An Einsicht und Verständnis mangelt es ja nicht. Wer wollte ernsthaft bezweifeln, dass erneut weitgreifende Maßnahmen zur Eindämmung des sich dramatisch erhöhenden Infektionsgeschehens getroffen werden müssen? Wie aber wird sich auswirken, was nun allein aus ordnungs- und symbolpolitischer Sicht den Charakter eines Machtwortes annimmt? Politiker in Not sind schon aus Selbstschutz um die Durchsetzung dessen bemüht, was sie gern klare Kante nennen.

Lockdown, Schließung und Kontaktverbot verheißen eine begriffliche Eindeutigkeit, die das seit Monaten formulierte und auch in wissenschaftlichen Studien untersuchte Bedürfnis nach differenzierten Umgangsweisen mit den Pandemiegefahren als Makulatur erscheinen lässt. Mit dem Virus lasse sich nicht verhandeln, sagen Virologen, und nicht wenige Politiker leiten daraus rigorose Verhaltensregeln ab. Die leise Hoffnung, dass sich doch noch eine Art gesellschaftliche Vernunft auf das alltägliche Verhalten niederschlagen möge, hat Pause. Ein Winter des verordneten Rückzugs steht unmittelbar bevor.

Gescheitert jedenfalls ist vorerst der Versuch, künstlerische Hervorbringungen vor Publikum unter strenger Einhaltung von Hygienekonzepten über die Bühne gehen zu lassen. Das stumpfe Schwert undifferenzierter Schutzmaßnahmen, wie es derzeit in Bayern zum Einsatz komme, sagte der Dirigent und Generalsekretär des Deutschen Musikrats Christian Höppner, entspreche nicht dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand und schade dem gesellschaftlichen Zusammenhalt gravierend. Noch dramatischer formulierte es am Mittwoch die Spitzenorganisation der Filmbranche SPIOF, die von einem „flächendeckenden Kulturverbot“ sprach.

Appelle wie diese, die eben noch um die Rettung eines Restes an kultureller Normalität bemüht waren, verhallen weitgehend ungehört angesichts einer Situation, in der einschneidende Maßnahmen das Gebot der Stunde zu sein scheinen. Tatsächlich sind die Künste – und die Bedingungen, unter denen sie entstehen – auf sehr unterschiedliche Weise betroffen. Schon möglich, dass einem Staatstheaterbetrieb eine weitere Programmreduzierung oder gar Schließung zuzumuten ist. Bereits während des ersten Lockdowns schien es ja auch eine Frage der gesellschaftlichen Gesamtverantwortung zu sein, so wenige Sonderregeln wie möglich gelten zu lassen. Und so kam es dann zu so traurig-dramatischen Veranstaltungen wie Bestattungen im engsten Familienkreis unter strengem Verzicht auf musikalische Begleitung.

Inzwischen aber zeigt sich, wie hoch der gesellschaftliche Preis für einen Verzicht auf kulturelle Darbietungen aller Art ist. Bereits an die vergleichsweise gut ausgestatteten Musik- und Theatereinrichtungen sind auf vielfältige Weise Freiberufler und sogenannte Soloselbständige angebunden, die nun noch weiter in einen schleichenden Verlust ihrer bisherigen Existenzgrundlagen getrieben werden. Die Programme zur Soforthilfe, die im Frühjahr noch als schnelle und pragmatische Lösung bejubelt werden konnten, haben sich inzwischen als schwerfällige bürokratische Monster entpuppt. Für viele Betroffene jedenfalls erscheint es nunmehr als Ärgernis, wenn jene über einen Steuerberater gestellten Anträge auf Überbrückungshilfe mehrere Monate der Bearbeitung bedürfen und auch nur einen geringen Teil der aufgelaufenen Kosten decken. Ungewiss bleibt zudem, ob die bereits ausgezahlten Beträge nicht später vom Finanzamt zurückgefordert werden, da sie mutmaßlich nicht allein für Betriebsausgaben eingesetzt wurden.

Die Fragen der Stunde sind denn auch nicht länger darauf zu beschränken, ob und unter welchen Bedingungen weiterhin künstlerische Produktionen an die Öffentlichkeit gelangen können. Über das Klein-Klein der Verordnungen hinaus geht es längst um die Überlebensfähigkeit großer Teile der Kreativ- und Kulturwirtschaft, die stets auch auf die Zufuhr als Leistungen aus prekären Beschäftigungsverhältnissen angewiesen waren. Gerade in diesen Bereichen aber hat sich die praktische Lösung, Soloselbständigen eine vereinfachte Form des Antrags auf Grundsicherung anzubieten, als sozialpolitischer Zynismus erwiesen. Im weiteren Verlauf der Corona-Krise wird in Bezug auf die Tragfähigkeit des Sozialstaates viel davon abhängen, sich endlich von dem unterschwelligen Verdacht zu lösen, dass Bedürftigkeit etwas mit dem Mangel an Leistungsbereitschaft zu tun hätte. Eine derzeit kaum noch zu überblickende Folge der Pandemie könnte eine wachsende Prekarisierung künstlerischer Tätigkeiten sein, für die es nach der abrupten Schließung kein langsames Hochfahren der gewohnten Darbietungsformen mehr geben wird.

Die meisten Künstler neigen nicht zu apokalyptischem Geraune. In angemessener Tonlage wurde zuletzt denn auch das Fehlen einer Lobby für die Belange der Künste und der Unterhaltungskultur beklagt. Einmal mehr werden die kulturellen Institutionen auch hinsichtlich der neuen Corona-Maßnahmen unter der Rubrik Freizeiteinrichtungen subsumiert. Der Schauspieler Matthias Brandt hat recht, wenn er angesichts der Lage davor warnt, auf fremde Hilfe zu bauen: „Wir sind eben gefordert“, sagte er im Interview mit der FAZ, „stärker zu begründen, warum es uns gibt und warum das wichtig ist, was wir tun. Das kann uns auch niemand abnehmen, auch keine Institution, wir müssen uns selbst legitimieren.“ Die Formen und Varianten einer solchen Selbstlegitimation stehen in den kommenden Wochen vor einer gewaltigen Bewährungsprobe.