Seine ersten eigenen Hefte hat er aus einem Kinderwagen heraus verkauft: Mit einem solchen zog Robert Crumb 1968 in San Francisco durch das Haight-Ashbury-Viertel und brachte sein „Zap Comix“-Magazin unter die Leute. Nicht nur hatte er sämtliche Geschichten darin selber gezeichnet. Weil sich kein Verleger für ihn interessierte, hatte Crumb die Hefte auch selber gedruckt und gefalzt; und nun übernahm er eben noch die Distribution.

Die Hippies und Gammler, die „Zap“ in die Hände bekamen, waren aber sofort begeistert davon. Sie freuten sich etwa an den knollennasigen Typen mit ihren sehr großen Füßen, die Crumb zu einem imaginären Blues-Riff durch amerikanische Städte und Landschaften stapfen ließ: „Keep On Truckin’“! Oder an dem wallend gewandeten Propheten Mr. Natural, der wie ein unter LSD-Einfluss empfangenes Gottesbild wirkte. Wieder und wieder druckte Crumb sein Magazindebüt nach, und für die folgenden Nummern fand er dann auch einen Verlag und einen ebenso innovativen wie zuverlässigen Vertriebsweg: über die „Headshops“, in denen die Hippies sich mit Gras und sonstigem Kifferbedarf eindeckten.

„Zap Comix No 1“ markiert nicht weniger als eine Epochenwende. Bis dahin wurden die amerikanischen Comics von Superhelden und von sprechenden Tieren beherrscht; produziert wurden sie meist in arbeitsteiliger Weise in den Studios großer Verlage. Robert Crumb und die durch sein Vorbild inspirierten Zeichner der Gegenkultur – von Gilbert Shelton über Spain Rodriguez bis später zu Art Spiegelman – machten den Comic zum Autoren-Comic. Sie schrieben und zeichneten ihre Geschichten nicht nur in Eigenregie. Sie erzählten darin auch aus der alltäglichen Welt – und vor allem: von sich, von ihren Fantasien, Obsessionen und Wünschen.

Mit Mr. Natural oder dem dauer-erotisierten Kifferkater Fritz the Cat – berühmt geworden durch den von Crumb freilich verabscheuten Zeichentrickfilm von Ralph Bakshi – schuf Crumb zwar auch klassisch-karikierende Comic-Figuren. Die meistgezeichnete Figur in seinen Geschichten ist aber er selber; schon im ersten „Zap“-Heft sieht man ein Selbstporträt des Künstlers als „raving lunatic“, rasender Irrer.

Dieser autobiografische Bekenntnis-Stil hat Generationen von Comic-Künstlern geprägt. Doch während sich gerade in den Sechziger- und frühen Siebzigerjahren die meisten Underground-Zeichner auch in grafischer Hinsicht – ganz authentisch und „Do It Yourself“ – einem schlichten Dilettantismus hingaben, entfaltete Crumb aus dem dünnen Gestrichel seiner ersten Geschichten schnell einen unerhört sicheren, kraftvollen, körperbetonenden Strich: als verschmölzen die Ornamente der psychedelischen Grafik mit dem harten Sozialrealismus alter Kupferstich-Illustratoren wie William Hogarth oder George Cruikshank. So plastisch, kraftvoll, energiegeladen wurden die Körper in Crumbs Comics bald, dass sie sich dem Betrachter aus der Bildfläche schier entgegenzuwölben schienen – insbesondere die gewaltigen, dominanten, Angst und Lust auslösenden Frauenfiguren, denen der Zeichner in seinen immer offenherziger werdenden Sex-Fantasie-Bekenntnissen nachstellte.

Diese, von Schamgefühlen gleich welcher Art immer weniger gebremste Bekenntnislust hat Crumb nicht nur Bewunderung eingebracht. Seine orgiastische Feier des in draller Plastizität vollendeten Frauenkörpers, der sich in möglichst akrobatischen, dabei stets devoten Posen dem männlichen Blick darbietet, vor allem aber über extreme Brust-, Gesäß- und Wadenpartien verfügt – all das hat dem Künstler den Ruf eingetragen, ein Sexist und Reaktionär zu sein.

Tatsächlich scheint bei Crumb alles auf eine möglichst dauerhafte Kopulationsbereitschaft der Frau hinauszulaufen, insofern nur sie die gleichfalls als dauerhaft imaginierte Manneskraft befriedigen kann. Kurzum, der Mann will immer nur ficken, alles andere kümmert ihn nicht. Wer in den als „autobiografisch“ deklarierten Bildergeschichten aus den frühen Achtzigerjahren blättert, die jetzt wieder unter dem Titel „Nausea“ und „Mein Ärger mit den Frauen“ zugänglich sind, wird sich jedenfalls über die pornografische Obsession des Amerikaners wundern.

Doch schauen wir einmal etwas genauer hin, dann entdecken wir hier Crumb auf der Höhe seines Schaffens. Denn seine Comics, in denen es – zugegebenermaßen – oft um schwersten Drogenmissbrauch und ungestümen Geschlechtsverkehr geht, stellen die männlichen Figuren stets als unkontrollierte Triebbündel dar, während die weiblichen als dralle Dominas durchweg über das Begehren herrschen. Mit dieser Verkehrung der Geschlechterverhältnisse führt Crumb uns gerade keinen hippiesken Schmonzes vor, er verkündet nicht die Befreiung durch Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll, und schon gar nicht folgt er der von kulturkonservativer Seite hinlänglich denunzierten Geschichte, wonach die sexuelle Revolution aus den Sechzigerjahren geradewegs in der pornoindustriellen Totalverdinglichung mündete.

Nein, Crumb ist unendlich viel klüger und zeigt uns den hilflosen, sich im Namen des unbedingten – nicht nur Drogen und Sex betreffenden – Konsums selbst demütigenden, bis zur Vollverblödung unterwerfenden Mann. Und das ist doch wohl Kulturkritik auf höchstem Niveau!

Doch Crumb hat offenkundig Freude an seinem schlechten Ruf und befördert ihn nach Kräften. Über seine 1993 erschienene Kafka-Biografie ließ er zum Beispiel verlauten: „Franz Kafkas Themen wie der Selbsthass, seine Beziehung zu Frauen, die Schuldfrage sind auch meine. Er ist mein Bruder im Geiste.“ So stellt er sich bis heute am liebsten dar: Crumb, der große Einsame, der Unverstandene. Doch wer sich den gemeinsam mit dem Schriftsteller David Zane Mairowitz entstandenen „Kafka“-Comic anschaut, wird statt sexistischer oder sonstiger Eskapaden eine sehr feinsinnige und auch genaue Befassung mit dem Prager Literaten finden.

Wir sollten Crumb also keinen Glauben schenken, wenn er über sich selbst spricht, sondern einfach nur seine Geschichten, sie mögen nun autobiografisch sein oder nicht, genau lesen. Der erste Anschein trügt immer. Wer zum Beispiel „Genesis“ in die Hand nehmen sollte, Crumbs Beschäftigung mit dem 1. Buch Mose, der erwarte bei diesem 2009 veröffentlichen Opus keinen unheiligen Trash; man findet vielmehr eine präzise, geradezu demütige Erkundung, wie Geist und Bewusstsein allmählich in die noch unschuldig blühenden Körper der frühen Menschen einfahren.

Heute feiert der unübertroffene Robert Crumb, der seit 20 Jahren mit seiner Frau Aline Kominsky im südfranzösischen Sauve wohnt, seinen 70. Geburtstag.