Hygiene: Wie wir uns gegen Cholera und Tuberkulose verteidigen. Mitarbeiter der Präfektur der Polizei desinfizieren eine Wohnung. Gravur in  Le Grand Illustre 1905.
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BerlinSchon als die Cholera wütete, war der Verkehr eine wichtige Ursache für ihre Verbreitung: grenzüberschreitende Straßen, Eisenbahn- und Schifffahrtlinien. Doch dieser Verkehr, schreibt Max Pettenkofer, „kann nicht aufgehoben werden, denn die Konsequenzen wären dann schlimmer als die Epidemie“. Pettenkofer wusste, wovon er sprach. Als Inhaber des ersten deutschen Lehrstuhls für Hygiene in München war der Seuchen-Experte zugleich ein ökonomisch denkender Kopf. Die Frontstellung zwischen gesundheitserhaltendem Lockdown und wirtschaftlichem Schaden stammt jedenfalls ebenso wenig aus unseren Tagen wie die zwischen staatlichen Hygieneverordnungen und individuellen Freiheitsrechten.

Dass uns Statistiken in Tabellen oder Diagrammen heute Respekt einflößen und wir mit Reproduktionszahlen jonglieren, ist erstaunlich. Noch erstaunlicher aber ist, dass wir daraufhin einen Mundschutz anlegen, auf Abstand gehen und unseren gesamten Alltag an Zahlen ausrichten. Was wir derzeit erleben, verdankt sich auch der Entwicklung der Hygiene – einem Zweig der modernen Medizin, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunächst in die Politik und dann mit enormen Fernwirkungen in den Alltag einsickerte. Die Geburt des Homo hygienicus mit seinen Gesundheitstechniken ist Bestandteil einer Verwissenschaftlichung des modernen Lebens, die bis heute anhält – und zugleich Skepsis oder gar Widerstand hervorruft.

Die vormoderne Gesundheitspflege, wenn man davon sprechen kann, lag in den Händen einer „Medicinalpolicei“, die – in der festen Überzeugung ihrer aufgeklärt-sittlichen Rechtmäßigkeit – kurzerhand dekretierte, was dem Gemeinwohl zuträglich sei. Die Obrigkeit, beschied Johann Peter Frank, einer ihrer Theoretiker, würde „ihren Kindern gleichsam nur die Messer entziehen, womit sie sich gefährlich verletzen könnten“.

Dass Gesundheitspflege auf wissenschaftliche Grundlagen gestellt wurde und eine völlig neue Dimension erlangte, hängt eng mit der Entstehung der Großstädte zusammen – und ihren desaströsen hygienischen Zuständen. Zentral war dabei die Versorgung mit sauberem Wasser – und die Entsorgung von Abfällen jeder Art, also einer effizienten Kanalisation.

Die Sorge um Hygiene gehörte somit zur sogenannten sozialen Frage, insbesondere für Rudolf Virchow, neben Pettenkofer ein zweiter Protagonist der frühen Hygieneforschung. Der Liberale Virchow, Mitglied des Deutschen Reichstags, verstand Medizin als „soziale Wissenschaft“ und betrieb Politik als „Medizin im Großen“. Doch ganz wie Pettenkofer – „Man muss eben in solchen Dingen nicht blos meinen, sondern auch rechnen.“ – behielt Virchow die Ökonomie seiner Wissenschaft im Blick: „Kein Geld ist rentabler angelegt, als dasjenige, das für die Gesundheit angelegt wird.“

Unerbittliche Verrechenbarkeit kommt also bereits mit der Geburt einer institutionalisierten deutschen Gesundheitspolitik auf die Welt: 1876 wird das Reichsgesundheitsamt gegründet, seit 1879 gibt es ein Gesetz zur Lebensmittelkontrolle. Hygiene wird als Wissenschaft zur Politik. Und sie etabliert – das ist kaum zu überschätzen – verbindliche Rechtsnormen.

Lange vor Corona reglementieren Hygienestandards den Alltag: Die Lebensmittelhygiene kümmert sich um die Zusammensetzung von „Volksnahrungsmitteln“ wie Brot und Butter oder Genussmitteln wie Wein und Branntwein. Zur Verkehrshygiene gehört die Sauberkeit in öffentlichen Verkehrsmitteln, zur Sozialhygiene die Zahnpflege und das Schulessen, zur Gewerbehygiene die Arbeitsbedingungen etwa in Zink- und Bleihütten.

