Corona-Rassismus hat es in Deutschland von Anfang an gegeben. Davon können asiatisch aussehende Menschen berichten, die auf der Straße plötzlich angefeindet wurden. Rassismus auch in den Medien. Der Spiegel betitelte seine erste große Geschichte über das Virus mit „Made in China“. Der Ursprung der Pandemie wurde immer wieder darauf zurückgeführt, dass Chinesen solche Dinge wie Fledermaussuppe essen und dass das Virus so auf den Menschen überspringen konnte, was bis heute nicht bewiesen ist. Wie oft war exotisierend von dem wet market in Wuhan die Rede, auf dem es diese Fledermäuse zu kaufen gibt.

Das Coronavirus wurde zunächst als das Virus der Anderen dargestellt, die Krankheit als etwas, über das man sich in einem entwickelten Land wie Deutschland keine Sorgen machen muss, auch als in China bereits Menschen starben. Noch im Februar war das so. Und man mag sich kaum mehr daran erinnern: Das Tragen von Masken, wie es seit langem in vielen asiatischen Ländern praktiziert wird, wurde hierzulande nicht nur aus medizinischen Gründen als unnötig dargestellt, sondern zunächst auch als kulturell problematisch empfunden, als nicht passend zu den liberalen Gesellschaften des Westens.

Das ist ein westlicher Blick auf einen anderen Teil der Welt, eine Perspektive aus der Position einer vermeintlichen Überlegenheit heraus. Der Literaturwissenschaftler Edward Said hätte statt Überlegenheit vielleicht das Wort Überheblichkeit benutzt, er prägte für diese Position in Bezug auf die arabische Welt den Begriff Orientalismus. Er benutzte auch den Begriff des Othering, der einen Prozess beschreibt, der Menschen als – oft minderwertige – ‚Andere‘ bestimmt, die es von einem überlegenen ‚Wir‘ zu unterscheiden gilt.  

Ein von postkolonialen Stereotypen geprägtes Überlegenheitsgefühl

Das Othering des Virus, so schreibt der Soziologe Marius Meinhof, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Dresden, in der Online-Publikation Discover Society, habe von der Frage abgelenkt, wie gut Europa und die USA auf das Virus vorbereitet seien. Und es habe dazu geführt, das höchst erfolgreiche Strategien in China gegen den Ausbruch als für demokratische Länder ungeeignet erachtet wurden und werden.

Und dieses von postkolonialen Stereotypen geprägte Überlegenheitsgefühl besteht fort, es zeigt sich unter anderem in der in den Medien reflektierten Perspektive auf die Welt. Als Hidden Champion, als verborgenen Meister im Kampf gegen Corona bezeichnete das Wirtschaftsmagazin Capital vor einigen Wochen Thailand. Das Land schaffe es, die Infektionszahlen niedrig zu halten. Nur bliebe das vor den Augen der Welt verborgen. Aber warum eigentlich? Der Text macht einem bewusst, dass sich die Corona-Berichterstattung in Deutschland und überhaupt der westlichen Welt vor allem auf Länder bezieht, in denen weiße Menschen leben.

Auch der Stern griff die Tatsache auf, dass es in Thailand so überraschend wenig Infizierte und eine niedrige Todesrate gibt. Er zitierte dabei aus einem Artikel der New York Times: „Gibt es eine genetische Komponente, die das Immunsystem von Thailändern oder anderen Menschen in der Mekong-Region robuster gegen das Coronavirus macht?“ Das ist rassistisch, denn es ist reine Spekulation. „Niemand weiß, was Thailand richtig macht“, betitelte die New York Times den Text. So als ob die kompetenten Maßnahmen, die das Land ergriffen hat – wie das frühe Tragen von Masken und das Schließen der Grenzen, obwohl der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist –  nichts dazu beigetragen hätten, die Zahlen niedrig zu halten, sondern es sich um ein rational nicht erklärbares Mysterium im 21. Jahrhundert handele.

In Deutschland weiß kaum einer von dem Musterland Ruanda

Auch in Afrika gibt es Länder mit einem kompetenten Gesundheitssystem und exzellenten Experten. Ruanda zum Beispiel. Von diesem kleinen Land hat man hierzulande zuletzt in Zusammenhang mit dem Völkermord der Hutu an den Tutsi gehört. Nun ist es das Musterland im Kampf gegen Corona in Afrika, nur weiß das in Deutschland  kaum einer – ein weiterer Beweis für den selektiven Blick auf die Welt. Und es geht dabei nicht um Entfernung. In Deutschland kennt man durchaus die Erfolge von weit entfernten Ländern – wenn die Menschen dort nicht arm und dunkelhäutig sind. Neuseeland ist dafür ein gutes Beispiel.

