Berlin - Sie kommen gerade aus Frankreich zurück. Toll war es! „Wir haben Champagner getrunken wie Wasser“, sagt Mateja Meded. So überzusprudeln ist ihre Art. Jasmina Music ist die Bedächtigere. Mateja Meded und Jasmina Music sind Schauspielerinnen, sie waren mit dem Stück „Common Ground“ nach Reims eingeladen. Seit einem Jahr läuft es am Gorki-Theater. Nun wird es in Berlin auch im Rahmen des Theatertreffens, als eine der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Ländern präsentiert. Auch wenn die beiden erst am Beginn ihrer Karriere stehen, kann man wohl sagen, dass sie in diesem Stück die schwersten Rollen ihres Lebens spielen.

Mateja Meded trägt eine kurze schwarze Lederjacke, schwarze Wollmütze, kurze Stiefel. Sehr berlinerisch. Ihren Hund hat sie dabei, ein kleiner Mischling. Hercule ruft sie ihn. Er soll hinter ihr durch die Tür gehen. „Damit er weiß, dass ich das Alphatier bin.“ Hercule schlüpft als erster hindurch. Egal. Er heißt dann auch nicht mehr Hercule, sondern Bebe. Jasmina Music ist blond, blauäugig, sie trägt einen leuchtend roten Pullover. Morgen geht es wieder nach Düsseldorf. Sie ist Ensemblemitglied am dortigen Schauspielhaus.

Theater als geschützter Raum

Mateja Meded und Jasmina Music sind in Jugoslawien geboren, in einem Land, das es nicht mehr gibt. Als Kinder haben sie eine Zeit lang in einem Dorf nahe der Stadt Prijedor in der heutigen Republik Srpska gewohnt. Mateja Meded ist 26, Jasmina Music 27. Sie hätten den selben Kindergarten besuchen können, dieselbe Schule, wäre der Krieg nicht gewesen.

Stattdessen verübten serbische Truppen Massaker an Kroaten und Bosniern. Ethnische Säuberungen nannten sie das. Mateja Meded und Jasmina Music flohen mit ihren Familien nach Deutschland, sie treffen sich zum ersten Mal als junge Frauen, als Schauspielerinnen beim Vorsprechen für „Common Ground“, einem Stück über den Balkan-Krieg. Dabei stellen sie etwas Ungeuerliches fest: Der Vater der einen, ein Serbe, hat in dem Konzentrationslager gearbeitet, in dem der Vater der anderen Gefangener war.

Jasmina Musics Vater ist verschwunden. Es gab nicht einmal eine Leiche. „Das sind Themen, die tief sitzen, die tragisch sind“, sagt sie nur. Mateja Meded möchte keine Fragen zu ihrem Vater beantworten. Das war eine Bedingung für unser Gespräch. Sie erzählt, dass sie nach dem Vorsprechen den ganzen Tag S-Bahn gefahren sei. Später Zuhause habe sie auf dem Bett gesessen und die Wand angestarrt.

Die beiden wollten trotzdem unbedingt bei dem Stück mitmachen, auch wenn sie wussten, wie die Regisseurin Yael Ronen arbeitet. Sie entwickelt ihre Stücke auf Basis der Biografien ihrer Schauspieler, deshalb suchte sie für Common Ground“ Leute aus dem einstigen Jugoslawien.

Die Furchtlosigkeit, mit der sich Yael Ronen an die schmerzhaften, die abgründigen Stellen wagt, erwartet sie auch von ihren Schauspielern. Manche nennen das Theater der Gorki-Hausregisseurin therapeutisch, und wenn man Mateja Meded und Jasmina Music sprechen hört, scheint das wirklich so zu sein. Sie sprechen von dem geschützten Raum, der Yael Ronens Theater sei. „Manchmal sollten wir nur dastehen und uns in die Augen schauen“, sagt Mateja Meded. Sie habe während der Proben Dinge erzählt, die sie nie zuvor jemandem erzählt hatte.

