Fragt man Jeff Kinney nach seinem Erfolgsrezept, dann zählen für ihn nur seine Gags. 350 gute Witze braucht er pro Buch, alles darunter ist schlecht. Wenn er nur 300 hat, wird er nervös. Wie stellt er also sicher, dass er am Ende seine Wunschzahl erreicht?

„Ich gehe mittlerweile sehr systematisch vor“, sagt der Autor der derzeit erfolgreichsten Jugendbuchreihe der Welt. „Es gibt in jeder Geschichte ein übergeordnetes Thema. Und das gehe ich von jeder möglichen Seite an. Ich wäge Vor- und Nachteile ab. Daraus entstehen dann die Witze. Nehmen Sie meine Brille. Ich denke den Rahmen weg und habe einen Witz über Kontaktlinsen. Oder ich denke die Gläser weg und habe einen Witz über Brillen, die nur als Modeaccessoire genutzt werden. In meinem nächsten Buch geht es ums Heimwerken, und mir fallen schon jetzt viele Witze über Hämmer und Nägel ein. Naja, egal, das können Sie alles gar nicht fürs Interview verwenden, oder?“

Der letzte Satz beschreibt Jeff Kinney ziemlich gut. Der Amerikaner hat mit seinen Comic-Romanen in Tagebuchform eine Marktlücke entdeckt und dem schwächelnden Buchmarkt ein völlig neues Segment erschlossen. 150 Millionen Bücher hat der Mann verkauft, seitdem vor rund zehn Jahren „Gregs Tagebuch – Von Idioten umzingelt!“ erschien, der erste Band einer inzwischen dreizehnteiligen Reihe. Und trotzdem bleibt Kinney bescheiden. Keine Spur von Arroganz, vielmehr ein Hauch von Nervosität. Interessiert man sich überhaupt für sein Handwerk? Versteht man seinen Humor?

Richtig erklären kann sich Kinney den anhaltenden Ansturm auf seine mit dem Ton und dem Strich eines 13-Jährigen fabrizierten Diarien nämlich nicht. Wir treffen ihn an einem sonnigen Herbstmorgen in München, wo er das neueste Abenteuer des jungen Greg Heffley vorstellt. „Eiskalt erwischt“ heißt es, und natürlich ist es schon kurz nach der Veröffentlichung in Deutschland auf Platz eins der Bestsellerlisten gelandet. Das alles wegen 350 Witzen? Kinney sagt: „Bei Harry Potter geht es um einen vermeintlich normalen Jungen, der plötzlich auf eine Zauberschule geht. Bei den ,Tributen von Panem‘ geht es um vermeintlich normale Jugendliche, die plötzlich gegeneinander ums Überleben kämpfen. In ,Gregs Tagebuch‘ geht es tatsächlich um einen normalen Jungen.“

Das geheime Leben der 13-Jährigen

Vielleicht ist das auch schon das ganze Geheimnis. Denn Greg ist im besten Sinne normal: eine Null im Sport, die Schule ist eine Qual für ihn, bei den Mädchen blitzt er ab, und sein missratener 16-jähriger Bruder lässt keine Gelegenheit aus, ihn zu demütigen. So kennen das 13-Jährige weltweit. Von daher ist jedes „Diary of a Wimpy Kid“, wie die Bücher im amerikanischen Original heißen, im Grunde ein Trostbuch. Klar, sagt Kinney, „der Leser ist Greg“. Und alle Kunst seines Schöpfers besteht darin, den ganz normalen Irrsinn des Dreizehnjährigseins in schräge Bilder und Geschichten zu packen – und sie dem Grundsatz folgen zu lassen, dass alles, was passieren kann, auch passiert.

Neben alldem ist das Phänomen freilich auch einer klugen PR-Strategie geschuldet. Kinder schwören auch deshalb auf „Gregs Tagebuch“ und davon inspirierte Comic-Romanreihen wie die britische Variante „Tom Gates“ oder „Mein Lotta-Leben“ aus Deutschland, weil die Bände in einem regelmäßigen Rhythmus erscheinen. Kinney gibt das sympathischerweise auch zu: „Traditionell kommen meine Bücher Anfang November raus“, sagt er. „Das ist perfekt für die bevorstehende Weihnachtszeit. Jeder weiß, dass dann ein neues ,Gregs Tagebuch‘ auf dem Markt ist. Ich liebe das Gefühl, die Nummer eins an Weihnachten zu sein. Das ist ein Gefühl, das ich nicht aufgeben kann.“

Kinney ist sich der Treue seiner Fans bewusst, und er weiß, dass er stets auf sie zählen kann. Ist man seit 2007 dabei, als das erste „Diary of a Wimpy Kid“ in Amerika erschienen ist, oder seit 2008 hierzulande, dann muss man einfach wissen, wie es mit Greg, seiner dysfunktionalen Familie und seinen Freunden weitergeht. Die Bücher funktionieren für Kinder und Erwachsene wie gute Serien auf Netflix oder Amazon Prime. Und: Sie sind ideal für Leser, die vor komplexerem Erzählen mit vielen Buchstaben noch zurückschrecken. Jeff Kinney sagt: „Bevor man mit anspruchsvolleren Büchern beginnt, gibt es meine Bücher. Ich biete Kindern und Jugendlichen lustige Illustrationen und einfache Geschichten. Sie assoziieren Lesen nicht mit Arbeit, sondern mit Vergnügen. Das ist spannend. Und ich glaube, dass das auch etwas mit meinem Erfolg zu tun hat, weil Kinder selbst beim Lesen Erfolg spüren.“

