Wer die moderne Gesellschaft verstehen will, muss sich an das Verhalten von Kängurus genauer anschauen.
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BerlinDas soziale Phänomen der Panik wurde zuletzt immer wieder mit der Aufforderung verknüpft, ihr lieber nicht zu verfallen. Die meisten halten sich daran, auch wenn die Getränkevorräte im Supermarkt Lücken aufweisen, und viele es in Bahn und Bus eher vermeiden, sich an den Haltegriffen festzuhalten.

Der Soziologe Niklas Luhmann verwies seine Studenten in den 80er-Jahren gelegentlich auf das Verhalten von Zwergkängurus. Sie waren für ihn eine Art Paradigma, an dem sich schulen musste, wer von der modernen Gesellschaft etwas verstehen wollte. Ohne erkennbaren Anlass kam es bei den still vor sich hin grasenden Tieren ab und an zu großen Aufregungen und Prügeleien, die sich gefährlich steigerten, bis sich plötzlich wie auf Kommando alle Tiere in eine Reihe setzten und für eine Weile in dieselbe Richtung schauten.

Kein Grund, sich aufzuregen

Sie hatten sich beruhigt und grasten wieder still vor sich hin. Offensichtlich, so erklärte Luhmann, würden sich die Tiere durch eine Synchronisation ihrer Umweltwahrnehmung unter Ausschluss von Sozialwahrnehmung beruhigen. Alle sehen dasselbe: ein Stück Wiese, ein paar Büsche. Und da alle nebeneinander sitzen, sehen sie sich nicht selbst. Sie schauen sich nicht an und haben deswegen auch keinen Grund mehr, sich aufzuregen.

Hinsichtlich der Corona-Krise scheint diese Form der Selbstberuhigung nicht vollends zu gelingen. Ich jedenfalls schwanke zwischen Weghören und dem begierigen Wunsch, noch mehr zu wissen. Ganz nebenbei habe ich bemerkt, dass der Mann meines Vertrauens der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité ist. Er neigt bereits habituell nicht zur Panik, auch wenn seine Mutmaßungen über den Verlauf der Pandemie keineswegs als Entwarnung verstanden werden können. Als habe er lange unter Zwergkängurus gelebt, beherrscht er das notwendige Wechselspiel aus Kompetenz und Gelassenheit.