Corona-Unrecht: Jede Kritik als „Querdenken“ einzuordnen, ist eine Fata Morgana

Dietrich Brüggemann wird von einem unserer Rezensenten kritisiert. Hier antwortet er nun selbst und sagt: Das Corona-Unrecht gibt es. Und es muss aufgearbeitet werden.

Dietrich Brüggemann
Dietrich BrüggemannBerliner Zeitung/Paulus Ponizak

Dieser Text ist Teil der Serie „Corona-Debatte“. Alle Texte dazu finden Sie unter: https://www.berliner-zeitung.de/topics/corona-debatte


Das Buch „‚Möge die gesamte Republik mit dem Finger auf sie zeigen‘: Das Corona-Unrecht und seine Täter“ ist am 7. November 2022 im Rubikon-Verlag erschienen. Es wurde von Marcus Klöckner und Jens Wernicke verfasst. Ulrike Guérot hat das Vorwort, Tom-Oliver Regenauer das Nachwort verfasst. Das Buch ist aktuell auf Platz zwei der Spiegel-Bestsellerliste.

Die Redaktion der Berliner Zeitung will eine Auseinandersetzung mit dem Thema Corona und die gesellschaftlichen Konsequenzen für die Gesellschaft. Daher haben wir einen Journalisten, der für die Redaktion als freier Mitarbeiter tätig ist, gebeten, das Buch unvoreingenommen zu rezensieren.

Da er glaubt, Konsequenzen für seine Arbeit fürchten zu müssen, hat er uns gebeten, dass seine Kritik ausnahmsweise anonym unter einem Pseudonym erscheinen darf. Aus Gründen der Fairness haben wir dem Autor Dietrich Brüggemann, der in der anonym publizierten Rezension explizit kritisiert wird, die Gelegenheit gegeben, Stellung zu beziehen. Die beiden beteiligten Autoren waren mit diesem Vorgehen einverstanden.

Herausgekommen ist eine Art Pro und Contra. Den Ursprungstext, auf den Brüggemann hier antwortet, können Sie hier lesen. Feedback an: briefe@berliner-zeitung.de


Jeder kennt die Situation, in der ein Gespräch nicht von der Stelle kommt, weil alle Teilnehmer einen Aspekt beharrlich ignorieren. Oft handelt es sich bei genau diesem beschwiegenen Element um den entscheidenden Punkt. In den letzten Jahren ist dafür eine schöne Redensart aus dem Englischen zu uns herübergewandert: „der Elefant im Raum“.

In der anonym in der Berliner Zeitung veröffentlichten Rezension zum Buch „Möge die gesamte Republik mit dem Finger auf sie zeigen“ befindet sich meiner Meinung nach ein erstaunlicher Elefant, nämlich die Tatsache, dass der Autor aus Angst vor Stigmatisierung und Nachteilen seinen Namen nicht nennen will, diese Tatsache selbst aber anscheinend gar nicht weiter erwähnenswert findet.

Die interessante Frage lautet damit nicht mehr, ob das Buch oder die Rezension gut oder schlecht sind, sondern: Was ist mit unserer Gesellschaft los, dass jemand sich nicht traut, eine Buchbesprechung mit seinem Namen zu signieren? Die er aber trotzdem schreibt, weil er es anscheinend wichtig findet, denn er könnte es ja auch einfach lassen? Wollen wir Debatten fortan so handhaben, dass es nur noch eine zugelassene Meinung gibt, und alles andere kann man allenfalls anonym sagen?

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Zur Person
Dietrich Brüggemann, geboren 1976 in München, studierte Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam. Für „Kreuzweg“ erhielt er gemeinsam mit seiner Schwester Anna 2014 den Silbernen Bären für das beste Drehbuch. Brüggemann arbeitet auch als Schriftsteller. Sein neuester Roman heißt: „Materialermüdung“ (Edition W GmbH, Frankfurt am Main, 2022, 480 S., 25 Euro).

