Berlin - Kleidung aus Baumrinde, Autoreifen oder synthetischem Haar, Perücken in der Form von Häusern oder ein Totentuch mit traditionellen Mustern, gewebt aus Kunstfasern, Leder und Metallfäden – die Objekte von Designern und Designerinnen, Künstlern und Künstlerinnen aus Uganda, Senegal und Benin, die derzeit unter dem Titel „Connecting Afro Futures“ im Kunstgewerbemuseum zu sehen sind, weisen in die Zukunft, indem sie Geschichten aus der Vergangenheit erzählen. Wobei die Zukunft, zumindest in der Installation von Ken Aïcha Sy, für die Menschen durchaus eine Sache der Hoffnung ist.

Im Videoteil ihrer Arbeit mit dem Titel „Baadaye“ (Suaheli: Zukunft) hat die senegalesische Künstlerin Kulturschaffenden und Bankern beiderlei Geschlechts die Frage gestellt, wie sie sich Afrika im Jahr 2200 vorstellen. Die Antworten lauteten: weiter entwickelt, gut informiert, kulturell führend, bereichert durch die Teilhabe derjenigen, die jetzt noch in der Diaspora leben, achtsam, dass Wohlstand gerecht verteilt wird, und vor allem: optimistisch. Und zwar so entschlossen optimistisch, dass man, so eine der Interviewten, wenn man stolpert, nicht nur wieder aufsteht, sondern sein Ziel sogar noch höher setzen wird!

Gefilzte Baumrinde

Entsprechend macht der Besuch dieser Ausstellung gute Laune. Witz, Schönheit und raffinierte Technik verbinden sich in den acht Positionen auf zwei Ebenen des Museums. Und sie sind teilweise nicht nur ästhetisch und kulturgeschichtlich relevant, sondern auch ökologisch. Die ugandisch-britische Modemacherin José Hendo etwa hat die Gewinnung von Rindenstoff wiederentdeckt. Die Rinde eines Feigenbaums, der Natalfeige, Mutuba genannt, wird dazu abgeschält, in heißem Wasser eingeweicht, gefilzt und zu einer Fläche ausgewalzt, die bis zu fünf Meter lang sein kann. Den nackten Baum umwickelt man übergangsweise mit Bananenblättern, und ein Jahr später lässt sich neue Rinde ernten.

Naturbelassen ist der Rindenstoff orangebraun, er ist waschbar, und Hendo kombiniert ihn beispielsweise mit Streifen von Jeanshosen aus der Mülldeponie, zu einem taillierten Kleid (nicht dem abgebildeten) mit weiten Ärmeln und weitschwingendem Rock, dessen Halsausschnitt aus nicht weniger als drei Jeansöffnungen mit Reißverschlüssen und Knöpfen besteht – tatsächlich tragbarer Nachhaltigkeitspunk, wenn man so will. Und nebenbei ein Hinweis darauf, dass es in Zukunft auch ohne die Baumwolle gehen könnte, für die Millionen von Afrikanern einst versklavt wurden.

„Fashion ist ein Power-System. Fashion hat die Macht, die Welt zu verändern“, sagte Claudia Banz vom Kunstgewerbemuseum vor der Eröffnung der Ausstellung am vergangenen Freitag. Ein Blick in die Statistik (statista.com) unterstreicht das schon rein ökonomisch: Eine halbe Billion Euro wird 2019 weltweit im Bereich Fashion umgesetzt, bis 2023 werden es 0,8 Billionen Euro sein, wobei schon jetzt eine Viertel Billion Euro allein auf China entfällt, mit einigem Abstand folgen im Umsatzranking die USA, Großbritannien, Deutschland und Südkorea – von Afrika ist bisher noch keine Rede. Aber Banz, die die Ausstellung gemeinsam mit Cornelia Lund und Beatrace Angut Oola kuratiert hat, meint natürlich auch die Deutungsmacht der Mode.

