Ein Mann setzt vor dem Rathaus Gütersloh seine Maske auf.
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BerlinJa, tatsächlich. Es gab einmal eine Zeit ohne Smartphones. Die Schriftstellerin Judith Hermann hat sich kürzlich in einem Band über das Berlin der Wendezeit an die für das West-Berlin der 80er-Jahre typischen Papierrollen erinnert, die man sich vor die Wohnungstür hängte, damit Freunde und Bekannte, die vergeblich vorbeigekommen waren, Nachrichten hinterlassen konnten. Hey, hallo, bin dagewesen. Aber das Offene, Provisorische, manchmal auch Illegale und Freie löste sich irgendwann auf. Die Papierrollen verschwanden, und als der Schriftsteller Ingo Schulze sich einmal darüber beklagte, dass die DDR, wie er sie kannte, plötzlich verschwunden sei, bemerkt Judith Hermann, die 1970 in Neukölln geboren wurde und dort aufgewachsen ist: „Mein Westberlin ist auch von der Landkarte gelöscht worden, auch das gab es nicht mehr.“

Als ich den Satz das erste Mal las, habe ich wehmütig eingestimmt. Bis heute verstehe ich mich als Kind der 80er-Jahre, in der die muffigen Kneipen grell ausgeleuchtet waren und das Elend der Trödelmärkte, aus denen man sich mit einer Lust auf das Vorläufige seine Inneneinrichtung bestückt hatte, durch einen abgezogenen Parkettfußboden ersetzt wurde. Schon ein wenig zu alt für den Punk, war der Herzschlag doch deutlich erhöht, wenn „Love Cats“ von The Cure erklang oder „Boys Don’t Cry“. Klar, die Wehmut war ironisch grundiert. Mit dem Verlust, den Ingo Schulze ansprach, wollten weder Judith Hermann noch ich konkurrieren. Wir hatten kein Land verloren und nicht nur die Währung behalten, sondern auch die Reisefreiheit gen Osten gewonnen, weit über Frankfurt/Oder hinaus.

Keine Ironie ohne Bitterkeit. Das ist unlängst wieder deutlich geworden, seit an verschiedenen Orten über Reisebeschränkungen diskutiert wird. Tatsächlich wurde ein bereits verhängte lokaler Lockdown des Kreises Gütersloh am Montag vom Oberverwaltungsgericht Münster wieder aufgehoben.

Das Virus erzwingt dort, wo es ausbricht, eine zweifellos notwendige Bewegungsarmut, deren konkrete Umsetzung jedoch schnell zu einer ordnungspolitischen Farce mutiert. Es wird eine Paranoia ausgelöst, die sich an der Herkunftsbestimmung von Autokennzeichen orientiert. GT und WAF dürfen hier nicht rein. Wie genau erbringt man einen Nachweis der Immunität? Wie lange ist er gültig? Und was passiert auf der Rückreise von Bayern in die kontaminierten Kreise?

Die Folgen der Corona-Krise sind inzwischen derart gravierend, dass man eine lokale Begebenheit aus dem Landkreis Ostprignitz-Ruppin zur Osterzeit nunmehr als absurdes Zwischenspiel betrachten kann. Vom allgemeinen Einreiseverbot, das der Landrat in bester Absicht zur Gewährleistung einer verlässlichen Gesundheitsversorgung seiner Bürger verhängt hatte, war ich seinerzeit unmittelbar betroffen. Als Mieter einer Zweitwohnung sahen wir uns plötzlich damit konfrontiert, diese nicht einmal mehr zum Blumengießen aufsuchen zu dürfen. Als gesetzestreue Staatsbürger hielten wir uns an das kommunale Verbot, und wir mochten uns auch nicht in kleinlichen Streitereien verausgaben, die uns plötzlich zu Fremden machten, obwohl wir uns nach Jahren vorsichtigen Herantastens doch längst zugehörig fühlten. Im Verlauf der letzten 20 Jahre haben wir uns in einem Pendlerdasein zwischen Berlin und einer brandenburgischen Kleinstadt eingerichtet, das immerhin ein Drittel unserer gesamten bisherigen Lebenszeit ausmacht. Die Corona-Epidemie und deren mutmaßlich noch folgenden Wellen stellt weitreichende Fragen an die bisherige Lebensweise. Die Hoffnung jedenfalls, dass es eine Rückkehr zu einem Leben vor Corona geben kann, ist dahin. Eher beginnt nun eine Phase der Vergewisserung über das was war und das, was sein wird. Die Corona-Pandemie stellt nicht zuletzt auch soziologische Gewissheiten auf den Kopf.

Als B. sich vor ein paar Jahren entschlossen hatte, ein kleines Ladengeschäft in der brandenburgischen Kleinstadt zu eröffnen, glaubten wir nicht ohne einen gewissen Stolz, unseren Status als Passanten, die kommen und gehen, endgültig verloren zu haben. Für kurze Zeit jedenfalls glaubten wir an einen Zugewinn an Nähe. Wer ein Schaufenster sein Eigen nennt, gibt die Deckung auf, nicht nur in der Provinz. Aber wer sich auf diese Weise sichtbar macht, wird auch mit bis dahin unbekannten neuen Fremdheitserfahrungen konfrontiert. Die Einheimischen jedenfalls verfügen über einen unendlichen Differenzierungsreichtum, die Grade der Zugehörigkeit unmissverständlich kenntlich zu machen. Mir war das bereits aus meiner Kindheit in der ostwestfälischen Provinz vertraut. Obwohl meine Mutter über 60 Jahre in der Kleinstadt gelebt hat, in der ich geboren wurde und aufgewachsen bin, hat sie dort doch immer im Bewusstsein einer Zugezogenen gelebt. Dabei war mein Vater sogar mehrere Jahre Mitglied des örtlichen Kirchenvorstands, weder Religion noch Sprache und Nationalität trennten uns von den Einheimischen. Und doch blieb uns immer präsent, dass wir „nicht von hier“ waren.

