Menschen sitzen im Görlitzer Park in Kreuzberg. 
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

BerlinAn düsteren Prognosen ist dieser Tage kein Mangel, und von Verunsicherung zu reden, ist schon fast euphemistisch. Es lässt sich kaum absehen, was die Corona-Pandemie auf lange Sicht für unseren Alltag bedeutet. Da ist es umso erstaunlicher, wie viele Menschen sich ausmachen lassen, die mit bemerkenswerter Sicherheit wissen, was zu tun ist.

Doch gerade die, die am meisten über die Verbreitung des Virus wissen, die Virologen, gestehen ein, dass ihre Kenntnis mangels Daten und Erfahrung durchaus Grenzen hat. Das ist tröstlich, weil es daran erinnert, wie dünn das Eis ist, auf dem wir gehen. Es ist geboten, nicht ständig mit dem Brustton größter Überzeugung neue Wahrheiten zu verkünden. Zum Beispiel darüber, wie sich Architektur und Stadt ändern werden und müssen. Dass nun Wohnen und Leben im ländlichen Raum angesagt ist. Dass Bürogebäude anders werden müssen. Wie Innenstädte und Einzelhandel umgekrempelt werden. Ob unsere Alltagsmobilität sich wandelt, oder ob im Gegensatz zu den eben noch geltenden Prognosen das private Auto der Gewinner der Krise ist. Darüber kann man nur spekulieren.

Eine Sache indes scheint gewiss: Die technologische Entwicklung wird beschleunigt. Wir werden in einer anderen Welt leben, wenn die Krise vorbei ist. Es gibt gerade eine starke Zunahme der Teilhabe an der Digitalisierung. Die Auswirkungen des Virus verstärken jetzt einen Trend, der vor einigen Jahren bereits eingesetzt hat. Viele Dinge, die sonst in der physischen Welt stattfanden, sind nun in die digitale hinübergewandert. Das hat natürlich positives Potenzial. Es versetzt uns auch während eines Lockdowns in die Lage, isoliert zu arbeiten und miteinander zu interagieren. Es gibt Vorteile, aber auch Probleme und Gefahren.

Für die Diskussion wäre es hilfreich, zu unterscheiden zwischen dem, was schon vor dieser Krise richtig war und dem, was spezifisch für sie ist. So formuliert etwa die Fachwelt seit Jahrzehnten vergebens ihre Hoffnung auf die ökologische, verkehrsvermeidende Wirkung von gemischten Quartieren. Und schon in den 80er-Jahren hat Ulrich Beck gezeigt, dass der Wohnungsmarkt am Bedarf vorbei baut und es unmöglich macht, dass sich familienübergreifende Unterstützungszusammenhänge, wie es im Soziologendeutsch heißt, organisieren lassen. Der Publizist und Stadtforscher Christian Holl schreibt dazu: „Die Lage gibt also wenig Grund zur Hoffnung, die Krise werde helfen, Fehlentwicklungen zu korrigieren. Eher fordert sie heraus, weiterhin unermüdlich all das weiter zu verfolgen, wofür man bislang schon eintrat. Und zwar nicht, weil es die aktuelle Krise erfordert. Sondern weil die aktuelle Krise zeigt, wie wenig wir auf sie vorbereitet waren, gerade weil wir alle anderen Krisen ignoriert haben, weil wir so viele wichtige Dinge nicht entschieden angepackt haben. Die Bodenfrage nicht, den Wohnungsmarkt nicht, die Verkehrspolitik nicht, die Gleichberechtigung auch nicht.“

Fraglos gibt es eine Vielzahl virulenter Sachverhalte, die zu klären – oder überhaupt nur ernsthaft zu bearbeiten – viel zu lange versäumt wurde. Zugleich gibt es Einsichten und Gewissheiten, die Bestand haben. Max Weber beschrieb die Essenz des Stadtlebens als „Miteinander unter Unbekannten“. Eine andere Metapher kommt aus dem Volksmund, der die Stadtluft einatmet, die frei mache. Die Stadt war die Verheißung eines anderen Lebensentwurfs. Temps perdu? Nein! Zwar mögen kollektives Zusammensein und Selbstbestimmung gerade nicht sehr angesagt sein, aber das verändert die Urbanität nicht grundlegend und auf Dauer.

