Im Werbefernsehen des Vorabendprogramms wirken sie wie Ladenhüter – die Produktinformationen für Nasensprays, Halstabletten und Grippedragees. „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie …“ Vermutlich waren die Sendeplätze gebucht, lange bevor die Corona-Pandemie die Sensibilität für Infektionskrankheiten für immer verändert hat. Schnupfen, Halsschmerzen und Heiserkeit erscheinen hier als verhältnismäßig leichte Störungen des Wohlbefindens, die man unter Verwendung entsprechender Mittel einfach abschalten kann – zumindest im Verlauf eines Arbeitstages: Krankheit als lästige Begleiterscheinung. Eine Ausnahme stellt dabei die Werbung für Meditonsin dar, in der mit ironischen Mitteln die Ankündigung eines Niesreizes eine soziale Katastrophe nach sich zu ziehen droht. Dann lieber vorbeugen. Tatsächlich hört man, dass Apotheken und Drogerien unter Umsatzeinbrüchen leiden, weil derzeit nur wenige an leichten Infektionen erkranken, gegen die man sich mit pharmazeutischen Mitteln wappnen kann.

Prometheische Scham vor der Corona-App

Plötzlich ist alles rot. Ich habe mir erst vor wenigen Wochen die Corona-App eingerichtet und mich einmal täglich dessen vergewissert, dass alles im grünen Bereich ist. Der Alarm kam unverhofft und ich konnte mich der Schockwirkung nicht erwehren. Elf Begegnungen mit erhöhtem Risiko, so stand es da in beschämender Nüchternheit. B. war entsetzt. Sie hat die App ebenfalls auf ihrem Mobiltelefon installiert, und es erschien uns doch mehr als irritierend, dass es bei mir rot anschlug, während auf ihrem Gerät ausschließlich Begegnungen mit geringem Risiko registriert waren. 

Keine Panik, redete ich mir ein, befand mich aber bereits in einem Zustand erhöhter Verunsicherung. Von diesem Moment an war die Corona-App kein hilfreiches Vorsorge-Instrument mehr, sondern ein Stachel im Fleisch der angeratenen Gelassenheit. Erst jetzt begann ich, mich intensiver mit der Funktionsweise der App zu beschäftigen. Ich informierte zwei Kollegen, mit denen ich mich ein paar Tage zuvor zu einem längeren Gespräch getroffen hatte. Vorsorglich unterrichtete ich das für mich zuständige Gesundheitsamt – per Email, ein telefonischer Kontakt ist dort bekanntlich schon lange kaum mehr möglich.

Elf Begegnungen? Was war los in meinem Leben? Was hatte ich übersehen? Schaute B. mich misstrauisch an? Hatte ich etwas zu verheimlichen? Obwohl ich überzeugt war, dass etwas nicht stimmen konnte, da ich mich doch mehr oder weniger streng an die Kontaktbeschränkungen gehalten habe, suchte ich nach Erklärungen in meinem vergleichsweise übersichtlichen Alltag. Ohne dass ich es explizit ausschloss, hatte ich an die Möglichkeit eines technischen Fehlers nicht wirklich gedacht. Der Philosoph Günter Anders hat dieses Phänomen unter dem Begriff der prometheischen Scham beschrieben. Angesichts der Perfektion unserer technischen Hervorbringungen verstummen wir vor diesen und scheinen uns in das Schicksal schuldbewusster Mängelwesen hineinzubegeben.

„Afrikanischer Fluss mit drei Buchstaben?“

In dem Pflegeheim, in dem ich meine Mutter besucht habe, spielte sich der Großteil des Lebens der überwiegend dementen Bewohner in den Gemeinschaftsräumen ab. Dies sind keine Orte launiger Geselligkeit. Eher herrschte eine Atmosphäre gleichmäßiger sozialer Apathie. Szenen, in denen Bewohner sich angeregt unterhielten, waren die Ausnahme, es kam aber vor. In der Regel wurden über die Tische hinweg ein paar Worte gewechselt, als seien sie ein Kommunikationsangebot, das auch ausgeschlagen werden konnte. Frau N. war nach dem Abendessen fast immer mit ihrem Kreuzworträtsel beschäftigt und rief in den Raum hinein: „Afrikanischer Fluss mit drei Buchstaben?“. Die Szene wiederholt sich und meist wartete ich ab, ehe ich einen Lösungsvorschlag anbot. Frau N. nahm an, ohne aufzublicken.

Derweil hatte sich Frau D. vorm Fernseher platziert, und obwohl die meisten Bewohner schwerhörig sind, wiederholte sich um diese Zeit häufiger ein Streit um die angemessene Lautstärke des Geräts. Mitunter griff eine Pflegerin schlichtend ein, dann wieder entwich die soziale Spannung wie von allein.

Seit gut einem halben Jahr bin ich nicht mehr dort gewesen. Meine Mutter ist kurz vor Beginn der Pandemie gestorben. Ich denke oft an die letzten Wochen mit ihr, aber die Vorstellung jener bald liebgewonnenen Routinen der Alten unter den nun notwendigen Sicherheitsvorkehrungen fällt mir schwer. Ein muss ein quälender Lernprozess für Menschen sein, bei denen die Fähigkeit zum Lernen nahezu vollständig gelöscht wurde.

Zwischen Test- und Technik-Tipps

Wollen Sie gar nicht wissen, wie es weitergegangen ist mit der rot leuchtenden Warn-App? Nachdem sich die erste Schockwelle der Verunsicherung wieder gelegt hatte, waren wir geneigt, uns nach Testmöglichkeiten umzuhören. Freunde, die wir informiert hatten, sparten nicht mit Tipps, wo es ganz schnell gehen solle. Am neuen Flughafen BER beispielsweise, weil dieser noch nicht in die urbanen Bewegungsroutinen aufgenommen sei.

Ich selbst hatte keine Symptome, also behielt ich mir vor, der möglichen Infektion erst einmal mit konventionellen Mitteln zu trotzen: abwarten. Den Tag über suchte ich nach Chats über die Funktionsweise der Corona-App. Früh war ich darauf aufmerksam gemacht worden, dass Bluetooth möglicherweise auch zwei Telefone miteinander verbinden könne, die sich gar nicht im selben Raum befinden, etwa durch Glasscheiben oder durch Wohnungswände. Hätten wir dann aber nicht längst davon erfahren müssen, dass unsere unmittelbaren Nachbarn positiv getestet worden waren? Es war spät geworden. Wir mochten nun niemanden mehr fragen, zumal die Scham, möglicherweise zu den Infizierten zu gehören, eine Anrede schwer machte. „Sag mal!“.

Am nächsten Tag dann die schrittweise Aufklärung. Unsere Nachbarin in der Wohnung unter uns sei positiv getestet und erkrankt. Es gehe ihr aber schon wieder besser, wusste jemand im Haus. Aber verfügt sie überhaupt über eine Corona-App? Und hat sie ihre Erkrankung registrieren lassen? Das sind die Dinge, die es nun vom Nachbarn zu wissen gilt.

Ja, hat sie. Am Abend hatten wir Gewissheit, Erleichterung machte sich breit, beinahe ein kleines Triumphgefühl, dass ich der prometheischen Scham ein Schnippchen geschlagen hatte. Aber hatte ich das? War ich nicht gerade der zwanghaften Ergebnishaftigkeit einer Technologie verfallen, deren einziger Sinn darin besteht, Daten zu liefern?