Besucher mit Maske im Alten Museum in Berlin.
Foto: imago images/Emmanuele Contini

BerlinIn Deutschland gibt es etwa 7000 Museen, Gedenkstätten und Ausstellungseinrichtungen, von winzigen, sich von Budget zu Budget hangelnden Heimat- und Spezialsammlungen bis zu den staatsrepäsentativ prachtvollen, reichen Institutionen in Berlin, Dresden oder München. Sie alle waren seit etwa Mitte März geschlossen, eröffnen nun nach und nach wieder, je nach Möglichkeit. Und stehen vor neuen Finanzproblemen.

Ein Museumssterben, wie es in Amerika und Großbritannien mit ihren vielen aus Spenden und Einnahmen finanzierten Häusern bereits befürchtet wird, dürfte es in Deutschland zwar kaum geben: Das Haus, die Sammlungen und auch das Kernpersonal sind meist von den Ländern und Kommunen oder sogar vom Bund abgesichert. Doch wie steht es mit den Einnahmen durch Eintrittsgelder, die in den vergangenen drei Jahrzehnten zur wichtigsten Stütze der Programmarbeit wurden?

Für einen abschließenden Überblick ist es noch viel zu früh. Doch inzwischen zeichnen sich einige Linien ab. Das Linden-Museum in Stuttgart etwa, das mit seinen erfolgreichen Ausstellungen zur Ethnologie der Welt immer wieder gute Erträge erzielt hat, rechnet dieses Jahr mit einem Minus von mindestens 300.000 Euro. Dabei wurden die Kosten, etwa für Wachschutz und Führungshonorare, radikal gesenkt – was, das nur nebenbei, die Frage öffnet, welche Verantwortung Museen eigentlich für ihre freien Mitarbeiter übernehmen wollen, sollen und können.

Die derzeit laufende, hoch interessante Azteken-Ausstellung konnte immerhin bis zum 16. August verlängert werden. Auch hier wird aber wegen der Besucherbeschränkung mit weniger Einnahmen gerechnet. Immerhin: Das Projekt „Schwieriges Erbe. Linden-Museum und Württemberg im Kolonialismus“ wird stattfinden, wenn auch erst ab Ende November.

Deutlich zeigt sich schon jetzt, wie wichtig lokale und regionale Verankerungen auch für die Finanzen von Museen sind. Der Klassik-Stiftung in Weimar mit ihren Dutzenden historischen Häusern, Museen, Sammlungen, Archiven und Bibliotheken stellt der Freistaat Thüringen inzwischen 1,5 Millionen Euro aus dem Corona-Pandemie-Hilfefonds in Aussicht. Inzwischen hat die Stiftung sogar ihre räumlich engen Stätten wie Goethes und Schillers Wohnhaus, die Fürstengruft oder Schloss Kochberg wieder geöffnet.

Methodisch orientiert sich die Klassik-Stiftung also offenkundig an der thüringischen Landesregierung mit ihrem „schwedischen“ Vertrauen in das Verantwortungsbewusstsein der Bürger. Allerdings sind Besuche weiter streng limitiert und an lineare Rundgänge gebunden, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Trotzdem konnten im vergangenen Monat schon wieder gut 22.000 Besuche gezählt werden – die vor allem aus der Region gekommen sein werden.

Dramatischer sind die absehbaren Löcher in der Kassenbilanz für die Museen in Dresden. Seit dem 14. März wie alle Häuser der Staatlichen Kunstsammlungen geschlossen, wiedereröffneten schon am 4. Mai die Gemäldegalerie und das Kunstgewerbemuseum, am 21. Mai das Völkerkundemuseum in Herrnhut und am 30. Mai das Residenzschloss.

Alle Einrichtungen sind mit Maskenpflicht und Mindestabstand von 1,5 Metern zu besichtigen, weswegen etwa im Historischen Grünen Gewölbe maximal 70 Personen pro Stunde und insgesamt nicht mehr als 500 Personen gleichzeitig im Residenzschloss zugelassen sind. Die Einnahmeverluste der SKD summieren sich inzwischen, so die Pressesprecherin, für die etwa zwei Monate Schließzeit auf mindestens 2,5 Millionen Euro. Allerdings können sie auf die Solidarität ihrer Dauerbesucher aus Dresden und Deutschland bauen: Es soll schon wieder kurze Schlangen vor den Eingängen geben.

Auch die Hamburger Kunsthalle, eine der bedeutendsten städtischen Kunstsammlungen im Land, rechnet mit massiven Verlusten – mit einer Million Euro weniger Einnahmen. Immerhin kann die große Ausstellung über das Trauern bis August verlängert, andere konnten verschoben werden. Ob die demonstrativ sparsame Hansestadt das Defizit ausgleicht, ist aber noch völlig unklar.

Auch die neue James-Simon-Galerie bleibt geschlossen: Für Viruszeiten sind ihre Zugänge und Besucherwege zu eng. 

Und die Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz? Während deren Staatsbibliothek, deren Nutzungsgebühren seit einigen Monaten in einem Versuch entfallen und das Staatsarchiv und die Forschungsinstitute der Stiftung durch Sars CoV-2 nur in ihrer Arbeit behindert werden, aber nicht vor wesentlichen Einnahmeverlusten stehen, sieht es in den Staatlichen Museen anders aus. Hier geht man auch nach der sukzessiven Öffnung der Häuser von einem mittelfristigen Besuchereinbruch um 80 bis 90 Prozent aus, weil der Berlin-Städtetourismus nicht so schnell wieder die alten Höhen erreichen wird.

Am 14. März schloss die Preußen-Stiftung für den Besucherverkehr. Seit dem 12. Mai beginnt eine sehr vorsichtige Wiedereröffnung, die sich bis Ende Juni hinziehen wird – alles unter dem Vorbehalt der Corona-Entwicklung. Manchmal geht es nur um das Wochenende wie beim Museum Europäischer Kulturen in Dahlem, während das Neue Museum – mit der Nofretete der Goldesel der Preußen-Stiftung – bereits ganz geöffnet ist.

Vollständig geschlossen aber bleiben weiterhin der Südflügel des Pergamonmuseums, das Bode-Museum und sogar die nagelneue James-Simon-Galerie. Auch in ihr sind die Zugänge und Verkehrswege so eng gestaltet worden, dass die nun nötigen Abstände zwischen den Besuchenden nicht gesichert werden können.

Ausstellungen sollen nach aktuellem Stand der Dinge nur verschoben, nicht abgesagt werden. Dennoch sind allein im April den Staatlichen Museen Bruttoeinnahmen von etwa 1,6 Millionen Euro aus Eintrittsgeldern, Führungsgebühren, Veranstaltungstickets und Verkäufen von Souvenirs oder Büchern entgangen. Nach Abzug der weggefallenen Dauerkosten für Reinigung oder Aufsichten bleibt ein Defizit von mindestens 750.000 Euro. Nur für April.

Auch das zeigt die immense Abhängigkeit der Preußen-Stiftung von diesen laufenden Einnahmen. Insgesamt dürfte ein Minus von mindestens 2,5, eher drei Millionen Euro erreicht werden. Die Preußen-Stiftung sei deswegen, so ihre Pressestelle, „mit den Zuschussgebern im Gespräch“.

Ohne Zuschüsse müsste sie darüber nachdenken, neue Geschäftszweige zu entwickeln. Als Vorbild bietet sich da etwa das Fischerei- und Webermuseum in Steinhude an: Dort kann man nun auch reizvoll historisierend dekorierte Torten von Chocolatiers Kapelle bestellen. Als Spendenaktion für das Überleben in Corona-Zeiten.