Ein herbstlicher Morgen in Dahlem. In einer klassischen weißen Villa steht Cornelia Funke strahlend vor einer Bücherwand. Sie trägt die blonden Haare offen, ein geblümtes Shirt und Jeans. Die Grande Dame der Kinder- und Jugendliteratur, Autorin der „Die Wilden Hühner“-,  „Reckless“-  und „Tintenherz“-Reihen, die seit 2005 in Kalifornien lebt und bisher mehr als 26 Millionen Bücher verkauft hat, ist nur einige Tage für Lesungen in Deutschland. Kurz nach unserem Gespräch reist sie weiter nach Frankfurt, dann Essen. Dort liest sie aus ihrem neuen Roman „Das Labyrinth des Fauns“, der auf dem gleichnamigen, oscarprämierten Film von Guillermo del Toro basiert.

Wie lebt es sich auf Ihrer Avocadofarm in Malibu?

Ganz wunderbar. Ich habe zweieinhalb Hektar, darauf stehen ein Haus, das zwei Jahre älter als ich selber ist, eine Werkstatt zum Malen und Töpfern, drei kleine Gästehäuser und eine Schreib- und Mal-Scheune. Seit Januar kommen auf meine Einladung hin Künstler, um dort zu arbeiten. Dann gibt es 90 Avocadobäume, viele Zitronen- und Orangenbäume, zwei Esel namens Zorro und Esperanza, sechs Pekingenten und zwei Hunde. Wild leben dort Papageien, Erdhörnchen und Kojoten. Und ab und zu kommt eine Klapperschlange zu Besuch.

Klingt nach einem Paradies. Ernten Sie die Avocados selber?

Als ich das Grundstück kaufte, war es sehr vernachlässigt. Die Bäume waren am Absterben, aber wir konnten sie retten. Und all meine Freunde gehen mit Körben voller Avocados nach Hause.  Ich werde sie aber künftig auch an Schulen und Obdachlosenheime spenden.

Ihr Lieblingsrezept, bitte.

Die sind so gut, dass wir sie eigentlich immer nur pur löffeln, mit ein bisschen Olivenöl. Oder man macht eine Guacamole oder schneidet sie in den Salat.

Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Guillermo del Toro für Ihr Buch „Das Labyrinth des Fauns“ zustande gekommen?

Vor einigen Jahren hat er mich gebeten, für ein Projekt bei Dreamworks mit ihm zusammenzuarbeiten. Dabei haben wir  gemerkt, dass wir sehr gut miteinander erzählen können. Er erfuhr damals auch, dass „Das Labyrinth des Fauns“ mein Lieblingsfilm ist. Danach habe ich einen Essay über den Film für eine Sammelausgabe seiner Skizzenbücher geschrieben, da kündigte sich das schon an. Irgendwann kam der Anruf von Guillermos Manager, ich müsste da vielleicht etwas länger drüber nachdenken, aber er würde sich wünschen, dass ich einen Roman aus dem Film mache. An sich würde man sagen: Warum sollte ich so etwas tun? Aber bei einem Film, der mich jeden Tag daran erinnert, was Fantasy leisten kann, musste die Antwort Ja sein.

Im Film kämpft die Heldin Ofelia in einer Fantasiewelt gegen das Böse. Hintergrund ist das Franco-Regime.  Was fasziniert Sie daran?

Für mich ist der Film all das, was ich mit Fantasy erreichen will. Fantasy erinnert uns daran, wie fantastisch und vielschichtig unsere Wirklichkeit ist. Es ist ein zutiefst politischer Film über die großen Fragen: Was ist böse? Wie können wir uns gegen das Böse wehren? Was definiert unser Schicksal? Unsere eigenen Entscheidungen, oder sind wir völlig ausgeliefert? Die tiefe Menschlichkeit und das Engagement fürs Gute haben mich immer schon sehr beeindruckt. Da sind Guillermo und ich uns sehr ähnlich, auch in unserer Empörung.

Über die Missstände in unserer Welt?

Genau. Als Deutsche interessiert mich das Thema Faschismus sowieso, aber dass es im Moment wieder so aktuell wird, war noch nicht absehbar, als ich vor drei, vier Jahren anfing, am Faun zu arbeiten.

Es ist ungewöhnlich, dass eine  bekannte Schriftstellerin einen Film in einen Roman verwandelt. Wie muss man sich diesen Prozess vorstellen?

Mir war sofort klar, dass ich weder an Handlung noch Dialog etwas verändern werde, weil ich den Film für perfekt halte. Nur die Gedanken der Figuren kamen hinzu, und ich musste schauen, wie ich mit Perspektive arbeite, weil ich früh merkte, dass ich nicht alles aus der Sicht des Mädchens erzählen kann. Als ich Guillermo die ersten Kapitel zeigte und mit ihm über meinen Ansatz sprach, war er unendlich enttäuscht, dass ich den Film nur nacherzählen wollte. „I want you to play!“, sagte er. Daraufhin schlug ich vor, zehn Kurzgeschichten über Schlüsselelemente des Films zu schreiben. Interludes, Zwischenspiele, wie er sie nennt. Das gefiel ihm sehr. Später habe ich mir eine der strengsten Lektorinnen der USA gewünscht, weil es mein erstes langes Buch auf Englisch ist. Sie sollte mir meine Germanismen austreiben.

