Popstar Lady Gaga bei einem Auftritt in der Radio City Music Hall in New York.
Foto: imago images/Everett Collection

BerlinWomöglich war es schon abzusehen, dass die Pandemie auch die Festivals im Sommer erwischt. Nach „Wacken“ meldeten sich nun die Veranstalter von „Rock am Ring“, „Hurricane“ und „Elbjazz“ ab. All jene, die von Juni bis August ihre Shows veranstalten wollten. Ein wenig dürfen Freunde großer Live-Veranstaltungen noch auf Events im September (etwa das Lollapalooza Festival) hoffen, aber wer weiß, wie lange die Kontaktbeschränkungen noch gelten müssen.  

Fest steht, dass das Ausbleiben der Festivals und Konzerte nicht nur für die Veranstalter schwere Einbußen bringen. Auch Musiker verdienen inzwischen beinahe ausschließlich über Bühnenauftritte. Und kleineren Acts, die noch auf den Durchbruch warten und ihre Gigs als Vorband benötigen, können wohl nun noch länger auf größeres Ansehen hoffen.

Lady Gaga, Haim und Hinds haben ihre Alben verschoben

Ein Grund auch, warum einige Künstler ihre Alben bereits verschoben haben. Denn Promotouren fallen wie die Shows aus. „Man überlegt sich schon genau, ob man jetzt ein Album veröffentlichen sollte“, sagt Christian Müller,  PR-und Label-Manager bei dem Berliner indielabel „Pon't Danic Music“ und einst selbst Veranstalter von Konzerten.

Seiner Ansicht nach mangelt es nicht nur an Möglichkeiten, Alben öffentlich vorzustellen, vielmehr sei auch die Produktion der physischen Tonträger von der Pandemie betroffen. „Man darf nicht vergessen, dass manche erst ihr Album im Werk pressen lassen müssen oder auf externe Zulieferer und Dienstleister angewiesen sind, die ebenfalls wegen Corona gerade Verzögerungen haben“, sagt Müller.

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Zu den prominentesten Platten-Verschiebungen gehören die Werke von Lady Gaga, Haim und Hinds. Als Grund nannten alle das Corona-Virus und dass es ihnen mit einer Veröffentlichung nicht gut gehen könne. „Das Coronavirus betrifft viele unserer Lieben, deshalb glauben wir, dass der Fokus von uns allen darauf liegen sollte, zuhause und in Sicherheit zu sein, anstatt ein Album zu promoten“, schrieb die Indieband Hinds auf Facebook. Ihr neuer Veröffentlichungstermin liegt im Juni, Gaga und Haim haben noch keine Daten genannt.

Dua Lipa hat ihr Album „Future Nostalgia“ aufgrund der Corona-Pandemie früher veröffentlicht

Auf der anderen Seite gibt es immer noch Bands wie The Strokes und Little Dragon, die an ihren Termin festhalten. Letztere versetzten ihre Albumrelase-Party ins Netz und spielten ihr neues Album „New Me Same Us“ in einem Livestream auf Y0uTube vor. Es ist gewiss nicht dasselbe wie bei einer Live-Show, doch immerhin ein gute Notlösung. Musik soll bekanntlich helfen können - wobei auch immer.

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So sieht es etwa Dua Lipa, die Ihr Werk „Future Nostalgia“ sogar aufgrund der Corona-Pandemie eine Woche vor dem eigentlichen Datum veröffentlichte. Ihre Musik soll nun besonders Freude bringen. Was ihr schließlich gelang: Ihr Album ist seit der Veröffentlichung in den Top Fünf der deutschen und britischen Charts. Und auch die kürzlich erschienenen Alben von The Weeknd und Pearl Jam befinden sich in den vorderen Rängen. Müssten sich also die Musiker gar keine Sorgen machen?

Tocotronic und Die Ärzte veröffentlichen Corona-Songs

Müller gibt zu bedenken, dass es bei den Stars etwas anderes sei als bei den Nischenkünstlern. Manche Bands würden nur live gehört werden. „Bands wie Lipa oder „Die Ärzte“ haben stetig Aufmerksamkeit und eine aktive Zielgruppe, die sie jederzeit erreichen können“, sagt Müller.

Neben Tocotronic, SDP und Philipp Dittberner sind Die Ärzte die bekannteste Band, die derzeit einen extra Corona-Song veröffentlicht hat. „Ein Lied für Jetzt“, gedreht zuhause im DIY-Look hat binnen weniger Tage an die 4 Mio. Aufufe auf YouTube gesammelt. Tocotronics Lied „Hoffnung“ hat kurz nach Veröffentlichung auf Spotify etwa über 110.000 Aufrufe erzielt. 

Die Ärzte singen ihren Quarantäne-Song.

Video: YouTube/Die Ärzte

Doch die Aufrufzahlen allein bringen den Künstler wenig Ertrag. „Ein Song, der bei Spotify im Abo-Bereich eine Million Mal gestreamt wird, bringt den Künstlern sagenhafte 1.500 Euro; im Gratis-Modus sind es gerade mal 500 Euro“, schreibt Jens Balzer auf der Nachrichtenseite Zeit Online. Zieht man dies von den Prouktionskosten ab, bleibt nichts übrig.

Die Zukunft der Konzerte - mit VR-Brille?

„Eine Single zu veröffentlichen ist jetzt also risikofreier als ein Album“, sagt Müller. Er gibt aber auch zu bedenken, dass die Branche sich nun noch viel mehr digital orientieren und Prozesse neu denken muss. „Es wird schon länger überlegt, wie die digitale Zukunft von Konzerten aussehen könnten, die jeder via VR-Brille von zuhause streamen kann. Vielleicht ist das jetzt früher die Zukunft als gedacht“, sagt Müller.

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Doch hier stellt sich die Frage, wie hoch dann Eintrittsgelder sein können und wie sich das unmittelbare Musikerlebnis weiter verändern wird. Und genügt es dann, dass nur Singles veröffentlicht wurden, die sich obendrein um Corona drehen?

Vorerst bleibt wenig mehr als die Hoffnung, dass die Aufnahmegeräte bald wieder ordentlich anlaufen und wir bis dahin mit erträglicher Musik durchkommen. Festivals im Herbst? Ein Traum.