Zurück zu Ruanda: Der Roboter, der auf dem Flughafen von dessen Hauptstadt Kigali herumsaust und Menschen auffordert, Maske zu tragen, vor allem aber Fieber misst – er schafft 150 in einer Minute –, ist im Kampf gegen Corona vielleicht eher ein Gag. Mehr erfährt man nicht in deutschen Medien, sondern nur in einem Blogeintrag auf der Webseite der Konferenz Weltkirche, die von der deutschen Bischofskonferenz ins Leben gerufen wurde. Hier wird eine deutsche Expertin zitiert, die das Rwandan Biomedical Center beraten hat. Sie sagt, das Land profitiere von den Erfahrungen mit Epidemien wie HIV und sei sehr gut auf verschiedene Szenarien vorbereitet. Es gibt mobile Teststationen, die Tests sind kostenlos, Ergebnisse werden den Getesteten auf ihr Handy geschickt, wer positiv ist, kommt in eine Quarantänestation. Auch die Weltgesundheitsorganisation lobt Ruandas Effizienz, vergleicht das Land gar mit Deutschland. Doch in der Berichterstattung über Ruanda wird, wenn sie denn überhaupt stattfindet, das Lob relativiert.

Man dürfe die guten Zahlen nicht losgelöst betrachten von der Autorität des Regimes, sagt Gerd Hankel, Völkerrechtler und Ruanda-Experte am Hamburger Institut für Sozialforschung, der in dem Blogeintrag auf der Webseite von Weltkirche zitiert wird. Das ist eine Strategie, die aus der westlichen Perspektive auf China gut bekannt ist. Der Soziologe Marius Meinhof spricht hier von einem Neuen Orientalismus, bei dem das autoritäre Andere dem überlegenen liberalen demokratischen Selbst gegenübergestellt wird.

Es gibt noch andere Länder, deren höchst erfolgreiches Vorgehen gegen das Virus weitgehend unbekannt ist: Ghana, Vietnam, Taiwan, der Karibikstaat Trinidad & Tobago, Sri Lanka, auch wenn dort die Zahlen gerade nach oben gehen. Ihre Maßnahmen zeichnen sich vor allem durch Konsequenz aus, während in Deutschland viele  Gesundheitsämter öffentlich zugeben, dass sie es gar nicht schaffen, die Kontaktpersonen nachzuverfolgen und zu informieren.

Die Ignoranz und Arroganz des Westens

In China, Südkorea oder Ruanda bedeutet Quarantäne wirklich Quarantäne, ihre Einhaltung wird  anders als in Deutschland kontrolliert, oder sie findet gar in eigens eingerichteten Quarantäne-Hotels statt. In Südkorea wird modernste Technik eingesetzt, um Kontaktpersonen von Infizierten aufzuspüren. Kreditkarten- sowie Handydaten und Aufnahmen von Überwachungskameras werden ausgewertet und tragen dazu bei, dass Infektionsketten durchbrochen werden. Diese Art von Überwachung und Datenauswertung ist sicher kritisch zu betrachten, aber dass im Westen nicht einmal eine gesellschaftliche Diskussion über die erfolgreichen Methoden in diesen Ländern stattfindet, ist so ignorant wie arrogant.  

Auch die Mongolei gehört zu den Ländern mit niedrigen Infektionszahlen, und das, obwohl das Land an China grenzt. Auf der Webseite der Universität Bonn beschreiben die Inhaberin des Lehrstuhls für Mongolistik Ines Stolpe und der Mongolisch-Lektor Tümen-Očiryn Erdene-Očir das Land als Vorreiter im Kampf gegen Covid. Sie stellten schon vor Wochen die Frage, die der westlichen Welt so schwer über die Lippen geht: Was können wir von der Mongolei lernen? Mitten in der zweiten Corona-Welle, im zweiten schmerzhaften Lockdown geschieht dies nun häufiger. Vor ein paar Tagen schrieb die China-Korrespondentin von Die Zeit Xifan Yang einen Text mit der Überschrift „Von Asien lernen“. Hier fehlte nun endlich das Fragezeichen.