Angut Oola, Betreiberin der digitalen Plattform Fashion Africa Now, sprach in einem Interview einmal von Mode als „Brückenbauer zwischen verschiedenen Kulturen“. Auch „Connecting Afro Futures“ ist als Brücke gedacht. Die ausgewählten Designer und Künstler wurden im November 2018 nach Berlin eingeladen, durch die Abteilungen des Kunstgewerbemuseums geführt, und gebeten, Installationen direkt für diesen Ort zu entwickeln. Lamula Anderson, wie Hendo eine Uganderin, die in London Mode studierte, hat mit „The Perfect Stereotype“ einerseits persönlich, andererseits als einzige direkt auf die Kostümabteilungen des Museums reagiert.

Gegen das soziale Diktum ihres Herkunftsumfeldes, dass schwarze Menschen bunte Farben zu tragen hätten, behauptet sie ihre Lieblingsfarbe Schwarz und zitiert in zartem Gewebe europäische Kleiderschnitte des 19. Jahrhunderts, die sie mit Accessoires aus (natürlich synthetischem) Afrohaar versetzt. Etwa einen Cul de Paris, was als bitterer Hinweis auf die damalige gleichzeitige Ächtung des natürlichen Körperbaus afrikanischer Frauen verstanden werden darf. Zwei von Andersons Kleidern schweben in luftiger Höhe und wirken mit ihren langen Schleppen zum eingespielten Meeresrauschen vor einer Projektionswand wie die schwarze Antwort auf das Adels-Gespenst der weißen Frau.

Auch Adama Amanda Ndiaye, eine in Senegal geborene Modemacherin, die in Paris lebt, verwendet synthetische Haare für ihre Kleider. Und zwar ausschließlich: Ein Überwurf mit geflochtenem Gürtel ganz aus gebleichtem und geglättetem Afrohaar, ein Hängerchen aus ebensolchem in Schwarz, dazu kunstvolle Gestecke wiederum aus Haar auf den Kopf – Haarmode im doppelten Sinne als ironischer Kommentar zu Rollenzwängen und Medium der bewussten Selbst-Gestaltung.

Neben den Perückenarchitekturen von Meschac Gaba aus Benin, aus Zöpfen errichtete, geometrische Kleingebäude, betont auch eine Nische mit Filmen zur kulturhistorischen Bedeutung der Afro-Frisuren den enormen Stellenwert, den das Haar für afrikanische Identitäten hat. Und weil Beatrace Angut Oola als Deutsche mit ugandischen Wurzeln lange Probleme hatte, Pflegemittel zu finden, gibt es in dieser Ausstellung auch ein Regal mit entsprechenden Produkten.

Materialmix aus Müll

Noch weiter als José Hendo, die Kleidermüll verarbeitet, geht die ugandische Multimedia-Künstlerin Njola in ihrem in Design mündenden Selbsthilfe- und Umweltprojekt Muyunga. Gemeinsam mit den Bewohnern sammelt sie in den Slums von Kampala Müll und lehrt sie, daraus Taschen, Schuhe oder Jacken zu fertigen. Autoreifen, Flip Flops oder Pulloverreste werden zu schwarz-bunten Rüstungen im Materialmix der Entsorgungsgesellschaft verarbeitet, prächtig und wehrhaft zugleich, Grüße aus und nach Europa inklusive. Explizit will die Ausstellung „High-end Mode“ zeigen, ein Design, das ins Museum gehört, obwohl auch das Kunstgewerbemuseum bislang kein einziges afrikanisches Modell in seinen Sammlungen hat, wie Claudia Banz zugibt.

Nur für den Katalog wurden in Dakar und Kampala noch zwei Modestrecken aufgenommen, die auch andere Designer präsentieren und die Städte hip ins Bild setzen: Dakar als Ort der architektonischen Moderne, Kampala als Elysium des Shabby Styles. International gültige Bilder einer Traumfabrik natürlich, wie alles in diesem Geschäft. Aber wo genau diese Bilder fabriziert wurden, spielt eben doch eine Rolle.