Man sagt dem Gegner einfach, er solle die Fresse halten

Dabei ist der Text keine Jubelarie. Im Gegenteil, er reproduziert genau die Ausgrenzungsreflexe, von denen er sich bedroht sieht. Gleich zu Anfang legt er den Autoren zur Last, dass sie für „zweifelhafte Portale“ schreiben, und schießt damit ein wundervolles Eigentor. Denn wer anonym schreibt, der ist ja offensichtlich der Meinung, ein Text könne für sich stehen und die Person des Autors sei egal. Zumindest lässt er uns keine Chance, herauszufinden, für welche zweifelhaften Portale er selbst sonst schreibt. Als Nächstes heißt es dann, die Autoren hätten ein Nachwort „im Schwurbler-Sprech bestellt“, Letzteres wird später im Text noch verschärft, da ist es dann gleich zweimal „übelstes Schwurbler-Sprech“. Mir erscheint das wie übelstes Demagogen-Sprech, aber ich glaube, wir kämen weiter, wenn wir verbal etwas abrüsten würden.

Man gestatte mir, dass ich an dieser Stelle etwas aushole. Ich bin Jahrgang 1976. Mein Leben lang war ich froh, in einer freien Demokratie mit zivilisierter Debattenkultur zu leben. Dehumanisierende Kollektivbeschimpfungen wie „Schwuchtel“ oder „Kanake“ waren sogar auf den Schulhöfen, auf denen ich mich in den 1990er-Jahren aufhielt, nicht mehr cool, und in der erwachsenen Öffentlichkeit waren sie undenkbar. In der Schule lernte man, wie in unfreien Systemen (und das war keineswegs nur NS-Deutschland) von Medien und Eliten gegen Dissidenten gehetzt wurde. Aber das wirkte sehr fremd und weit weg.

Doch im Frühjahr 2020 rieb ich mir ungläubig die Augen und habe bis heute nicht damit aufgehört. Der Staat verhängte Maßnahmen, die man bis dahin für unvorstellbar gehalten hätte, und vergriff sich an zahlreichen Grundrechten. In einer funktionierenden Demokratie, in der ich mich bis dahin wähnte, hätte ich in sämtlichen Medien schärfste Debatten und härteste Kontroverse erwartet. Aber das blieb aus. Dafür wurde jeder, der Zweifel anmeldete, als „Wissenschaftleugner“ und „Schwurbler“ diffamiert, der wolle, dass Menschen sterben und so weiter. Seitdem ist es offenbar völlig okay, einander mitzuteilen, man sei geisteskrank oder solle die Fresse halten. Mit derartigen sprachlichen Entgleisungen gibt man zwar zu erkennen, dass man keine guten Argumente hat und daher zum verbalen Äquivalent des Steinewerfens greifen muss, aber das scheint niemanden zu kümmern.

Hetze fängt schon bei den Strukturen an

Vor diesem Hintergrund erschienen mir die verbalen Exzesse im Herbst 2021, von denen das Buch handelt, nicht überraschend, sondern als eine Eskalation, die von Anfang an angelegt war. Erschreckend fand ich sie trotzdem, daher habe ich dem Buch auf Twitter große Verbreitung gewünscht, und so habe auch ich es schlussendlich in die Buchbesprechung geschafft. Wobei der Rezensent mir zugesteht, ich sei in der deutschen Öffentlichkeit „noch nicht vollends gebrandmarkt oder gecancelt“ – und auch das schreibt er einfach so hin, ohne sich zu fragen, was er da stillschweigend abnickt: Dass man nämlich für Kritik an Corona-Maßnahmen „gecancelt“ werden kann. Das findet er offenbar ganz in Ordnung. Andernfalls hätte er es als zentrales Problem benannt. Und damit wären wir wieder beim Elefanten im Raum.

Wer über ein Buch schreiben will, das von Diffamierung und Hetze handelt, es aber aus Angst vor eben dieser Diffamierung und Hetze nur anonym tun will, der sollte sich mit den Mechanismen von Diffamierung und Hetze auseinandersetzen. Und die fangen nicht etwa bei der Sprache an, sondern schon bei den Strukturen, in denen man seine Gedanken organisiert, noch bevor man sie in Worte fasst.

