Außerirdische sind in Hillbrow gelandet, einem Johannesburger Stadtteil, der mal als Vorzeigeviertel geplant war, aber dann verfiel. Gewalt, Armut, Korruption waren der Alltag. Jetzt aber ist alles gut. 21 junge Menschen zwischen fünf und 22 Jahren stehen auf der Bühne des Verlin, des Theaters von Constanza Macras und ihrer Compagnie Dorky Park. Vor zwei Tagen sind sie aus Johannesburg angereist. Sie zeigen als Vorpremiere vor ein paar Schulklassen „Hillbrowfication“, das Stück, mit dem sie ab heute im Maxim-Gorki-Theater gastieren. Diese 21, so erzählt es die brutale Utopie, haben die Reinigungsmaßnahme der Außerirdischen überlebt. Alle, die nicht tanzen konnten, mussten sterben. Dass vorwiegend Menschen mit afrikanischen Wurzeln übrig bleiben, tja Leute, tut uns leid für euch.

Leben als endloses Tanz-Battle

Oder vielleicht auch nicht. Denn was die Jugendlichen zeigen, rollt wie eine explosive Woge aus Tanz, Gesang und Schauspiel über das Publikum hinweg. Aber der neue Tanz-Zwang ist auch nicht die Erlösung, die sich manche erhofften. Alle sind in das Korsett ihrer Bewegungen gezwängt. Also wechseln die Jugendlichen ihre Kostüme im Sekundenrhythmus, schieben sich als HipHop-Roboter, als Ballett-Mäuse und Afro-Tänzer über die Bühne und bekämpfen sich in heroischen Schlachten. Jeder gegen jeden, das Leben als endloses Tanz-Battle.

Vorteile gibt es natürlich auch. Kaputte Aufzüge etwa sind kein Problem mehr. Die Menschen sind so elastisch, dass sie von Etage zu Etage hüpfen können. Diktatoren werden tanzend eingekreist und kaltgestellt. Ich möchte Biochemikerin werden, erklärt eine. Denn mit Biochemie kann man die ganze Welt verändern. Ich möchte Ärztin werden, sagt eine andere und belebt einen wie tot darnieder gesunkenen Mittänzer mittels Handauflegung.

Jedes Klischee wird fröhlich in die Luft gesprengt

Energiegeladen und sehr souverän erläutern zwischendurch Zwölfjährige auf Englisch komplexe Theorien des Afrofuturismus. In „Hillbrowfication“ wird jedes Klischee fröhlich in die Luft gesprengt.

Für Constanza Macras ist Afrofuturismus eine Widerstandsbewegung und eine Methode, die die von der Deutungsmacht der Weißen geprägten Narrative über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zersetzt. In „Hillbrowfication“ hat sie Elemente aus Erzählungen verschiedener afrofuturistischer Autoren aufgegriffen. Für die Jugendlichen, sagt sie, sei das alles eine Selbstverständlichkeit gewesen. Sie seien konzentriert, klar in dem, was sie von der Zukunft wollen. Das sei anders, als sie es von ihrer Arbeit mit arabisch- und türkischstämmigen Berliner Jugendlichen kennt. „Die Johannesburger Jugendlichen haben eine andere, selbstbewusstere Identität. Egal, ob sie arm oder reich sind, sie gehören zu dem Land, in dem sie leben. Das ist der Unterschied“, sagt Macras.

Das von Macras gemeinsam mit der Choreografin Lise Estarás entwickelte „Hillbrowfication“ ist mehr als ein kurzfristiges soziales Empowerment-Projekt. 2010 hat Macras zum ersten Mal in Johannesburg gearbeitet. Es folgte ein Austausch- und Residenzprogramm mit südafrikanischen Künstlern im Verlin. Schon damals hat Macras in den Räumen des Hillbrow-Theaters geprobt, einer Einrichtung, die Sozialarbeit und künstlerische Arbeit verbindet. „Es wird dort künstlerisch gedacht, die Arbeiten haben ein hohes Niveau“, sagt Macras.

Das merkt man den jugendlichen Darstellern an. Die vier jüngsten wohnen während des Gastspiels bei der Choreografin zu Hause. Die anderen sind, aufgeteilt in Jungen und Mädchen, in zwei Appartements untergebracht. Viel Kultur steht für die zehn Berliner Tage auf dem Programm. Ein beteiligter 14-Jähriger, der gern Comedian werden möchte, hat im Netz recherchiert und sich zu einem Poetry Slam des Comedy Club angemeldet. Da gehen dann auch alle hin zum Anfeuern.
Aber jetzt erstmal sind sie geschafft. Sie sitzen in den Gängen und im Foyer des Verlins. Jeden Mittag kocht hier eine nigerianische Bekannte für sie. „Super-Essen“, finden sie. Berlin sei cool. In Spanien waren sie auch schon. In den nächsten zwei Jahren dürften sie wohl noch einiges von der Welt sehen.

Hillbrowfication 1.–3. 6., 19.30 Uhr im Maxim-Gorki-Theater, Telefon: 20221115