„Meine Mutter hat durchgeheult“

Ihre Texte für die Bühne haben sie selbst formuliert: „Jasmina Music ist vier Jahre alt. Man hat ihr gesagt, ihr Vater ist verschwunden. Jasmina versteht nicht, was das heißt ,verschwunden’. Jasmina hat gehört, dass auch andere Menschen verschwunden sind, Jasmina hat Angst, dass sie vielleicht auch verschwindet.“ Auf der Bühne spricht aber nicht Jasmina Music selbst, sondern Mateja Meded diese Sätze. Die beiden haben ihre Rollen getauscht, ihre Leben eigentlich. Zur Premiere dann sind die Mütter gekommen. „Leicht ist ihr das nicht gefallen“, sagt Jasmina Music. „Meine Mutter hat durchgeheult“, sagt Mateja Meded. Auch gesprochen hätten die beiden Mütter miteinander, was alles andere als selbstverständlich ist.

In „Common Ground“ geht es um Bosnien. Doch auch die Erlebnisse der Flüchtlingskinder in Deutschland würden Stoff für ein neues Ronensches Stück hergeben. Einmal wird auf der Bühne ein Religionslehrer von Mateja Mededs Schule zitiert. „Wenn sich jeder so benimmt wie du, ist es kein Wunder, dass ihr euch da unten tötet.“ Da habe sie geschwatzt, erklärt sie. Den Lehrer gibt es noch, am Maria-Theresia-Gymnasium in Erlangen. Ihre kleine Schwester geht jetzt dorthin. „Es war ekelhaft dort unten“, sagt Mateja Meded. Mit 18, ohne Abi, hat sie das Gymnasium „gequittet“ und ist nach Berlin gezogen.

Jasmina Music und ihr Bruder sind in Dortmund zur Schule gegangen. Sie hat eine ähnliche Geschichte zu erzählen. Eine Lehrerin hat zum Bruder gesagt: „Lieber ein glücklicher Koch, als ein unglücklicher Arzt.“ Als ihr Bruder sein Hochschulstudium mit Auszeichnung absolvierte, habe er der Lehrerin das Zeugnis geschickt.

Eine Geste des Triumphs, aber auch ein Zeichen dafür, wie tief verletzt sich die Familie gefühlt haben muss. Die Mutter, eine Ärztin, arbeitete anfangs als Krankenschwester, ihre Abschlüsse wurden nicht anerkannt. Und heute? „Sie ist Chefärztin“ sagt Jasmina Music. „Eine Jugo-Frau eben.“ Stolz ist sie. „Sei besser, wenn du Moslem bist und einen Namen hast wie Music.“ Nach diesem Prinzip hat sie gelebt. Namen, die nach Balkan klingen, sind in Deutschland oft ein Problem. Mateja Meded erzählt, dass sie ihr in Castingagenturen geraten, den Namen zu ändern.

Eine offene Wunde

Wenn sie sagt, ihre Familie sei vollkommen assimiliert, klingt das gar nicht gut. „Nach zehn flüstern die nur noch“, kommt es dann auch gleich. Und nachdem ein Nachbar sich beschwert habe, würde im Sommer nicht mal mehr gegrillt. „Wenn wir nach unten fahren, sind sie ganz anders“, sagt sie. „Da reden sie auch lauter.“

Nach unten − das sagen die beiden oft, wenn sie über die alte Heimat sprechen. Vielleicht wollen sie die neuen Namen der Länder nicht verwenden, in die Jugoslawien durch den Krieg zerfallen ist. „Nach unten“ fährt auch Jasmina Music manchmal. Reisen, die auch eine Art der Selbstbehauptung sind. „Es gibt dort Leute, die würden mich gern tot sehen“, sagt sie. „Aber das ist mein Land, ich werde keinem den Gefallen tun, nicht zu kommen.“

Als sie sich für das Foto auf eine Bank im Foyer setzen, legt Mateja Meded den Arm um ihre Kollegin. Nur eine Pose für den Fotografen? Aber dann lehnt sich Jasmina Music an sie, und man spürt das Vertrauen zwischen ihnen. Mehr als ein Jahr lang spielen sie ihre Rollen in „Common Ground“ nun schon. „Es ist kein Stück wie eine Shakespeare-Komödie“, sagt Jasmina Music. „Das Stück ist eine einzige offene Wunde“, ruft Mateja Meded. „Man guckt jedes Mal: Ist das verheilt? Und es verheilt nicht.“ Sie seien im Asylantenheim gewesen. Menschen, die nicht so erwünscht sind, spricht sie weiter. „Und jetzt spielen wir hier in diesem Stück und trinken Champagner.“ Was für eine Genugtuung. Und eine Wunde, die nicht verheilt ist.