Karl Lauterbach lag auch öfter mal daneben

Es gibt da also ein Online-Magazin, das der Autor so zweifelhaft findet, dass jede Mitarbeit einen als Autor in Misskredit bringt, sowie ein Nachwort, das ihm so unmöglich erscheint, dass es über doppelte Bande nicht nur das gesamte Buch diskreditiert, sondern sogar diejenigen, die das Buch loben. Diese gedankliche Fehlkonstruktion namens Kontaktschuld hinterfragt er nicht, die fürchtet er ganz unhinterfragt, weswegen er ja seinen Namen nicht nennen will, aber wie zweifelhaft sind sie denn überhaupt, die zweifelhaften Elemente?

Ich kenne die Seite „Rubikon“, habe sie nie ausführlich gelesen, meine kritische Haltung zur Corona-Politik speiste sich eher aus Quellen aus dem englischsprachigen Raum, aber „völlig einseitige Texte“ habe ich in den letzten zwei Jahren auch in der etablierten Presse zahlreiche gefunden, durchaus auch mit falschen Fakten und zum Teil auch im religiösen Erweckungsstil.

Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheit
Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheitdpa/Christophe Gateau

Schon die Modellrechnungen, anhand derer die Maßnahmen beschlossen wurden, waren ja falsch, genau wie die Erzählung von der nichtvorhandenen Grundimmunität. Und Karl Lauterbach lag auch öfter mal daneben. Mir ist also nicht ganz klar, wo genau die singuläre Zweifelhaftigkeit einer Seite wie „Rubikon“ liegen soll, selbst wenn dort unter anderem auch Blödsinn in überdrehter Rhetorik zu finden sein sollte.

Die gute linke Tradition der Kapitalismuskritik

Als Freund sprachlicher Mäßigung finde ich auch das Nachwort des Buches nicht unbedingt notwendig, aber selbst das, was der anonyme Rezensent da als „irrwitziges Verschwörungsdenken“ bezeichnet, erscheint mir nicht so sensationell. Die historische Gelegenheit für die Rekalibrierung der Weltwirtschaft wurde ja tatsächlich genauso angepriesen, beispielsweise von Klaus Schwab, Chef des Weltwirtschaftsforums (WEF), der sich außerdem brüstet, mit seinem „Young Global Leaders“-Programm (deutsch: „junge globale Führer“) die Regierungen der Welt zu „penetrieren“.

Das WEF veröffentlicht gern pastellige Wohlfühlvideos, in denen Lockdowns gepriesen werden, weil sie Städte „verbessern“. Oder dem Zuschauer mitgeteilt wird, man werde im Jahr 2030 nichts besitzen und glücklich sein. Das ist alles kein Grund, in denselben Fehler zu verfallen wie der Rezensent und Teile der maßnahmenkritischen Szene, also paranoid zu werden, aber trotzdem wünsche ich mir eine Presse, die fragt, welches demokratische Mandat eigentlich dahintersteht, wenn die 1000 größten Unternehmen der Welt sich einbilden, sie müssten unser Leben nach ihren Vorstellungen gestalten. Es wäre nichts weiter als die gute linke Tradition der Kapitalismuskritik. Wenn die Presse diese Arbeit verweigert, dann übernehmen das Internetportale, deren behauptete oder tatsächliche Zweifelhaftigkeit trotzdem nicht Wurzel des Übels ist.

Die Stimmung ist totalitär

Die eigene Position, die der anonyme Rezensent zu reflektieren sich weigert, ist aber nicht nur die von einem, der sich in die Anonymität getrieben sieht, sondern darin auch die von einem, der immer noch konformes Mitglied der deutschen Journalistenlandschaft sein will. Und da gibt es eine festbetonierte Version der Realität. Gegner der „Maßnahmen“ sind da nicht einfach Menschen mit anderer Meinung in einer Sachfrage, sondern moralisch schlecht und gefährlich, das ist ein Dogma, und wenn es wanken würde, dann würde alles in sich zusammenbrechen, denn dann müsste man sich eingestehen, dass man in einer Situation, in der eigentlich jeder Demokrat lautstark hätte protestieren müssen, historisch versagt hat.

Das kann nicht sein, deswegen müssen die anderen schattierungsfrei böse sein, und deswegen ist auch das ganz normale Verhandeln, das man aus Debatten kennt, hier nicht möglich. Es wäre für Deutschlands Edelfedern kein Problem, zu sagen: „Na ja, war vielleicht etwas übertrieben, und das mit dem Blinddarm hätte nicht sein müssen.“ Aber nein, stattdessen wird die eigene Position mit Zähnen und Klauen verteidigt (oder am liebsten das Thema gewechselt).

