War der Kunstsammler Cornelius Gurlitt ein glücklicher Mann? Er besaß Tausende von teils erstklassigen Werken des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, von Gemälden und vor allem grafischen Arbeiten Renoirs, Picassos, Beckmanns, Spitzwegs. Aber zog er aus ihnen jenen Genuss, den andere aus der Arbeit oder dem Familienleben gewinnen? Wir können es nur noch für ihn hoffen. Am Dienstagvormittag starb Gurlitt in München im Alter von 81 Jahren, nach Angaben seines Sprechers infolge einer Herzoperation. Und damit wird die nächste Runde eingeläutet in der Debatte um diesen Mann, der nach aller Kenntnis immer zurückgezogen lebte, aber als seniler Kauz und als Messie verunglimpft wurde, der zum Symbol für die Amnesie des deutschen Bürgertums nach 1945 wurde.

Die Zeitschrift Focus veröffentlichte im November 2013 einen nicht sehr gründlich recherchierten Artikel. Es ging um 1 280 Kunstwerke aus dem Nachlass von Gurlitts Vater Hildebrand, welche die Augsburger Staatsanwaltschaft im Frühjahr 2012 beschlagnahmt hatte. Hildebrand Gurlitt war in den 20er-Jahren ein Fechter für die expressionistische Avantgarde, etwa als Museumsdirektor in Zwickau. Nach 1933 arbeitete er als Kunsthändler, kam nach der Aktion „Entartete Kunst“ zu Wohlstand, als die von den Nazis in Museen beschlagnahmten modernen Werke vermarktet wurden. Später arbeitete er in Paris als Einkäufer für Hitlers Linzer „Führer-Museum“, handelte möglicherweise auch mit Raubkunst, die jüdischen Eigentümern abgepresst worden war. Trotzdem konnte er nach 1945 bis zu seinem Tod 1956 neuerlich reüssieren, als Leiter des bedeutenden Kunstvereins in Düsseldorf.

Bei der Beschlagnahme durch die Staatsanwaltschaft 2012 ging es aber nicht um historische Aufklärung. Ein Zoll- und Steuerverfahren sollte materiell hinterlegt werden. Doch niemals wurde Anklage erhoben, im Frühjahr musste die Staatsanwaltschaft die Kunstwerke wieder in den Besitz von Gurlitt übergeben. Offenbar sind alle, inzwischen auch die möglicherweise aus entarteten Kunst- oder Raubkunstbeständen von Hildebrand Gurlitt erworbenen Kunstwerke legales Eigentum seines Erben. So sagt es das Gesetz. Bis man sich in Augsburg zu dieser Erkenntnis durchgerungen hatte, wurde Cornelius Gurlitt regelrecht an den Pranger gestellt, seine Sammlung gegen alle Unschuldsvermutung im Internet veröffentlicht und massiver Druck ausgeübt, damit er sich bereit erklärte, die Geschichte der Bilder untersuchen zu lassen.

Immerhin. Um Deutschland vom Verdacht zu befreien, dass es die Rückgabe von zur Nazi-Zeit geraubten Gütern verhindere, sind von Bundeskulturstaatsministerin Monika Grütters neue Mittel für die Raubkunstrecherche frei gemacht worden. Die Debatte hat begonnen, wieso hierzulande die Gesetze gestohlenes Gut so schnell zum Eigentum machen; wieso staatliche Museen, die in der Nazi-Zeit von eben diesem Staat ausgeplündert worden waren, keine Rückgabeansprüche haben; wie weit das Washingtoner Abkommen, das nur für Staatsbesitz die Rückgabe von Raubkunst verlangt, auch für Privatpersonen gültig gemacht werden kann.

Kaum debattiert wurde allerdings, dass Cornelius Gurlitt ein Musterbeispiel für die Entwicklung historischen Bewusstseins war. Nach dem Tod seines Vaters betrachtete er dessen Erbe als sein Eigentum. So wie ganz West- und Ost-Europa das Ergebnis der Nazi-Raubzüge als Eigentumsumverteilung betrachtete. Offenbar wuchs aber sein Bewusstsein, dass nicht jedes Bild, das er besaß, legitimes Eigentum war. 2011 verkaufte er die Gouache „Löwenbändiger“ von Max Beckmann – und teilte den Gewinn mit den Erben des Kunsthändlers Flechtheim, dem dieses Werk geraubt worden war.

Aber wer ist nun Gurlitts Erbe? Nach neuen Informationen hat er ein Testament zugunsten einer Stiftung gemacht, wahlweise in der Schweiz oder in Österreich. Im März noch hatte er erklärt, dass jüdischen Eigentümern geraubte Werke deren Nachkommen zurückgegeben werden sollten. Werden die Erben diesem Wunsch entsprechen, vielleicht gar die Werke aus öffentlichen Museen zurückgeben? Verlangen kann man das aufgrund der deutschen Gesetze nicht. Nur darum bitten. Auch das lehrte die Causa Gurlitt.