Bochum - Ein Spaziergang im Spätsommer, vom ländlichen in den städtischen Raum: Am Morgen hat es geregnet. Der Wald duftet jetzt modrig, nach nassem Boden und feuchtem Holz. Vom Feld weht Heugeruch herüber, der Fluss verströmt ein ganz anderes Aroma als gestern. Und diese lila Blüten geben betörend süßliche Düfte ab. 

In der Stadt registriert die Nase alle paar Meter neue Atmosphären: Aus dem japanischen Imbiss kommt ein Geruch von Fisch und Algen, die Dönerbude riecht nach Fett, die Kfz-Werkstatt nach Öl und Gummi, der Park nach Grillfeuer. Die Nase kartografiert den Raum, erstellt eine ganz eigene Topografie. Wer nicht riechen kann, fällt aus der Welt. Einen Sinn wiederzuentdecken, der oft im Unbewussten agiert, das ist eine Erfahrung, die viele Menschen machen, die eine Infektion des neuen Corona-Virus überstehen – so wie ich es tat.

Am Anfang war vieles unbekannt

Anfang des Jahres habe ich die Mutter einer Freundin getroffen. Sie hatte Corona, wie man so sagt, monatelang konnte sie nichts riechen. Nur ganz langsam kam der Sinn zurück. Starke Düfte wie den von Kaffee oder Lavendel nahm sie wahr, aber viele andere gar nicht. Ich selbst konnte während meiner Erkrankung im Frühjahr nur eine gute Woche nichts riechen und kaum schmecken. Ich hatte Glück.

Ich bemerkte es morgens im Bad: Das eigentlich intensive Deo roch nicht mehr. War es leer? Nein, die Flasche noch gut gefüllt. Google spuckte zum Stichwort „Geruchsausfall“ einen Artikel aus dem Ärzteblatt von 2014 aus – Geruchsausfälle würden besonders häufig von Corona-Viren ausgelöst. Dann erste Erkenntnisse aus der Infektions-Hochburg Heinsberg: Die dort an Covid-19 erkrankten Menschen litten besonders oft an Geruchs- und Geschmacksaufällen.

Ich hatte mir also ein Corona-Virus eingefangen, möglicherweise sogar das neuartige. Es war März, die Politik hatte sich gerade zu harten Maßnahmen zur Virus-Eindämmung entschlossen, vieles war noch unbekannt. Panik stieg auf: Wen hatte ich in den vergangenen Tagen getroffen? Hatte ich Menschen angesteckt, Infektionsketten ausgelöst, die die Risikogruppe erreichten? Würde ich quasi schuld sein am Tod von Menschen? Könnte ich selbst schwer erkranken, daran sterben?

Das Wittern des wilden Tieres

Ein Wust aus Medien-Meldungen – Studienergebnisse, Meinungen, Vermutungen – gingen mir während der Erkrankungserschöpfung durch den Kopf. Ein Schluck Ingwertee. War da nicht ein Rasseln beim Atmen? Ein Löffel Gemüsesuppe. War da nicht ein Stechen in der Lunge? Es blieb bei Fieber, Erschöpfung und Geruchsausfall, zum Glück. Ich überstand die Infektion relativ glücklich. Am stärksten hat mich der Geruchsausfall beschäftigt – und mein Verhältnis zur Umwelt, das sich durch die Infektion neu sortiert hat.

Foto: Parsley
Der Autor

Max Florian Kühlem, geboren 1979 in Bergneustadt, studierte Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Soziologie und Politikwissenschaft in Bochum und ist in Nordrhein-Westfalen als freier Kulturjournalist, Autor und Songwriter aktiv.