Alles, was die Gegenseite von sich gibt, muss als Beleg für ihre Schlechtigkeit herhalten, und da ist das Sichtbare immer nur ein Hinweis auf das Größere, Schlimmere, Unsichtbare. Wenn jemand deftig vom Leder zieht, dann ist das kein suboptimaler Stil, sondern „irrwitziges Verschwörungsdenken“, und dieses Verschwörungsdenken, das man anderen ankreidet, performt man damit selbst, denn natürlich ist diese Denkungsart paranoid. Die Verbalexzesse gegen Ungeimpfte, von denen das Buch eigentlich handelt, die findet der Rezensent dann trotzdem nicht so toll, aber da sieht er keine Verbindung zur Gesamtsituation, das ist wohl dummerweise einfach so passiert. Doch schon für dieses kleine Zugeständnis fürchtet er Sanktionen und bestätigt damit eindrucksvoll, wie totalitär die Stimmung ist.

Die Einordnung jeder Kritik als „Querdenken“ ist eine Fata Morgana

Gesamtgesellschaftlich steht aber meiner Meinung nach ein zweiter Elefant im Raum. Unser anonymer Autor ist ja garantiert nicht der Einzige, dem es so geht. In einer Situation, in der man berechtigte Angst hat, in die Pfanne gehauen zu werden, wenn man ein coronakritisches Buch nicht in die Pfanne haut, kann man sich ausrechnen, dass vielen Menschen ähnlich denken, es aber nicht sagen.

Der größere Elefant im Raum ist also: Wir wissen nicht, wer zum Thema Corona wie denkt, denn kaum einer sagt es freiwillig. Und das macht eine Gesellschaft zwangsläufig hysterisch. Es ist ein bisschen wie im Mittelalter, als jeder im Verdacht stand, den Teufel anzubeten, weswegen man das Wort „Teufel“ am besten gar nicht aussprach, denn damit hätte man ja schon selbst einer sein können. Es könnte durchaus sein, dass in jedem Zoom-Call, an jedem Kantinentisch und bei jedem Elternabend ein Viertel oder die Hälfte der Anwesenden die Corona-Politik insgeheim grauenvoll findet und sich weit weg wünscht.

Ich weiß, wovon ich rede, denn ich kenne viele. Eine öffentliche Meinung, die vor allem von Journalisten immer weiter propagiert wird, sich nur mit Sanktionsdrohungen an der Macht halten kann und spätestens mit der Ungeimpften-Hetze vom Herbst 2021 ihr wahres Gesicht gezeigt hat, die wird irgendwann kippen, das ist ziemlich sicher. Da ist es völlig egal, ob dieses Buch eine „Debatte“ anstoßen wird (was es übrigens entgegen der Behauptung des Rezensenten nicht explizit fordert, es verlangt Aufarbeitung, das ist etwas anderes), und es ist auch egal, wer für welche Portale schreibt und ob das Nachwort ein Volltreffer ist oder völlig daneben.

Die beschriebenen Dinge sind passiert, dieses Buch ist einfach nur ein Signal, es macht sie sichtbar, und andere werden folgen. Das Pendel schwingt zurück, und die Elite der deutschen Gesellschaft, also Medien, Prominenz und Politik, müssen sich ein paar unangenehme Fragen stellen. Noch kann man so tun, als wäre nichts passiert und nur ein paar dämliche Querdenker würden herumkrakeelen. Doch die Einordnung jeder Kritik als „Querdenken“ ist eine Fata Morgana.

Kritik an der Corona-Politik ist legitim und notwendig, und je mehr man dafür gecancelt wird, desto notwendiger ist sie. Unsere schöne offene Gesellschaft hat eine üble Bauchlandung hingelegt. Das ist der riesengroße Elefant im Raum der deutschen Öffentlichkeit.

Marcus Klöckner und Jens Wernicke: „‚Möge die gesamte Republik mit dem Finger auf sie zeigen‘: Das Corona-Unrecht und seine Täter“, Rubikon, Mainz 2022, 208 S., 20 Euro

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