Die Sängerin Jennifer Lopez war ebenfalls bei „One World: Together at Home“ zu sehen (Archivbild). 
Foto: dpa/Stringer

Los AngelesEine zentrale Problematik beim Besuch von Pop- und Rockkonzerten bestehe in der Frage, wie man mit einem Bier in der Hand applaudiere, so etwa sagte es einst Max Goldt. Und ich kann hier nur zustimmen; nur, dass beim Konzertreporter dann noch das Notizen-Machen auf dem Mobiltelefon erschwerend hinzukommt.

Ein Glück also, dass man dieser Tätigkeit heuer nicht mehr dicht gedrängt stehend, sondern vom Schreibtisch aus nachgeht – im Fall des in der Nacht von Samstag auf Sonntag gelaufenen Event „One World: Together at Home“, bei dem zahlreiche berühmte Musiker und Musikerinnen aus ihren Privatdomizilen Lieder performten und das in Europa aufgrund der Zeitzonendifferenz zu den USA wohl eher am Sonntagmorgen bei Youtube nachverfolgt wurde, ersetzt dabei also die Teetasse das Bier.

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Tragische Ironie, dass, kaum hat man einen Abstellplatz für sein Getränk, das Applaudieren hinfällig wird, da es die Künstler ja sowieso nicht hören! Doch verlegen wir unsere Appläuse ja heute eh auf unsere Hauseingänge und Balkone und richten sie an Mitarbeiter des Gesundheitssytems; selbstverständlich wurden beim von Lady Gaga kuratierten Benefiz-Stream-Konzert für Gesundheitspersonal und WHO auch eindrückliche Globalzusammenschnitte dieser Appläuse eingeblendet; der beste Auftritt im direkten Zusammenhang mit Ärzten und Krankenpfleger bestand jedoch in einer toll editierten Coverversion des Achtziger-Hits „Safety Dance“ der Eintagsfliegenband Men Without Hats, in der Talkshow-Host und Co-Präsentator des Events Jimmy Fallon mit Pflegepersonal in Berufskleidung das merkwürdig kultische Bewegungsvideo dieses Liedes nachstellte – wobei sich Fallon übrigens als passabler Sänger herausstellte!

The Rolling Stones sind noch fit und Elton John gibt Anlass zur Sorge

Elton John war natürlich immer weitaus mehr als nur ein passabler Sänger; sein in einem Vorgarten aufgezeichnete Version seines schönsten Hits „I’m Still Standing“ hingegen gab Anlass zur Sorge: seine Stimme weckte eher Assoziationen mit Schmirgelpapier denn wie sonst mit selbstglamourisierenden Durchhalten - eine weitere Erinnerung daran, dass wir uns vor allem um die Älteren sorgen sollten.

Wobei anzumerken ist, dass man sich um die Rolling Stones, die eine aus ihren vier Residenzen in den USA und Großbritannien zusammengeschnittene, Semi-Live- Version von „You Can’t Always Get What You Want“ beitrugen, nach wie vor keine Sorgen zu machen braucht, Jagger war gut bei Stimme, und die anderen sahen aus, als wär’s ihnen schnuppe, das war eine sehr gemütliche Episode.

Hier lässt sich das Streaming-Event noch einmal ansehen.

Video: YouTube/Clobal Citizen

Natürlich ist einer der Haupreize solcher Events, wie wir sie seit Beginn der Krise schon mannigfaltig miterlebt haben, der winzige Einblick in die Privatsphäre mehr oder weniger berühmter Musiker. Bei „Together at Home“ wurde dadurch sofort klar, dass die Welt in ihren Homes so together nicht ist: das bisher mit den größten Stars besetzte Event, das zudem noch auf die Belastung des Gesundheitssystems sowie benachteiligter Bevölkerungsschichten aufmerksam machen soll (Beyoncé sprach etwa vor weitläufiger Gartenkulisse über beengte Verhältnisse, die zu überproportionalem Leid bei Afro-Amerikanern führten), verdeutlichte eher, dass eben die Reichen ganz andere Möglichkeiten der Krisenbewältigung haben als die meisten Zuschauer, die sich dieser Tage in engen Wohnungen nach der Art von großzügiger Unterbringung sehnen, wie sie etwa Sheryl Crow zu bewohnen scheint - geiles Home-Studio, Sheryl!

Stevie Wonder gibt eine rührende Coverversion von „Lean On Me“

Auch Ellie Goulding, die recht aufgeregt, aber emotional treffend an der Akustikgitarre ihren Hit „Love Me Like You Do“ vortrug, hat es bequem in rustikalem Ambiente. Andere, wie etwa Annie Lennox oder auch Chefkünstlerin Lady Gaga, gaben weniger preis, weiße oder braun getäfelte Wände.

Aber die von den Ausschnitten aus Innen- oder auch Außeneinrichtungen kommunizierte Ungleichheit vor dem Virus war ja sozusagen die Hauptbotschaft des Konzerts; und führte mir mal wieder eines vor Augen: obwohl man als freiberuflicher Konzertreporter noch weniger verdient als unser aller skandalös unterbezahltes Pflegepersonal, kann man sich glücklich schätzen, sich auch zu Nicht-Corona-Zeiten bei der Arbeit vor allen mit Fragen des Bierhaltens auseinandersetzen zu müssen!

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Und dass man im Zuge von Arbeit vom Schreibtisch aus Stevie Wonder bei einer rührenden Coverversion von „Lean On Me“ des kürzlich verstorbenen Bill Withers zuhören kann oder Billie Eilishs eindrückliche, offenbar eigens frisch eingefärbte Grünwellen im Haar vor Wohnzimmerkulisse beobachten kann, ist natürlich bei aller Entfremdungserfahrung, die das Event auslöste, auch ein kleiner Bonus.