Welches sind die Bücher, über die man spricht? Was muss man gelesen haben? Schaut man auf die Bestsellerlisten der vergangenen zehn Jahre, fallen neben Buchpreisträgern, Krimiserien und Wie-Liebe-in-mein-Leben-kam-und-alles-anders-wurde-Schmökern einige Jugendbücher ins Auge. Die werden – das ist in der U-Bahn zu sehen – nicht nur von Jugendlichen gelesen.

Nach Joanne K. Rowlings „Harry Potter“ kam die Vampirserie von Stephenie Meyer, außerdem Christopher Paolinis Drachenreiter „Eragon“. Derzeit halten sich dort die „Panem“-Bände von Suzanne Collins, eine kühle Zukunftsvision. Während Rowlings Verlage für Ende des Monats ihren ersten ausdrücklich für Erwachsene geschriebenen Roman ankündigen, kommt ab Donnerstag erst einmal ein Buch von Cornelia Funke auf die lukrativen Plätze in den Buchhandlungen. Ihre „Tintenherz“-Trilogie um die Macht der Literatur und ihrer Schöpfer hat sich allein in Deutschland über dreieinhalb Millionen Mal verkauft – so ist jedes neue Buch von ihr mit der Bestseller-Erwartung verbunden. Funke setzt ihre Reihe „Reckless“ fort. Und sie beruft sich dabei auf einen Kanon, der vielen Menschen selbstverständlich ist: auf die Grimmschen Märchen.

Der Grimmsche Kanon

Ihre Helden sind Jacob und Will Reckless. Jacob Ludwig Karl und Wilhelm Carl Grimm veröffentlichten vor zweihundert Jahren den ersten Band ihrer Sammlung von Kinder- und Hausmärchen. Funkes Brüder gelangen wie Lewis Carrolls „Alice im Spiegelland“ durch einen Spiegel in eine andere Welt, wo Märchen lebendig sind. Jacob, Mitte zwanzig, fühlt sich dort wohl, verdient sich Ansehen und Gold als Schatzjäger. Die Autorin spielt mit bekannten Motiven, wenn sie ihn mal einen gläsernen Schuh (von Aschenputtel), mal eine goldene Kugel (vom Froschkönig) finden lässt. Eines Tages geht sein Bruder ihm nach und wird von einem Goyl angegriffen. Das ist Funkes Erfindung: ein Machtwesen mit steinerner Haut. Will droht zu versteinern. Jacob schafft es, ihn zu retten. Doch es bleibt ein Mal über seinem Herzen zurück.

Der erste Band „Steinernes Fleisch“ fand viele begeisterte Käufer, Funke zog mit einem raschelnden Brokatkleid um die halbe Welt zu Lesungen, doch die Kritik war gespalten. Während die einen sie dafür priesen, sich nach den realistischen Büchern um „Die wilden Hühner“ oder den „Herrn der Diebe“, nach dem Fantasy-Roman „Drachenreiter“ und der „Tintenwelt“-Trilogie wieder ein völlig neues Sujet erschlossen zu haben, reagierten andere misstrauisch. Mit dem Plot und dem Detailreichtum würde die Autorin nach Hollywood schielen.

Funke schreibt die Reihe zusammen mit den britischen Filmproduzenten Lionel Wigram, lebt seit Jahren in Los Angeles, da liegt der Verdacht nahe. Seit der erste Band vor zwei Jahren erschienen ist, wurden keine konkreten Filmpläne bekannt. Aber was soll schlimm an einer Verfilmung sein? Sie kann sogar zum Lesen anregen: Harry Potters Ruhm hat sich durch das Kino vermehrt, Ähnliches passierte nach den „Twilight“-Filmen mit den „Bis(s)“-Büchern und die „Panem“-Reihe rückte überhaupt erst nach dem Filmstart auf sichtbare Bestseller-Ränge.

Eine Motte, von einer Fee auf Jacobs Brust platziert, treibt Jacob Reckless und seine treue Gefährtin Fuchs durch den zweiten Roman „Lebendige Schatten“ (Dressler Verlag, Hamburg, 411 S., 19,95 Euro). Nur wenn er ihre Zauberkraft bannt, kann er überleben. Er braucht „die tödlichste Armbrust, die je gebaut wurde“, muss diese gegen sich selbst richten. Als Wunderwaffe ist sie auch bei anderen begehrt. So wird die Suche zu einem Wettlauf.

Ausgezogen, das Fürchten zu lernen

Jacob ist in einem fiktiven Lothringen unterwegs, das sich auf der Europakarte im Buch über ganz Frankreich ausdehnt. Und eine Figur aus französischen Märchen, der Ritter Blaubart, bekommt hier eine tragende Rolle. Im Wirtshaus „Le Chat Botté“ (Der gestiefelte Kater!) trifft dieser auf Celeste, die als Gestaltwandlerin mal als Fuchs, mal als junge Frau auftritt. Der Ritter ist gut rasiert. Erst in seinem Schloss sind die blauen Haare am Kinn zu erkennen, dort bekommt Fuchs denn auch den Schlüssel zu dem Raum mit ihren Vorgängerinnen, neun Frauen, „getötet von der eigenen Angst“.

Gruselig? Ja, so sind Märchen. Jacob zieht aus, das Fürchten zu lernen. Ritter Blaubart „ist die Geschichte eines Massenmörders“, schreibt Cornelia Funke, „so finster und blutig, dass ich lange darüber nachgedacht habe, wie ich sie verwenden kann, ohne jüngeren Lesern bleibende Albträume zu bescheren.“ Dieser Satz stammt aus „Mein Reckless Märchenbuch“, das zeitgleich mit dem Roman erscheint (Dressler, 255 S., 9,95 Euro). Es ist eine Sammlung mit Kommentaren der Autorin. Man muss also gar nicht Bruno Bettelheims Interpretationshilfe „Kinder brauchen Märchen“ lesen, man braucht nur noch mal in die Originaltexte zu schauen. Wer immer Funke eine zu böse Fantasie, zu grausame Bilder im ersten „Reckless“-Band vorgeworfen hat, der wird im Ergänzungsbuch belehrt, was in den Märchen steckt: Magie und Verhängnis, schlimme Verwandte und wahre Liebende.

Grimmsche Motive

„Lebendige Schatten“ liest sich leichter, schneller, abenteuerlicher als der Vorgängerband. Funke gelingt es noch besser, sich das vorhandene Material anzuverwandeln und konzentriert sich mehr aufs Erzählen. Weil die Märchenmotive dem Leser als Erinnerung im Kopf hängen, bleibt stets gegenwärtig, dass man sich in eine Fantasiewelt begeben hat. Sie ist ein kühn verzerrtes Spiegelbild der unseren.

Rührend haben sich Literaturwissenschaftler, Kritiker und Journalisten in den letzten Jahren bemüht, einen Kanon der Literatur zusammenzustellen. Gibt es einen Alters- und gesellschaftliche Schichten übergreifenden Konsens über das, was man gelesen haben muss? Goethe, Kafka, Thomas Mann? Die Märchen der Brüder Grimm jedenfalls haben ihre Haltbarkeit bewiesen.