Der Philosoph Hans-Georg Gadamer schreibt in seinem Band „Über die Verborgenheit der Gesundheit“, die Gesundheit sei „eben überhaupt nicht ein Sich-Fühlen, sondern ist ‚Da-Sein‘, ‚In-der-Welt-Sein‘, ‚Mit-den-Menschen-Sein‘“. Er bezieht sich mit dieser Beschreibung auf den Psychologen Wolfgang Blankenburg, der für den Zustand der Gesundheit den Ausdruck „es ist da“ geprägt hat: „Jedenfalls bleibt hier der entscheidende Punkt, dass in diesem ‚es ist da‘ der Mensch in seinem Weggegebensein, seiner Geöffnetheit und Offenheit, seiner geistigen Empfänglichkeit für alles, was immer es sei, mit da ist“, schreibt Gadamer. „Die Griechen hatten dafür das Wort Nus. Dies Wort bezeichnet ursprünglich das Wittern des wilden Tieres, wenn es nichts anderes spürt als ‚da ist etwas‘.“

Alles wird fad

Dieses Wittern des Tieres, einer der Haupt-Ermöglicher dieses „Da-Seins“, des „In-Der-Welt-Seins“ ist für viele Corona-Kranke also plötzlich nicht mehr da. Ein merkwürdiges Gefühl der Abgeschnittenheit entsteht. Die Welt da draußen vor dem Kopf gleicht mehr einem Film, der am passiven Betrachter vorbeizieht. Es fällt schwerer, ein Gefühl zu Ereignissen und vor allem zu Menschen zu entwickeln, wenn man sie nicht riechen kann. Nicht in erster Linie die Nase – alles fühlt sich taub an.

Diese Taubheit wirft den kranken Menschen auf sich selber zurück. Er kramt in Erinnerungen: An die Verfilmung von Hape Kerkelings Autobiografie „Der Junge muss an die frische Luft“, in der die Depressionen der Mutter, ihre Unfähigkeit zu leben, auch deshalb größer werden, weil sie ihren Geruchssinn verliert, ihr alles fad und gleich wird. An die Erkenntnisse des Riechprofessors Hanns Hatt, der die Wirkung von Düften auf die menschliche Psyche erforscht: Weihrauch und Myrrhe, sagt er, wirkten entspannend und angstlösend, Orangenöl schlaffördernd. Was wird aus der menschlichen Psyche, wenn keine Informationen der Duftrezeptoren mehr zu ihr dringen? Ich weiß es, ich habe es erlebt: Die Psyche gerät aus dem Gleichgewicht.

Der Philosoph Gadamer schreibt, das Geheimnis der Gesundheit liege in einer verborgenen Harmonie. Die Geborgenheit in diesem Leben, in dieser Welt bedeute: „Wir sind selber Natur, und es ist Natur in uns, die mit dem abwehrbereiten, in sich gefügten organischen System unseres Leibes zugleich unser ‚inneres‘ Gleichgewicht zu halten weiß. So sollten wir nie vergessen, dass der Kranke wie der Arzt sich miteinander darin vereinigen, der Natur die Ehre zu geben, wenn uns Heilung zuteil wird.“

Ein Querdenken, das seinen Namen verdient

Es deutet vieles darauf hin, dass es Sinn ergibt, die Pandemie nicht nur als Probe für unser Verhältnis zum Tod, sondern auch als Lehrstück über das Verhältnis des Menschen zur Natur zu betrachten: Der Ursprung von Seuchen wie auch des aktuellen Corona-Virus wird oft zurückgeführt auf grausame Massentierhaltung auf engstem Raum. Eine Zahl, die kürzlich die Runde machte, veranschaulicht dieses Problem: In Dänemark wurden 17 Millionen (!) Nerze getötet, weil sie eine Mutation des Corona-Virus in sich trugen. Die Menschen, die sich wegen der Ansteckungsgefahr nun am besten nicht mehr in engen Räumen treffen, treibt es seit dem Frühjahr nach draußen.

Sie kaufen Wander- und Radtouren-Führer, blühen auf in der Begegnung mit der Natur. Einige sagen oder fühlen: Sie finden dort zu sich selbst. Die Nase an eine Blüte haltend, die Duft verströmt. Und vielleicht reihen sie sich, sobald das wieder geht, ein in die Demonstrationen von „Fridays For Future“, die für ein besseres Verhältnis zur Natur, also letztlich zu uns selbst, eintreten. Dieser Schluss wäre Querdenken, das seinen Namen verdient.