Große Säle in Berliner Theatern sollen laut der Anordnung von Kultursenator Lederer leer bleiben.
Foto: Imago/Thomas Trutsche

BerlinMan musste mit einer solchen Maßnahme rechnen. Sie erscheint vernünftig und abgewogen und steht unter dem Vorbehalt, dass möglicherweise weitere Schritte folgen werden. Trotz allem ist es ein brutaler Schlag, eine Notbremse: In einer Telefonkonferenz am Dienstagnachmittag wurden die Intendanten der Stadt von Kultursenator Klaus Lederer (Linke) darüber informiert, dass Veranstaltungen in den großen Sälen der staatlichen Häuser, also solchen mit über 500 Plätzen, ab diesem Mittwoch bis zum 19. April abzusagen sind. Das sei auch die Empfehlung für Privattheater. Und bei Veranstaltungen in kleineren Sälen sei nach Maßgaben des Robert-Koch-Instituts und in eigener Verantwortung zu verfahren.

Was passiert in einem solchen Moment? Inhaber von Tickets können beruhigt sein, der Eintrittspreis wird erstattet. Aber welche Gedanken gehen den Veranstaltern, Mitarbeitern, Künstlern durch den Kopf? In besonderer, aber doch auch beispielhafter Weise trifft es die Schaubühne, die ein privat geführtes, staatlich subventioniertes Theater ist, an dem ausgerechnet am Tag des Inkrafttretens der Maßnahme das zehntägige internationale Festival für internationale neue Dramatik, F.I.N.D., beginnen sollte.

Beispiel Schaubühne

Es dauerte wenige Stunden, bis die beiden Direktoren Friedrich Barner und Tobias Veit mit dem künstlerischen Leiter Thomas Ostermeier zu der Entscheidung kamen, das Festival abzusagen. Die Premiere von Marius von Mayenburgs Uraufführung „Die Affen“, die im Saal C mit 275 Plätzen angesetzt ist und F.I.N.D. eröffnet hätte, sollte wie geplant am Mittwoch stattfinden. Das Schaubühnen-Repertoire in den kleinen Sälen wird gezeigt. Bis auf Weiteres.

„Wir sind mit der Absage des Festivals der Losung von Klaus Lederer nachgekommen“, sagt Ostermeier am Telefon. Eine vernünftige Entscheidung. Denn auch wenn die Veranstaltungen in kleineren Sälen stattgefunden hätten, hätten sich bis zu 1 500 Menschen gleichzeitig in dem Theater aufgehalten, wie er erklärt. „Das ist ja gerade der Sinn dieses Festivals, dass man einander begegnet, sich austauscht, Kontakte knüpft.“ Risikoerhöhend kommt hinzu, dass die Eingeladenen von weit her kommen, auch aus Asien. Jedes Flugzeug mit seiner Klimaanlage ist ein Keimtransportmittel.

Der künstlerische Leiter der Schaubühne Thomas Ostermeier
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Noch in der Nacht gingen Mails an die Gäste raus, mit der Aufforderung, nicht anzureisen. Flugtickets, Hotelbuchungen, Transporte können so kurzfristig nicht rückgängig gemacht werden, auch die Gagen müssen natürlich gezahlt werden. Das Theater bleibt auf den Kosten sitzen. Gleichzeitig fallen die Einnahmen weg. „Die Schaubühne ist von einem solchen Ausfall deutlich mehr betroffen als andere Häuser. Wir finanzieren uns zu einem Drittel aus Eintrittspreisen und Gastspieleinnahmen“, so Ostermeier.

Außerdem sei das Theater eben ein Privatbetrieb, der im Gegensatz zu Landesbetrieben Pleite gehen könne. „Wir kalkulieren schon am Limit, nämlich mit einer Auslastung von 90 Prozent. Wir sind also darauf angewiesen, dass das ausgeglichen wird.“ Diese existenziellen wirtschaftlichen Bedenken können aber letztlich nicht den Ausschlag für die Entscheidung geben, denn das Theater hat Fürsorgepflichten für seine Mitarbeiter, Gäste und für das Publikum.

Das geht alles nicht ohne Tränen ab. Wir liegen uns hier in den Armen.

Thomas Ostermeier

Ostermeier macht sich auch keine Illusionen darüber, dass damit nun die Talsohle erreicht ist. „Ich habe viele Bekannte in Italien, mit denen ich in Kontakt stehe. Vermutlich werden wir ein ähnliches Szenario bald auch in Deutschland haben. Und dann wird man die Theater ganz schließen müssen.“

Das positive Feedback auf die Absage und die Hoffnung, dass man das Festival vielleicht im Herbst nachholen könne, fangen den Frust ein bisschen auf, aber natürlich sei jetzt erst einmal „Trauer, Trauer, Trauer“ angesagt. Mindestens ein Jahr lang hat die Produktionsleiterin Anne Arnz mit ihrem Team an der Vorbereitung gearbeitet. Die gastierenden Gruppen sind teilweise noch nie international aufgetreten, für sie wäre es eine Chance gewesen. Andererseits gibt es großformatige Produktionen, deren Bühnenbilder mit großem logistischem Aufwand auf die Reise geschickt werden sollten. „Das geht alles nicht ohne Tränen ab. Wir liegen uns hier in den Armen.“