Keine Angst vorm Buch

Das sieht auch Daniela Kohl so. Sie ist die Illustratorin von „Mein Lotta-Leben“ der Autorin Alice Pantermüller; die 2012 gestartete Reihe bringt es bereits auf 14 Bände. „Vor allem Kinder mit Leseschwäche lesen gerne Lotta-Bücher, weil nicht so viel Text dabei ist“, sagt sie. „Der Text erschließt sich ja über die Bilder. Und weil es sich um ein dickes Buch handelt, man ein dickes Buch selbst gelesen hat, ist man danach stolz auf sich. Dann hat man keine Hemmungen mehr, ein Buch mit weniger Bildern zu lesen und den Spaß am Text zu finden.“

Daniela Kohl war als Kind recht begabt. Ihre Mutter gab ihr entweder keine oder sehr kleine Pausenbrote mit, also musste sie kleine Pferdchen für ihre pferdebegeisterten Mitschülerinnen zeichnen, damit sie von ihren Pausenbroten abbeißen durfte. Manchmal bekam sie zehn Pfennig, wenn ihre Freundinnen kein Essen dabei hatten und trotzdem eine Zeichnung wollten. Im Religionsunterricht kam dann Kohls Offenbarung: Auf die Frage, was sie als Erwachsene werden will, antwortete Kohl „Malerin“. Sowohl ihre Lehrerin als auch ihre Eltern waren geschockt, denn das war kein anständiger Job.

Heute sieht das Ganze anders aus. „Mein Lotta-Leben“ ist ein echter Dauerbrenner, und Kohl hat mit ihren Zeichnungen neben den Geschichten der Autorin Pantermüller maßgeblichen Anteil daran. Natürlich hat ihnen Jeff Kinney die Tür geöffnet. Doch die Geschichten müssen schon stimmen – denn gerade Kinder merken sofort, ob sie ernst genommen oder ob sie für dumm verkauft werden. „Der Markt ist riesig, was Kinderbuchreihen angeht“, sagt Kohl, „ein unglaublicher Kampf. Wenn ich auf einer Buchmesse bin, um Gottes willen, wie will man als kleiner Verlag sein Buch überhaupt bemerkbar machen? Das ist ja wie ein Haifischbecken.“

Auch das Leben von Lotta, einer zehnjährigen „blockflötisch total unbegabten“ Schülerin mit „zwei Blödbrüdern“ ist so normal, dass sich jede zehnjährige Schülerin drin wiederfinden kann – und an seinen entscheidenden Unergründlichkeiten so weit ins Extrem gedreht, dass es für die Leser ebenso lustig wie tröstlich ist. Für den Würzburger Arena-Verlag ist „Mein Lotta-Leben“ der größte Erfolg seiner jüngeren Geschichte: Die Übersetzungsrechte wurden in 25 Länder verkauft, allein in Deutschland fanden die Bücher drei Millionen Käufer, vor allem Mädchen beziehungsweise deren Eltern. Kohl nimmt inzwischen aber auch schüchterne Jungs auf ihren Lesungen wahr.

Vom Papier auf die Leinwand

Und ein Ende des Hypes ist nicht in Sicht – im Gegenteil: Im nächsten Jahr wird der Versuch gestartet, die wunderbar konfusen Cartoon-Prosa-Konstrukte von Daniela Kohl und Alice Pantermüller in einen Kinofilm zu übersetzen. „In meinem Kopfkino ist Lotta ja schon höchst lebendig“, sagt Daniela Kohl, die auch in der Verfilmung für die eingesprengselten Cartoon-Sequenzen zuständig ist. Im Kopfkino der jungen Leser natürlich auch, was die Herausforderung nicht kleiner macht. Immerhin bekam das Team, das schon Andreas Steinhöfels Romane um die Freunde Rico und Oskar erfolgreich auf die große Leinwand brachte, den Zuschlag für das Projekt. Anfang September soll „Mein Lotta-Leben“ in die Kinos kommen.

Jeff Kinney durfte den Weg vom Buch ins Kino bereits viermal begleiten. Allein die Verfilmung von „Gregs Tagebuch – Von Idioten umzingelt!“, den der Berliner Regisseur Thor Freudenthal 2010 inszenierte, spielte weltweit mehr als 75 Millionen Dollar ein. Auch die Folgefilme waren globale Erfolge – obwohl man zum Missvergnügen der Fans für den vierten Teil den kompletten Cast ausgetauscht hatte: Die Darsteller von Greg und Co. waren zu alt geworden.

Auch die Autoren machen die Erfahrung, dass ihre Bücher bereits zum Erinnerungsschatz etlicher Erwachsener gehören. Jeff Kinney etwa, der bei der Einreise nach Deutschland von einem Beamten so intensiv gemustert wurde, dass er schon dachte, sein Pass sei abgelaufen. In Wirklichkeit hatte ihn der Mann wiedererkannt – und ihm nach einem kurzen Schreck sogleich freudig erzählt, dass er als Kind ganz vernarrt gewesen sei in „Gregs Tagebuch“. Kinney wurde klar, dass es mittlerweile eine ganze Generation von Lesern gibt, die mit seinen Geschichten aufgewachsen ist. „Ich fühle mich dabei wie ein Großvater, aber es ist cool“, sagt er.

Und dieser Großvater, der gerade mal 47 Jahre alt ist, blickt mit Hoffnung auf die Zukunft. Schließlich glaubt er, fleißig daran mitzubauen. Zum Abschied sagt er: „In einem Land wie Amerika haben wir eine literarisch gebildete Gesellschaft dringend notwendig. Wer weiß, wie die nächste Generation sein wird, aber wir brauchen in jedem Fall eine Generation, die gerne liest. Und meine Bücher können dabei helfen.“