Die Hasenheide wurde durch die illegalen Raves berühmt. Die Polizei löst sie regelmäßig auf.
Foto: Morris Pudwell

BerlinEs gab mal eine Zeit, da waren Parks in Städten ein Refugium für das überforderte, überreizte Bürgertum. Die Städte wurden dichter, die Häuser enger, der öffentliche Raum kleiner. Parks entstanden als Erholungsgebiet für den neuen Typus des ‚Bourgeois‘. Es war der neue Mensch des 19. Jahrhunderts, der vom Land in den urbanen Raum gezogen war, um dort dem Traum nach individuellem Glück hinterherzujagen. Menschen fingen an, wie gestapelt zu leben – übereinander, dicht gedrängt, eng beisammen. Hätte es keine Parks gegeben, wären sich vermutlich all die Pariser, all die Londoner, all die Berliner in der Gründerzeit an die Gurgel gesprungen (oder mindestens: auf die Füße getreten). Parks waren ein willkommenes Ventil für jene, die sich die Fahrt in die Außenbezirke und Wälder nicht leisten konnten und dennoch ein wenig durchatmen wollten.  

So wie Franz Kafka. Der Dichter lief gerne aus seiner Prager Wohnung in die Stadtparks, um Menschen zu beobachten und Briefe zu schreiben. Ein besonders schönes Exemplar hat er am 17. Juni 1914 an Grete Bloch verschickt. Darin heißt es: „Liebes Fräulein Grete, nur paar Zeilen, in einem schönen Park geschrieben, das Rauschen eines Springbrunnens und den friedlichen Lärm der Kinder im Ohr. (...) Mein Kopf, der nun vier Nächte – es war schon viel besser – fast keinen Schlaf bekommen hat, beruhigt sich ein wenig.“ Man kann es leise lesen: Für Kafka war der Park ein Refugium der Ruhe, wo er „den Sinn für die Vergnügungen ganz alter Ehepaare, für den Blick über Rasenflächen, das Stillsitzen in der Abendsonne, das Beobachten von Spatzen“ prüfen und schulen konnte. In voller werdenden Städten klingen diese Sätze wie Fragmente einer untergegangenen Zeit.

Während Corona waren die Parks ein wichtiger Entschleunigungsfaktor, um durchzuatmen. 
Foto: Markus Waechter

Wem gehört der Park?

Der Park hat im Jahr 2020 seine Funktion radikal gewandelt. Gerade in Berlin. Freilich dient der Park auch hier, auch in Zeiten der Pandemie, als Ventil für den überforderten Großstädter, doch in einem völlig neuen und reformierten Sinne. Während der ersten Lockdown-Phase im März 2020 war der Stadtpark die einzige Möglichkeit, um sich Austritt aus der kleinen Wohnung zu verschaffen. Der Park wurde gleichgesetzt mit Frischluft, Bewegung, Platz und ein bisschen Normalität. Und trotzdem war er – auch – ein Experimentierfeld. Wie nah durfte man sich kommen? War das kurze Vorbeihuschen schon eine virologische Gefahr? Die Berliner übten im Park den pandemischen Umgang miteinander, beisammen und doch voneinander entfernt.

Als der Sommer kam, sah sich der Park erneut einem Bedeutungswandel ausgesetzt, der so schleichend vonstatten ging, dass man gar nicht bemerken konnte, dass sich der Park vom Jogging-, Ruhe- und Picknick-Areal zu einem Zwitterwesen wandelte, der heute eine Vielzahl unterschiedlicher Funktionen erfüllt. Wenn man jetzt in einen der Parks im Zentrum der Stadt spaziert, zum Beispiel in den Gleisdreieckpark oder in die Hasenheide, wird man schnell bemerken, dass sich dort unterschiedlichste Gruppen versammeln, um ihn für ihre eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Um den Park ist ein Streit entbrannt, ein Streit um die Deutungshoheit, wofür er da ist – und für wen. Oder als Frage formuliert: Wem gehört der Park eigentlich wirklich? 