Ich bilde mir ein, daraus später in immer wieder anderen Zusammenhängen eine gesunde Reserviertheit bewahrt und den Vorteil einer soliden Beobachterposition entwickelt zu haben. Aus Norbert Elias‘ und John L. Scotsons Studie „Etablierte und Außenseiter“, die sie in einem Vorort der englischen Industriestadt Leicester durchgeführt haben, weiß man von der Stabilität sozialer Differenzen und der erstaunlichen Robustheit von Vorurteilsstrukturen. Sie machen das Leben aus, und in diesem Sinne ist Zugehörigkeit immer eine sehr trügerische Angelegenheit.

Kann sein, dass ich übertreibe, aber anhand der brandenburgischen Reisebeschränkungen – die ich fast schon wieder vergessen hatte, nun aber die Erinnerung an sie durch die Vorkommnisse in Gütersloh wiederbelebt wurde – möchte ich im Kontext der Corona-Pandemie von der Konstruktion einer neuen Form von Fremdheit sprechen. Die anderen werden nicht länger nur als Konkurrenten, für was auch immer, erkannt und behandelt, sondern als potenzielle Überträger einer Infektion. Mit Konkurrenz vermag man umzugehen, mit Tod bringender Feindschaft nicht. Die unsichtbare Gefahr, die das Virus nun einmal darstellt, erhält so zumindest für den jeweiligen Betrachter ein monströses Antlitz.

Soziologisch gesehen stellt ein konkretes Feindbild auch eine Entlastung dar, und für den Moment mag es in einer Pandemie tatsächlich helfen, wenn man zu wissen meint, wen man abwehren muss. Im Weltmaßstab aber ist das verheerend, und Donald Trump führt geradezu täglich die destruktiven Kräfte dieses Prinzips vor. Tatsächlich aber ist die überall zu beobachtende Politik der Abschottung und Grenzziehung als fatale Kapitulation gegenüber den Gefahren des Virus zu beschreiben, das weder Landes- noch Körpergrenzen kennt. Fast ist es, als würden wir uns der sozialen Sackgassen, in die wir uns hineinmanövriert haben, erst durch das Virus bewusst. Wir tasten uns gerade wieder vorsichtig heran, Urlaubsreisen zu planen, die über die Landesgrenzen hinausgehen. Das Abstandsgebot aber wird nicht nur unsere Mobilität dauerhaft prägen, sondern auch den Blick auf die anderen bestimmen.

Als die Europäische Gemeinschaft, von der ich in dieser Kombination zweier Hauptwörter kaum noch zu sprechen wage, in gleich zwei aufeinanderfolgenden Stresstests versagte – der Finanz- und der Flüchtlingskrise –, waren kluge Europafreunde darum bemüht, den institutionellen Niedergang mit der Idee eines neu zu belebenden Regionalismus aufzuhalten. Das Europa der Regionen, so der Gedanke, kann kreativ, flexibel, hilfreich und gut sein im kleinen Grenzverkehr. Wo transnationale Beziehungen oft an ihrer Schwerfälligkeit und dem Beharren auf Prinzipiellem scheitern, klappt es vielleicht zwischen Nachbarn, die über gemeinsame Interessen verfügen. In den einschlägigen Krimi-Serien war das bei Betonung einiger Schwierigkeiten manchmal durchaus zu sehen, etwa im „Polizeiruf 110“, wo die brandenburgische Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon) ebenso mit ihrem polnischem Kollegen Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) kooperierte wie Katrin Sass in ähnlicher Konstellation in den „Usedom-Krimis“. In der zivilen Wirklichkeit gibt es solche Kooperationen ebenfalls, aber meist verlaufen sie sehr viel holpriger.

Sieht man einmal von einigen Beispielen ab, in denen französische an Corona erkrankte Patienten Aufnahme in grenznahen deutschen Krankenhäusern fanden, so scheint diese Form des kooperativen Regionalismus gerade in Notzeiten ausgesetzt zu werden. Die Italiener fühlen sich alleingelassen, und Maria Gazzetti, die Leiterin des italienischen Kulturinstituts Casa di Goethe und langjährige Chefin des Frankfurter Literaturhauses, berichtete kürzlich von der schmerzlichen Erfahrung antideutscher Ressentiments in ihrer Heimat. Geradezu pathetisch appellierte sie angesichts der immer noch sehr großen Not vieler Italiener an die sprichwörtliche Italiensehnsucht der Deutschen. Als wenn es so einfach wäre, ein kulturelles Gefühl zu mobilisieren. Das solidarische Empfinden reicht derzeit doch oft nur bis zu der Erwartung, die Kosten für den abgesagten Toskana-Urlaub im Frühjahr erstattet zu bekommen.

Wenn vieles infrage gestellt wird, gerät die Papierrolle an der Haustür schnell aus dem Blick. Für die Beschaffenheit unserer Näheverhältnisse aber war sie ein markantes Indiz dafür, dass es nicht nur äußere Bedrohungen sind, die in das Sozialverhalten eingreifen. Vielleicht sind es weniger die großen Zukunftsentwürfe, auf die es in der Zeit der Verunsicherung ankommt, sondern vielmehr situative Intelligenz, Wechselkompetenz und ein besonderer Blick für Schicksale in einer Gesellschaft, in der eben noch alles an seinem Platz zu sein schien.