Wer im Buchladen zufällig seinen Blick über Birgit Weyhes „Madgermanes“ streifen lässt, wird wohl kaum auf die Idee kommen, dass sich das Buch einem weniger beachteten Kapitel der DDR-Geschichte widmet. Gleichförmige afrikanische Masken in fast goldenem Ocker auf einem grün-schwarzen Hintergrund, der wie die Vorlage zu einem afrikanischen Stoffmuster wirkt, zieren den Einband. Allein der unten rechts abgebildete Hammer, Zirkel und Sowjetstern unterbricht auf irritierende Weise die Regelmäßigkeit.

Emotionslos scheinen uns die fremd wirkenden Masken anzusehen, ihr Ausdruck ist nicht recht zu deuten. Nicht zu passen, die Dinge nicht dekodieren zu können und sich fundamental fremd zu fühlen – das alles beschreibt die Erfahrungen der mosambikanischen Vertragsarbeiter, die einst von der DDR angeworben wurden und deren Geschichte Birgit Weyhe in ihrem beeindruckende Comic „Madgermanes“ (gesprochen in etwa Maadschermaanes) ins Bewusstsein rückt.

Große Zukunftspläne

Ende der 1970er beginnt die DDR um Arbeitskräfte aus Mosambik zu werben. Die dort regierenden Sozialisten der FRELIMO unter Präsident Samora Machel schicken ab 1981 ungefähr 20.000 junge Menschen nach Ostdeutschland, die dort zur „zukünftigen Elite“ Mosambiks geformt werden sollen – allein die Wirklichkeit ist eine andere, wie die drei Protagonisten in Birgit Weyhes Erzählung erleben müssen.

Mit großen Plänen kommen der schüchterne José Antonio Mugande, der spaßbetonte Basilio Fernando Matola und die ernsthafte Anabella Mbanze Rai Mugande in Ost-Berlin an. Lehrer, Ingenieur oder Ärztin wollen sie werden und landen doch nur als Hilfskräfte auf dem Bau oder am Fließband. Der Fünfjahresplan, so die These von Weyhe, braucht Arbeiter und hat kein Interesse an der Qualifizierung der afrikanischen Brüder und Schwestern.

Breitestes Sächsisch in Mosambik

In diese drei fiktiven, sich in Ost-Berlin kreuzenden Lebensläufe hat die westdeutsche Autorin und Zeichnerin ihre umfangreichen Recherchen und zahlreichen Interviews mit Betroffenen zu dem Thema einfließen lassen, das ihr erstmals 2007 bei einem Aufenthalt in Mosambik begegnet, wo sie vollkommen unerwartet in breitestem Sächsisch angesprochen wird – von einem eindeutig Einheimischen. Nach der Wende verlieren fast alle Vertragsarbeiter ihre Aufenthaltsgenehmigung und müssen ins bürgerkriegszerstörte Mosambik zurückkehren, wo viele von ihnen nicht mehr Fuß fassen können.

„Die DDR hat mir nichts gebracht, außer der Sehnsucht nach einem besseren Leben“, lässt Weyhe etwa den in Maputo gestrandeten, verbitterten Basilio resümieren. Und wenngleich sie auch von hoffnungsvolleren Werdegängen zu erzählen weiß – die kämpferische Anabella etwa wird in Deutschland bleiben und hier als Ärztin leben –: Alle haben existenzielle Einschläge wie den Tod oder die Ermordung Angehöriger zu verkraften.