Ein voller Kiosk im Berliner Park Hasenheide zu Corona-Zeiten.
Foto: Foto: imago images/Henning Angerer

Der Park als letzte Schutzzone vor dem virologischen Regelwerk

Im Viktoriapark zum Beispiel kann man um Punkt 18 Uhr jeden Abend Gymnastik-Enthusiasten dabei beobachten, wie sie, des Fitnessstudios beraubt, ihre allabendlichen Übungen verrichten und durch Krächz-, Spring-, Turn- und Handstandübungen leidvoll versuchen, ein wenig Normalität in ihren Alltag zu bringen. Der französische Soziologe und Philosoph Jean Baudrillard hat einmal gesagt, man könne den Zustand des überdrehten Kapitalismus anhand der Anzahl von Joggern im Park ermessen. Was hätte er wohl über die jüngste Flut an Zirkel-, Yoga- oder Capoeira-Runden gesagt? Wie hätte er die Gymnastiklehrer bewertet, die mit dicken Boxen in den Parks für neue Rhythmen sorgen und ihren Kunden die Lockdown-Bäuche im Drill wegtrainieren wollen? An Berliner Parks jedenfalls hätte er seine helle Freunde gehabt. 

Aber es herrscht ja Ausnahmezustand, insofern gelten andere Regeln im Park. Nach 20 Uhr leeren sich die Wiesen, die Yoga-Begeisterten trotten nach Hause und werden durch neue Besucher ersetzt. Es sind vor allem Partyfreunde und die Wiesel der Nacht. Besonders auffällig ist der Schichtwechsel, der sich nach Anbruch der Dunkelheit vollzieht: Dann nämlich kommt eine Gruppe an Leuten, die in den vergangenen Wochen landesweit für Schlagzeilen sorgte. Gemeint sind all die Berliner Nachtschwärmer, die im Schutz der Dunkelheit in den Parks tanzend und trinkend Dampf ablassen und die Abstands- und Hygieneregeln bewusst brechen, die sich die Politik mühsam am Schreibtisch ausgedacht hat. Es sind die Raver und Partymacher, die den Park als letzte Schutzzone vor dem virologischen Regelwerk der Büroapparatschiks sehen. Es ist die subkulturelle Anti-Bourgeoisie, die in den Corona-Mahnern einen spießigen, hemdsärmeligen Geist der Elterngeneration vermutet. Der Rave im Park ist symbolhaft zum Protest gegen das maskentragende Establishment geworden.

Der Görlitzer Park noch vor Corona im Sommer 2018.
Foto: picture alliance/dpa/Bernd von Jutrczenka

Bloß keine Maskenpflicht

Der Berliner Stadtpark hat mit jenem Refugium, den Kafka als Entschleunigungsprogramm im Sinn hatte, nichts mehr zu tun. Im Gegenteil: Der Park ist ein Areal für ein Beschleunigungsprogramm geworden, für Rausch auf Speed. Der letzte Ort, wo sich der mythisierte, vielfach stilisierte „Berliner Sommer“ noch echt, noch sexy, noch lebendig anfühlt. Wer nachts durch die Parks läuft, kann an den Eingängen schon die Bässe fühlen, den Rausch der Nacht erahnen, den Duft des Alkohols riechen. Der Sound des Parks ist jetzt der Elektrobeat, nicht das Schreien der Krähe.

Die Utensilien der Stunde sind: Handytaschenlampe, tragbarer Lautsprecher, vorgemixter Sangria vom Discounter. Ob Gleisdreick- oder Viktoriapark – wer sich am Wochenende auf die Pirsch macht, stößt in den dunkelsten Ecken der Berliner Stadtparks auf Heranwachsende, die Grünflächen zu Bühnen ihrer Subkultur erklären – einer Subkultur, die sich kriminalisiert, indem sie einen prekären, virologisch bedenklichen Widerstand erprobt, um das Recht auf Jugend, das Recht auf Freiheit einzufordern. Der letzte Kick dabei ist der geteilte Schluck aus der Flasche, der herumgereichte Joint. Auch ein bisschen Poesie ist dabei. Und nach dem dritten Wodka-Mate flüstert man sich dann leise ins Ohr: „Corona, what!?“

Was wir als Erwachsene mitbekommen, sind die Schlagzeilen in den Lokalmedien am Morgen danach. Anwohner beschweren sich im Gleisdreieckpark etwa nach jedem Sonnenaufgang, dass sich dort Müllberge türmen und Bierflaschenscherben über die Anlagen verteilen. Es sind versteckte Minen des Protests, Zeichen einer renitenten Jugendkultur, die mit dem Regelwerk der Erwachsenen nicht einverstanden ist. Corona hin oder her: In den 90er-Jahren haben sich Punks Straßenschlachten mit der Polizei im Tompkins Square Park geliefert. In den Nuller-Jahren versteckte sich die Schwulenszene im Tiergarten, um im Schutz der Bäume der Liebe zu frönen. Heute ist die Protestkultur subtiler geworden, musikalischer. Sie inszeniert sich als basslastiges Versteckspiel vor der Wirklichkeit im Park.