Man muss noch nicht gleich am zivilisatorischen Fortschritt zweifeln, wenn man festhält, dass manche Krankheiten auch heute nicht ausgerottet sind. Der Weltschmerz beispielsweise erfreut sich auch gut zwei Jahrhunderte, nachdem ihn Alfred de Musset in seinem Roman „Bekenntnisse eines jungen Zeitgenossen“ zum Übel seiner Epoche erklärte, bester Gesundheit – auch wenn er nicht mehr ganz das ist, was er einmal war. Kühn ernannte sich der französische Schriftsteller zum Sprachrohr seiner Generation, die geboren wurde, als die Welt dank der napoleonischen Kriege in Trümmern lag. Die Verzweiflung erhob er in seinem Buch (dessen Originaltitel „Confessions d’un enfant du siécle“ weit unbescheidener klingt) zur einzigen Religion dieser Generation, den Spott zu ihrer alleinigen Leidenschaft. Mit ihm erschrieb er sich den Ruf, der Herold der Romantik zu sein.

Allerdings lässt sich das Buch im Alter von 20 Jahren besser verstehen als mit 50. Der existenzielle Überdruss, dem de Musset eine elegante Stimme verlieh, entzündet sich weniger an den sittlichen Verwerfungen seiner Epoche, sondern ist wesentlich einer Liebesenttäuschung geschuldet. Gern werden die „Bekenntnisse“ als Schlüsselroman über de Mussets ungestüme Affäre mit der älteren George Sand gelesen. Tatsächlich herrscht darin ein reger Tauschhandel zwischen Leben und Fiktion. Der Octave des Romans ist jedoch bei weitem kein so tüchtiger, kecker Lebemann wie sein Autor, und George Sand war eine glühendere Streiterin für die Entgrenzung der Geschlechterverhältnisse als ihr literarisches Gegenstück.

Sylvie Verheydes Verfilmung des Romans verstärkt diese Akzentverschiebung. Die Liebestollheit, von der die realen Vorbilder ergriffen wurden, ist hier etwas matt geraten. Der Funke will partout nicht überspringen zwischen dem tristen Wüstling Octave (Pete Doherty) und der tugendhaften Witwe Brigitte (Charlotte Gainsbourg), die ihn erlösen soll vom Ekel, mit dem ihn die Ausschweifungen des Pariser Lebens zusehends erfüllen. Gainsbourg ist sträflich unterbeschäftigt in der Rolle der reiferen Frau, deren Leben bisher im Schutz maßvoller Gemütsbewegungen verlief. Octave müsste eine erotische und auch moralische Herausforderung für sie darstellen. Leider ist das Doherty nicht gegeben – obwohl der ja der Boulevardpresse zufolge im realen Leben eine Menge vom Weltschmerz verstehen müsste.

Probelauf der Herzen

Aber es gebricht Doherty an Liebesergriffenheit und erschöpfter Verworfenheit. Nicht einmal die dandyhaften Posen, die man einem gelernten Popstar durchaus zutrauen würde, gelingen ihm. Ungelenk hantiert er mit den Requisiten und stolpert über den Parcours, der Octave von Verletzbarkeit hin zu tyrannischer Launenhaftigkeit führen müsste. Dort, wo das Herz des Films schlagen sollte, klafft nur eine Leerstelle. Eine weit bessere Figur macht da August Diehl in der Rolle von Octaves Freund Desgenais, eines kecken, zur Sentimentalität neigenden Zynikers. Er hat einige der besten Dialogzeilen (darunter eine süffisante Bankenschelte) und erweist sich als ungleich beherzterer Interpret der Weltsicht de Mussets.

Über zwei Stunden schaut man nur mehr einem Probelauf der Herzen zu, einem müßigen Flanieren an den Fassaden des Romans vorbei. Ein anmutiger Historienfilm ist Verheyde streckenweise allerdings doch gelungen. Die Kostüme von Esther Walz schillern exquisit zwischen Maskerade und Entblößung. Nicolas Gaurins agile Kamera umfängt die Darsteller mit einem kontrastreichen Licht, in dem Wärme und Kälte sacht in Widerstreit geraten. In den Dekors von Thomas Grézaud manifestiert sich eine kammerspielhafte Intimität: Wo die Hauptdarsteller befangen sind, muss zumindest das Ambiente beredsam sein.

Confession Frankr./Dtl. /GB 2012. Regie & Drehbuch: Sylvie Verheyde, Darsteller: Pete Doherty, Charlotte Gainsbourg, August Diehl u. a.; 120 Minuten, Farbe. FSK ab 12.