Mit einem schönen Publikumserfolg ist am Sonntagabend der Internationale Comic-Salon in Erlangen zu Ende gegangen; über 25.000 Besucher kamen zum größten und traditionsreichsten Branchentreffen in Deutschland. Zentrales Thema war in diesem Jahr die Comic-Szene in den arabischen Ländern: In einer umfangreichen Ausstellung konnte man Comics aus Tunesien, Marokko, Algerien, dem Libanon und Ägypten betrachten, zum Beispiel den ersten, allerdings bislang auch letzten tunesischen Revolutionscomic, „Good Bye Ben Ali“ von Yassin Ellil. Das in Ramallah beheimatete Zan Studio berichtete vom Alltag in den israelisch besetzten Gebieten; die libanesische Zeichnerin Zeina Abirached erinnerte sich in scharf konturierten ornamentalen Bildern an ihre Kindheit während des Kriegs der Achtzigerjahre; der marokkanische Autor Brahim Raïs erzählte in düsteren, kalkuliert roh gepinselten Strips vom jüngsten Aufstand gegen die Diktatur.

Viele von den Zeichnerinnen und Zeichnern waren persönlich nach Erlangen gekommen und wurden hier nun zur Lage in ihren Heimatländern befragt: Wie steht es um die Comic-Szene, die Meinungsfreiheit und den Demokratisierungsprozess? „Tunesien ist auf einem guten Weg“, sagte etwa Yassin Ellil: „Die Regierung respektiert die neu gewonnenen Freiheiten.“ Wenn noch so etwas wie Zensur ausgeübt werde, dann nicht vom Staat, sondern von Teilen der Bevölkerung selbst, von Religiösen und anderen Dogmatikern. „Politik, Sex und Religion sind immer Probleme“, meinte auch die neuerdings in Bremen lebende Libanesin Lena Merhej, „aber am schlimmsten ist es mit der Religion.“ Woraufhin der Beiruter Zeichner Mazen Kerbaj ergänzte: „Im Libanon geht die schärfste Zensur nicht von islamischen Dogmatikern aus, sondern von der katholischen Kirche! Daran sollte der Westen erinnert werden!“

Kerbaj wurde 2006 mit einem Comic über die israelischen Angriffe auf Beirut bekannt; zuletzt hat er in einem täglich erscheinenden Zeitungs-Strip das kulturelle Leben in seiner Heimatstadt porträtiert. Das neu erwachte Interesse der westliche Welt an arabischen Comics findet er schön, aber auch dubios. „Seien wir ehrlich“, sagt Kerbaj im Gespräch: „Die westliche Welt interessiert sich für Comicautoren aus exotischen Ländern wie unseren nur dann, wenn sie über Krieg und Katastrophen berichten. Neunzig Prozent meiner Leser im Westen kaufen meine Comics, weil sie sich über die politischen Verhältnisse im Libanon informieren wollen. Nur eine Minderheit interessiert sich für die Ästhetik, die Machart, den künstlerischen Stil.“

Blick nach Sierra Leone

Nicht nur der arabische Frühling wurde auf dem Comic-Salon thematisiert. Eine weitere Ausstellung widmete sich dem Bürgerkrieg in Sierra Leone und den Gräueln, die der in Den Haag gerade verurteilte Kriegstreiber Charles Taylor dort verschuldet hat. Auch gab es diverse Podiumsdiskussionen und Vorträge zu Themen wie „Krieg, Gewalt und Tod im Comic“, „Typen der Gewaltinszenierung“ oder „Das Grauen um die Ecke“. Die traditionellerweise bei einer Gala am Freitagabend verliehenen Max-und-Moritz-Preise gingen unter anderem an den US-amerikanischen Zeichner Joe Sacco, der in seiner dokumentarischen Comic-Reportage „Gaza“ ein verdrängtes Massaker an Palästinensern im Jahr 1956 rekonstruiert, und an den Hamburger Autor Simon Schwartz, der in „Packeis“ einem rassistisch diskriminierten afroamerikanischen Arktisreisenden ein kühl-blau-gefärbtes Denkmal setzt. Als beste deutsche Comic-Zeichnerin wurde die ebenfalls in Hamburg lebende Isabel Kreitz geehrt, die zuletzt mit einer fabelhaft deprimierenden Studie über den in Hannover wirkenden Serienmörder Fritz Haarmann auf sich aufmerksam machte .

In diesem Zusammenhang lohnt es sich daran zu erinnern, dass es früher auch einmal Comics gab, die komisch waren. In Wahrheit ist es ja sogar so, dass man Buchhändler, Deutschlehrer und vor 1960 geborene Feuilletonredakteure noch vor kurzem mit der Information überraschen konnte, dass Comics keineswegs komisch sein müssen, sondern sich mit vollem Recht und in ästhetisch ambitionierter Weise auch ernster, etwa politischer oder (Art Spiegelman!) historischer Themen anzunehmen vermögen.

Inzwischen hat sich das Verhältnis vollständig verkehrt: Zum vorherrschenden Ton gerade auch in der deutschen Comic-Szene ist der Ton der politischen Seriösität und der bedächtigen Beschäftigung mit bedeutsamen Themen geworden; das konnte man auch beim Rundgang über die Erlanger Verlagsmesse wieder erleben. Ausführlich werden in düsteren Bildern Kindheitserinnerungen aus der DDR, chronische Krankheiten unterschiedlicher Art oder der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan zum Gegenstand von Comic-Erzählungen gemacht.

Wesentlichen Anteil an dieser flächendeckenden Verernsthaftigung der Comics hat fraglos ihre Neu-Etikettierung als „Graphic Novels“ gehabt; damit wird suggeriert, dass es sich bei Comics nicht mehr um Comics handelt, sondern irgendwie um Romane. Das mag als Marketingmaßnahme beim Erschließen neuer Zielgruppen hilfreich gewesen sein. In Erlangen konnte man nun aber sehen, wie der Wille zur Literatur auf die aktuelle Comic-Produktion zurückschlägt: Die Leichtigkeit und der Unernst, der – auch avantgardistische! – Comics einst prägte, sind weithin verloren.

Ich möchte daher an dieser Stelle nachdrücklich einen Comical Turn für die Comics fordern! Wir brauchen wieder mehr Gags! Mehr Knollennasen! Und ganz wichtig: mehr sprechende Tiere! Wer sich für schwierige Kindheiten, Beziehungskisten und existenzialistische Trübsal begeistert, für den halten Stadttheater und Autorenfilmer bereits seit langem ein reichhaltiges Angebot parat.