Der kongolesische Choreograf Faustin Linyekula und seine beiden Mitstreiter, Pasco Losanganya und Daddy Moanda Kamono (v.l.)
Foto: Agathe Poupeney

BerlinWissen Sie, wie viele Kerzen der Leuchter des Palais Radziwill trug? Oder wer am Tisch saß, während der Kongokonferenz, bei der die europäischen Großmächte auf Einladung Bismarcks im Winter 1884/85 in Berlin die Aufteilung Afrikas in Kolonien beschlossen?

Der kongolesische Choreograf Faustin Linyekula und seine beiden Mitstreiter, Pasco Losanganya und Daddy Moanda Kamono, wissen es. Sie wissen auch, aus welchen Familien die damaligen Delegierten kamen und welche Karrieren ihre Nachfahren machten.

Land für Schnaps

„Congo“ heißt die zweistündige Geschichtslektion mit der Faustin Linyekula mit seinen Studios Kabako im Hebbel-Theater (HAU1) gastiert. Ein paar Säcke stehen auf der Bühne und eine kleine Rampe, die mal als Bühne, mal als Konferenztisch und dann wieder als Leinwand für Film-Einspieler fungiert. Kindergesichter sieht man darauf am Ende. Aber nichts von den Gräueltaten, die die Handlanger des belgischen Königs Leopold im Kongo begangen haben. Von ihnen wird auch erst in der zweiten Stunde erzählt.

Linyekula, Losanganya und Kamono sitzen da über der Bühne verteilt, eine Glühbirne baumelt jeweils über ihren Köpfen, und sie lesen Aufzeichnungen der damaligen Zeit vor. Über Häuptlinge, die ihr Land nicht für billigen Schnaps und Glasperlen an Henry Morton Stanley verkaufen wollten. Stanley erwarb im Auftrag von König Leopold das Land um das Kongo-Becken herum, eine Fläche, 80-mal so groß wie Belgien. 450 Verträge hatte Stanley bis 1884 „ausgehandelt“. Wie viele Dörfer dafür niedergebrannt, wie viele Frauen vergewaltigt und wie viele Menschen dafür ermordet wurden, weiß niemand. Die drei auf der Bühne nennen ein paar Namen von Dörfern, die es seitdem nicht mehr gibt.

Abgehackte Hände, Millionen Tote

Der Landkauf, das war sowieso erst der Beginn des großen Mordens. Eine abgehackte Hand für jede verschossene Patrone, damit keine kostbare Patrone vergeudet wird, das war der Befehl an die Soldaten. Berge von abgehackten Händen häuften sich in den Garnisonen. Über 1000 abgehackte Hände waren es manchmal an einem Tag. Wie viele Menschen genau während der 23-jährigen Schreckensherrschaft des belgischen Königs starben, ist unklar. Die Wissenschaft geht von fünf bis 15 Millionen Menschen aus. „Es wurden immer weniger Menschen im Kongo“, heißt es dazu auf der Bühne.

Linyekula greift vor allem in der ersten Stunde auf den Roman „Congo“ des französischen Autors Èric Vuillard zurück, der darin Kolonialgeschichte als böse und groteske Posse erzählt. Linyekula versucht, Auszüge des Textes eins zu eins auf die Bühne zu transferieren. Die Langeweile der Herrschenden, ihre Eitelkeit, ihre Gier. Die Pracht der Räume und des Essens. Bismarck, der noch nicht im Kolonialgeschäft Fuß fassen konnte, und Léopold, der König mit dem zu kleinen Reich, der ihn geschickt überlistet und dem am Ende der Konferenz der Kongo als Privatbesitz anerkannt wird.

Stehende Ovationen

Das Beklemmende aus Vuillards Buch bleibt auf der Bühne im Vortrag von Daddy Moanda Kamono allerdings in wütender Deklamation stecken. Die Ironie fehlt, der Hohn und die Distanz. Anders können wir das nicht erzählen, scheint die zweite Stunde des Abends zu sagen. Die Szenerie verdichtet sich. Linyekula flirrt tanzed fragil über die Bühne, Losanganya singt mit entblößtem Oberkörper, die Haut mit den Namen der Kolonialmächte beschrieben. „Den Kongo gibt es nicht. Da ist ein Strom und ein großer Wald“, rezitieren sie wieder und wieder Vuillard und erzählen dann von den Toten.

Das ist ihre Version der Geschichte. Schneisen wurden in die Wälder geschlagen, Léopoldville, das heutige Kinshasa, errichtet. Der Stadt in der Faustin Linyekula mit den Studios Kabako beheimatet ist, Künstlern ein Zuhause gibt und auch Landwirtschaft betreibt. „Kongo!“, ruft er am Ende und eine geballte Faust reckt sich im Zuschauersaal. Dann erheben sich die Menschen zu stehenden Ovationen.    

Congo, 5., 6. Dez., 19 Uhr im HAU 1, T.: 25900427 oder hebbel-am-ufer.de