Wie haben Sie den Wechsel zum Englischschreiben erlebt?

Ich hatte schon ein paar Kurzgeschichten auf Englisch geschrieben. Aber es ist doch etwas anderes, 250 Seiten zu schreiben. Es ging sehr gut, und ich muss sagen, es hat mir große Lust am Schreiben auf Englisch gemacht. Ich konnte mich ganz auf die Sprache konzentrieren, was natürlich auch geholfen hat. 

Auch das ist ungewöhnlich. Die wenigsten Schriftsteller schreiben in einer anderen Sprache als ihrer Muttersprache.

Ich liebe es, in zwei Sprachen zu leben, denn ich glaube, dass man dadurch jede Sprache mehr wertschätzt. Man sieht permanent, das kann man im Deutschen nicht, das geht im Englischen besser und umgekehrt. Ich musste mich aber auch zum ersten Mal damit abfinden, dass ich übersetzt werde. Trotzdem saß ich natürlich noch sechs Wochen an dieser Übersetzung, bestimmte Dinge kann halt nur der Autor entscheiden. Es ist aber schön,  zu hören, dass die Leser auch im Englischen meine eigene Stimme wiederfinden.

Wie unterscheidet sich die Kinderbuch-Kultur in Amerika und Deutschland?

Sowohl in England als in Amerika gibt es eine andere Wertschätzung fürs Kinderbuch, ebenso wie fürs fantastische Kinderbuch. Die Deutschen haben ein sehr gestörtes Verhältnis zur Fantasy. Meine Theorie ist: Dadurch, dass der Faschismus so sehr mit unseren Mythen und dem Irrationalen gearbeitet hat, haben wir uns von diesem literarischen Erbe entfremdet. Wir hatten mal eine ganz starke fantastische Erzähltradition, die dann abrupt abbrach. Danach war es fast verteufelt, Fantasy zu schreiben. Das findet man in anderen Ländern nicht so. Der Respekt vor dem Kinderbuch ist einfach anders. Niemand würde in Amerika sagen, Huckleberry Finn ist Kinderliteratur. Man sagt, es ist Weltliteratur. Die Grenzen sind weniger strikt: Es gibt Diskussionsrunden, wo Salman Rushdie neben J.K. Rowling sitzt.

Sind Sie deshalb vor fast 15 Jahren in die USA gezogen?

Das intellektuelle Klima hat sicher eine Rolle gespielt. Ich hatte aber auch schon seit Teenagertagen eine Liebesaffäre mit der englischen Sprache. Und dann liebe ich es auch, in einem Immigrationsland mit vielen verschiedenen Nationalitäten zu leben. Ich kenne das gar nicht mehr anders.

Sehen Sie sich dennoch als deutsche Schriftstellerin, die in Amerika lebt?

Nein, ich sehe mich als Weltbürgerin. Aber natürlich bin ich mir sehr bewusst, dass ich Deutsche bin. Das wird einem vielleicht noch bewusster, wenn man im Ausland lebt. In Amerika wird das oft positiv bewertet.

Sind Sie mittlerweile US-Staatsbürgerin?

Nein, ich muss erst einmal prüfen lassen, ob ich meinen deutschen Pass behalten darf. Das dauert.

Aber eine Rückkehr kommt nicht infrage?

Ich bin niemand, der zurückgeht. Ich könnte mir sogar eher vorstellen, noch mal nach Neuseeland zu ziehen.

Sie werden weltweit gelesen, von Indien bis Hamburg. Würden Sie sagen, es gibt ein universelles Kinderbewusstsein?

Das Verrückte ist, die Kinder auf der Welt sind gleichzeitig verschieden und gleich. In Jaipur in Indien standen mal Leute um die 30 vor mir, die sagten: Sie sind meine Kindheit. Wie ist das möglich, fragt man sich, ich habe „Drachenreiter“, das Buch, um das es ging, in Hamburg in einem Dachbodenzimmer geschrieben, und die indische Realität ist so anders. Doch der Grundsatz des fantastischen Erzählens ist auch, dass man darin universelle Wahrheiten adressiert. Und die großen Fragen sind überall und bei allen gleich: die Angst vor dem Verlust von geliebten Menschen, der Schutz, den man seinen Kindern angedeihen lassen will, die Sehnsucht nach Liebe. Allein die Regeln und Tabus sind andere. Tatsächlich habe ich den Eindruck,  dass vor allem in Ländern, wo die existenzielle Härte sehr deutlich ist, eine große Ernsthaftigkeit im Umgang mit Literatur besteht.

Ist Lesen also wichtig für Kinder?

Ich denke, Lesen ist wichtig, aber andere Dinge sind noch viel wichtiger. Kinder sollten sich nicht von der natürlichen Welt entfremden. Dadurch entgehen ihnen wichtige Erfahrungen: Was ist der Tod, was ist das Vergehen? All das, was die Natur uns sehr selbstverständlich über unsere Existenz erklärt, geht im Moment verloren. 

Wegen der sozialen Medien?

Nein, ich mache mir nur Sorgen, dass Kinder viel zu viel zur Schule gehen. Das ist eine dramatische Fehlentscheidung. Kinder müssen sich selbst ohne Erwachsene entdecken können. Sie brauchen Freizeit.