Ein guter Biograph sollte ein Feind sein, ein raffinierter Feind. Er muss sich seinem Gegenstand mit Wachsamkeit und Argwohn nähern. Das ist er der Wahrheit schuldig: Legenden wollen revidiert und Lügen entlarvt werden.

Der Comicautor Mathieu Sapin jedoch ist ein guter Biograph, obwohl er diese Regeln unterläuft: Sein Humor ist raffiniert freundlich. Das genügt, denn sein Sujet bietet von sich aus schon genug Angriffsfläche. „Du erzählst das Leben eines Vollidioten“, gibt ihm Gérard Depardieu auf, „der dummes Zeug labert.“ So spricht kein kleinlicher Charakter. Es ist ein pragmatischer Pakt, den die zwei eingehen. Der Schauspieler weiß, was er sich einhandelt, als er den Zeichner auffordert, ihn fünf Jahre zu begleiten. Er entblößt sich für ihn, immer wieder auch im Wortsinne, was ihm in Sapins Strich eine Aura wuchtiger Unschuld gibt. Dafür verlangt er von seinem Chronisten unbedingte Ehrlichkeit.

Voller putziger Fußnoten

Souverän lässt der Koloss jede Gelegenheit verstreichen, sein Bild in der Öffentlichkeit zu revidieren, die in ihm zuletzt nur den Steuerflüchtling mit falschen Freunden (Wladimir Putin, Sepp Blatter), sturzbetrunkenen Rollerfahrer und Flugpassagier mit unkontrollierbarem Harndrang sah. Depardieu betrachtet sich als ein Faszinosum, das eingehend erforscht werden muss. Sapins Album löst diese Verpflichtung mit verschmitzter Akribie ein. Die Panels stecken voller putziger Fußnoten. Dem Betrachter soll nicht das kleinste Detail entgehen.

Dieser selbstironische Zug unterscheidet Sapin von der dokumentarischen Comic-Schule um Guy Delisle und Joe Sacco, der er oft zugerechnet wird. Als eingebetteter Zeichner hat er zuvor den Wahlkampf und das erste Amtsjahr von Francois Hollande begleitet. Nun begibt er sich in eine turbulente Geiselhaft (der Originaltitel hätte als Übersetzung auch „In den Klauen von Depardieu“ zugelassen), kann aber an seine Erfahrungen auf höchster politischer Ebene anknüpfen: Wohin sie auch kommen, überall wird der Schauspieler wie ein Staatsoberhaupt empfangen.

So unglaublich dessen Existenz auch erscheinen mag, man glaubt Sapins Chronik jeden Moment. Depardieu betreibt das Geschäft des eigenen Lebens mit bezwingender Gründlichkeit. Hemmungslos setzt er sich den Wechselfällen des Alltags aus und ist jeder Situation gewachsen: wie ein Schlafwandler, dem nichts passieren kann. Diese entfesselte Naturgewalt ist stets auf dem Sprung in ein Anderswo, das ihr dann auch nicht genügen wird. Depardieus Maßlosigkeit ist dynamisch und facettenreich, seine Selbstzweifel sind robust. Sein Wortschwall bricht nie ab (ganze zwei Seiten kommen ohne Sprechblasen aus), er präsentiert sich als ein kluger Narzisst, der seine Widersprüche und Schwächen kennt. Wenn er dennoch mal in Schweigen verfällt, verschafft er sich mit Knurr- und Schnieflauten Gehör. Nach Donald Duck ist er die herrlichste Legitimation der Onomatopoesie im Comic.

Depardieus Rastlosigkeit lässt sich einfangen, aber nicht still stellen. Sapin räumt ihm in großen Tableaus entsprechenden Platz ein, bannt seinen monströsen Elan jedoch meist in einer klassischen Seitengestaltung. Seinem Blick gebricht es nicht an Distanz und Vorbehalt. Aber zugleich macht er sich über seine eigene Rolle in diesem Schauspiel lustig, zeichnet sich als zaghaften, eingeschüchterten Wicht, der einem vergnüglichen Schicksal ausliefert ist. Als Schauspieler tritt Depardieu übrigens in all der Zeit kaum in Erscheinung, vielmehr als ein französisches Nationalgut, das keines sein will. Vielleicht wohnen wir auf diesen 160 Seiten ja bereits der Abenddämmerung seiner Filmkarriere bei.

Mathieu Sapin: „Gérard – fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu“ Reprodukt, 160 Seiten, 24 Euro