Einerseits ließ sich während der Krise eine Reduktion von kollektiven sozialen Situationen im öffentlichen Raum beobachten. Was bedeutet, dass es nicht mehr so viel Zufall gab. Der aber ist wesentlich für unser Leben. Denn wer nicht mehr auf der Straße oder im Park – ohne es vorher zu planen – zufällig auf Menschen trifft, bleibt in alltäglichen Routinen gefesselt. Andererseits forderten Homeoffice und Kontaktreduzierung offenkundig einen Ausgleich in der Natur. Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge. Und zu Ostern und Pfingsten drängten sich so viele in den Grünanlagen, dass das geforderte „social distancing“, was ohnehin vor allem eine räumliche Distanz aus sozialer Fürsorge vor der Ansteckung meint, dort kaum zu wahren war.

Das bestätigt alte planungstheoretische Einsichten aufs neue. Der wirkliche Freiraum des Individuums verlagert sich in den öffentlichen Raum und wird damit, wenn man so will, zum letzten Refugium des Privaten, unkontrolliert im doppelten Sinne, frei von festgelegter Organisation und frei für Ungeplantes. In Zeiten von Schließungen jeglicher Freizeitangebote und Kontaktsperren bekommt der Aufenthalt draußen und in der Natur allein oder zu zweit eine hohe Relevanz. Der öffentliche Freiraum ist ein Erlebnisort, der vielerlei Formen des Verhaltens ermöglicht – und darin offenbart sich auch eine gewisse „Krisentauglichkeit“.

Wenn es eine eindeutige Schlussfolgerung aus der Corona-Krise gibt, dann die, dass die öffentliche Daseinsvorsorge keinem Effizienz-Dogma unterworfen werden darf. Und daraus sind auch städtebaulich Konsequenzen zu ziehen. Wenn man Dichte als urbanes Konzept versteht, als wichtig für die soziale Struktur – weil Menschen sich miteinander auseinandersetzen müssen –, dann bedeutet das zugleich, dass man Plätze und Grünanlagen, dass man öffentliche Räume schafft. Und die bemessen sich weniger nach Quadratmetern denn in der Qualität, und die wiederum ist in vielen Stadtentwicklungsprojekten defizitär. Es braucht gewissermaßen weiße Flecken im geordneten, zweckgebundenen Stadtplan – im Großen wie im Kleinen. Sie sind nicht mit Leere gleichzusetzen (ein Begriff, der im aktuellen Planerjargon en vogue ist). Es geht um konkrete Räume und Orte, wo wenig vorbestimmt und vordeutend codiert ist. Oder, mit den Worten von Peter Handke: „Orte, wo (noch) nichts geschieht.“

Dieser Aspekt findet auch in der Architektur seinen Niederschlag; es sei hier nur an Hermann Muthesius erinnert. Er, der entscheidende Protagonist bei der Gründung des Werkbundes 1907, erachtete Haus und Garten als ein eng verschmolzenes Ganzes. Von diesem Zeitpunkt an war der Garten als „Wohnraumerweiterung“, zugeordnet den Funktionen der Zimmer, zwar ein Teil der Moderne. Aber im Bauwirtschaftsfunktionalismus verlor sich dieser Gedanke schnell wieder im Ungefähren. Der Zukunftsforscher Matthias Horx hat jüngst geschrieben: „Die kommende Welt wird Distanz wieder schätzen – und gerade dadurch Verbundenheit qualitativer gestalten. Autonomie und Abhängigkeit, Öffnung und Schließung, werden neu ausbalanciert.“ Wie unverzichtbar eine aufgelockerte und durchgrünte Stadt für das Wohlbefinden der Bevölkerung ist, wie unverzichtbar innerstädtische Parks mit Rasenflächen und Bäumen, einladend gestaltete Uferzonen oder Freiflächen sind: Das erschließt sich spätestens bei der nächsten Pandemie.

Robert Kaltenbrunner ist Architekt, Stadtplaner und Publizist (u.a. Co-Autor des Buches „Die Zukunft der Stadt“, Aufbau-Verlag).