Gemeinschaft gefährdet

Die Grundsituation des Theaters erweist sich als verletzlich: Auf einmal ist es lebensbedrohlich, den Augenblick in der Gegenwart eines Raumes zu teilen und den Funken der gemeinsamen Erfahrung zu erleben, mitzunehmen und weiterzutragen. So funktioniert Theater nun einmal. Und jetzt ist ein Keim an die Stelle dieses Funkens getreten.

Auf circa 15 Millionen Euro pro Monat allein für die Berliner Bühnen beziffert Klaus Lederer den finanziellen Schaden in einem Tweet. „Und ich rede hier nicht über all die prekären Künstler*innen, die solche Einbußen nicht ausgleichen können. Über die Frage, ob schwarze Nullen hier haltbar sind, wird zu sprechen sein.“ Gleichzeitig spricht er von der Krise als Chance und denkt mit Künstlern und Veranstaltern über Streaming und andere aseptische Formen des kulturellen Austauschs nach. Richtig, warum nicht den Moment nutzen und weiter die digitalen Möglichkeiten erforschen? Außerdem käme auf diesem Weg der eine oder andere Künstler an seine Gage.

Die Luft in China ist schon sauberer geworden.

Thomas Ostermeier

Es wäre esoterisch und angesichts der Opfer auch zynisch, von Katharsis zu sprechen. Aber dennoch sind auf einmal Verzicht und Beschränkung möglich. Angesichts des Klimawandels ließ sich das bisher nicht einfordern. Ostermeier führt den Gedanken kapitalismuskritisch weiter: „Es sind die Interessen des Profits, die uns glauben machen, dass soziale Konflikte und Kriege ausbrechen würden, sobald wir Kapital- und Warenumschlag sowie Konsum entschleunigen. Aber auf einmal geht es. Die Luft in China ist schon sauberer geworden.“

Aber auch der immer heißer laufende Theater- und Festivalbetrieb könnte die Zwangspause zur Besinnungspause umdeuten. „Ich habe mich beim Blick auf den endlich zu lesenden oder wenigstens zu ordnenden Bücherstapel auf meinem Schreibtisch dabei ertappt, dass ich mir durchaus ein paar Tage Quarantäne wünsche“, sagt Thomas Ostermeier.

Absagen und Notspielpläne 


Die Veranstalter gehen auf verschiedene Weise mit der Vorgabe des Kultursenators um und behalten sich kurzfristige Änderungen vor. Das Eintrittsgeld wird erstattet. Hier eine Auswahl von Häusern.

Volksbühne:
Alle  Veranstaltungen vorerst bis 1.4. abgesagt
Gorki: Schließung des großen Saals, Container und Studio bleiben offen.
Deutsches Theater: Hauptsaal geschlossen, Vorstellungen in Kammerspielen und  Box finden statt.
Schaubühne: Notspielplan mit Repertoire in den kleineren Sälen und dem Studio. Das F.I.N.D.-Festival wurde abgesagt.
Berliner Ensemble: schließt den Rang, begrenzt damit die Platzzahl auf 480 im Großen Saal. Ansonsten bis auf Weiteres keine Änderungen
Hebbel am Ufer: Einstellung des Spielbetriebs in allen drei Häusern. Ausgewählte Veranstaltungen im Livestream
Komische Oper: Bis zum 19. 4. finden keine Vorstellungen statt. Betroffen ist auch das Jaromir Weinberger Festival
Staatsoper: Der Große Saal bleibt bis zum 19.4. zu,  die Veranstaltungen im Apollosaal finden statt. Eine Entscheidung über ein digitales Alternativprogramm sowie Veranstaltungen in  kleineren Spielstätten wird in den nächsten Tagen getroffen. Tickets können auch  für das  Jugendprogramm der Staatsoper gespendet werden.
Konzerthaus Berlin: Bis zum 19. 4. sind alle Konzerte im Großen Saal abgesagt. Philharmonie: Großer Saal und Kammermusiksaal sind zu. Auch die  Führungen  sowie die Lunchkonzerte finden bis zum 19. 4. nicht statt. Die Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle und die Vocalsolisten Stuttgart haben sich  entschlossen, ihr Konzert am 12. März ohne Publikum zu spielen. Es wird live über die Digital Concert Hall der  Philharmoniker  gestreamt und ist weltweit kostenlos zu sehen.
Deutsche Oper: Die Große Bühne bleibt bis zum 19.4. zu, die Vorstellungen in der Tischlerei und im Foyer finden bis auf Weiteres statt.
Friedrichstadt-Palast: Vorstellungen der Vivid Grand Show bis 19.4. abgesagt.