Noch kleinste Alltagsverrichtungen werden, wenn schon nicht vorgeschrieben, so doch in teils bizarrer Weise anempfohlen: „Trocken sprechen, mindestens ½ m Abstand halten von anderen“, empfiehlt Heinrich Jaegers „Die Bakteriologie des täglichen Lebens“ von 1909. Und weiter: „Auf der Reise Kopf auf reines, waschbares Kissen oder Tuch (nicht auf gebrauchtes Taschentuch) legen, Handschuhe anziehen in der Eisenbahn.“

Hygienestandards verbreiten sich zudem über Ratgeberliteratur – Kochbücher etwa, die bestimmte Materialien für Küchengeräte empfehlen, oder populäre Werke zur „Haushaltskunde“, die an den entstehenden Hauswirtschaftsschulen zum Lehrplan gehören.

Hygiene wird zur unsichtbaren, kaum noch spürbaren Routine. Nur hat diese Durchdringung des Alltags mit zweifellos gesundheitsfördernden und lebensverlängernden Standards ihre Schattenseiten: Der Einzelne wird offensichtlich oder unterschwellig normiert und kontrolliert, Abweichungen werden sanktioniert – die Gesellschaft als ganze wird transparenter, „lesbarer“, beherrschbarer.

Diese Konstellation, in der Gesundheit und Wohlstand mit „gläsernen“ Lebensbedingungen und potenzieller Überwachbarkeit erkauft wird, kommt nicht mit einer Corona-App in die Welt, sondern ist der modernen Gesellschaft in einer grundsätzlichen Weise eingeschrieben.

Der moderne Mensch nämlich führt ein recht komfortables und langes Leben. Für seine Entlastung von körperlichen Aufwendungen und seine ausgreifenden Mobilitätsroutinen hat er sich eine zweite Natur geschaffen – und sich damit in Abhängigkeit von zahlreichen oft technischen Versorgungsleistungen begeben. Erstaunlicherweise beunruhigt ihn das nicht sonderlich. Der Staatsrechtler Ernst Forsthoff hatte in den 1930er-Jahren etwas metaphysisch-orakelnd vom Vertrauen in eine „Daseinsvorsorge“ gesprochen. Heute würden wir diese Konstellation „Infrastruktur“ nennen.

Zu dieser Infrastruktur zählen eben nicht nur Autobahnnetz, Post und städtische Kanalisation, sondern auch das Bildungs- und das Gesundheitswesen mit Schulen, Krankenhäusern und Medikalisierung der Bevölkerung. Infrastrukturen sind immer mit Ambivalenzen verbunden: Sie mindern Risiken, erleichtern und verlängern Leben, gehen aber einher mit Anschlusszwängen und eröffnen Sanktionsmöglichkeiten in Gestalt von Ausschlüssen. Kurz: Sie bieten Sicherheit gegen die Aufgabe individueller Freiheitsrechte. Daher die große Relevanz der Frage, ob Infrastrukturen von staatlicher oder privater Seite bereitgestellt werden – seien es Mobilfunknetze oder Pflegedienstleistungen.

Natürlich gab es Diskussionen, als „Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen etc.“ 1874 ein Gesetz zur verpflichtenden „Impfung mit Schutzpocken“ erließ, das bis heute zum Hintergrund der Diskussionen um die Impfpflicht gehört. Aufgehalten haben sie die staatliche Gesundheitsvorsorge mit ihren Hygienevorschriften aber nicht – denn die war letztlich ein überwältigender Erfolg.

Es hat also seine Gründe, dass wir heute aufgrund von Zahlen Masken tragen. So übersetzt man Wissen in Handeln. Es fragt sich freilich, warum Zahlen zu Kohlendioxid-Konzentrationen, Versauerung der Ozeane, Extremwetterhäufigkeiten etc. so oft folgenlos bleiben. Aber das ist eine andere Geschichte.

Steffen Richter: „Infrastruktur: Ein Schlüsselkonzept der Moderne und die deutsche Literatur 1848–1914“, 452 Seiten,  40 Euro