/Philippe Collin, Sébastien Goethals

Das ist gewöhnungsbedürftig. Andreas, der jüngere Bruder, hadert zum Beispiel mit dem Antifaschismus der SED: „Die Verbrechen der Nazis werden auf den SS-Terror gegen den kommunistischen Widerstand reduziert, und die systematische Ermordung der Juden wird absichtlich vergessen … Stört es Dich nicht, dass die Ideologie unsere Erinnerung wegspült?“ Die linientreue Antwort Konrads: „Jüdisch, nicht jüdisch … Was zählt ist der Kampf gegen den Faschismus. Unser gemeinsamer Horizont ist der proletarische Internationalismus. Verstehst Du?“ Das Problem, das hier verhandelt wird, ist triftig und von historischer Bedeutung, aber sprechen Brüder so verquast? Unentwegt und ohne viele andere Zwischentöne?

Zu Beginn des Comics erwecken die ungelenken Wortstanzen noch den Eindruck, damit werde sich über die DDR lustig gemacht. Phrasendrescher erscheinen in der Regel nicht sonderlich klug. Aber dann, etliche Seiten später und im Westen beim deutsch-deutschen Schicksalsspiel von 1974 taucht der BRD-Trainer Helmut Schön auf, wie er seinem renitenten Stürmerstar Paul Breitner ins Gewissen redet: „Paul, wir brauchen Dich … Es ist das Spiel der freien Welt gegen den Kommunismus. Ein historisches Duell.“ Der ansonsten ganz onkelige Bundestrainer redet das gleiche Ideologieblech nur eben von der anderen Seite her. Auch Franz Beckenbauer, ein weiteres Beispiel, wird uns als gehorsamer Antikommunist vorgestellt.

Immerhin, ein paar Lockerungsübungen gibt es, etwa wenn der salonkommunistische Geldgierhals Breitner seinen mustersohnhaften Mannschaftskapitän beschimpft: „Du bist ein Arschloch, Beckenbauer!“ Oder wenn DDR-Stürmer Jürgen Sparwasser, der in der 77. Minute den Siegtreffer für die DDR erzielt, in das Hamburger Nachtleben zieht und sich auf der Reeperbahn vergnügt: „Du bist verdammt hübsch. Wie heißt Du?“ Im Gros aber bleibt der Comic lehrstückhaft. Das entfaltet bei fortschreitender Lektüre seinen Reiz, denn unversehens wird, was eine bloß kurzweilige Handlung gewesen wäre, zu einer Revue ideologischer Stanzen, einem Panorama historisch überlebter Wahrheiten, die bis heute allerdings lebendig sind.

Collin und Goethals bieten somit eine kleine Archäologie der Gegenwart. Der wilde, polemische bis larmoyante, aber niemals harmonische Ost-West-Mix, der sich Deutschland nennt, hat seine Geschichte. In einem Comic ist sie so noch nicht erzählt worden, wie auch die Stasi in den mal mehr, mal weniger lustigen Bildergeschichten bisher keine zentrale, handlungstragende Rolle gespielt hat – zuletzt tauchte sie etwas prominenter beim Berliner Zeichner Flix und dessen Adaption des frankobelgischen Klassikers „Spirou und Fantasio“ (2018) auf. Es mussten also erst zwei Franzosen kommen, um über die DDR-Staatssicherheit eine größere, dichtgepackte, vielschichtige, bleischwere Geschichte zu erzählen.

Diese Geschichte hat kein Happy End. Die Brüder Werner, die in Hamburg noch vereint für den Sieg des Sozialismus kämpften, werden ebendort zu Todfeinden, weil der parteiergebene Konrad den republikflüchtigen Andreas verrät. Konrad kehrt als Held in die DDR zurück, Andreas schmort bis zur Wende im Stasi-Knast. Der Verrat wird die beiden für immer entzweien … Der das 20. Jahrhundert prägende Kampf zwischen Kommunismus und Kapitalismus mag entschieden sein. Im wilden Ost-West-Mix wirkt er bis heute nach.