Das kann jetzt wieder weg: Messelogo auf der Treppe in der Glashalle.
Foto: dpa/Jan Woitas

LeipzigJochen Mende ist kein Melancholiker. Er ist ein Realist. Der Geschäftsführer der Verlagsauslieferung ProLit versandte am Montag einen offenen Brief an den Oberbürgermeister Leipzigs, an die Geschäftsführer der Messe, den Börsenverein des deutschen Buchhandels und weitere Institutionen. Er forderte eine Absage der Leipziger Buchmesse für dieses Jahr. 

In dem Brief heißt es: „Die Risiken einer Durchführung der Messe – für die Unternehmen unserer Branche, unsere MitarbeiterInnen wie auch unsere KundInnen – halte ich für nicht mehr vertretbar.“ Durch eine schnelle Entscheidung würde „Branchenteilnehmern, die (noch) an den Vorbereitungen für die Buchmesse arbeiten, die damit zusammenhängenden weiteren Kosten erspart. Dies gilt in besonderem Maße für ausstellende Unternehmen wie auch die dienstleistenden Verlagsauslieferungen/ Zwischenbuchhändler.“

Michael Kretschmer: „Gesundheit geht vor“

Bei einem Telefonat am Dienstagmittag um zwölf Uhr hatte er noch keine Antwort erhalten, aber schon viel Zustimmung von Verlagen erfahren. Um 12.47 schickte die dpa die Eilmeldung raus: „Die Leipziger Buchmesse wird wegen der Ausbreitung des Coronavirus abgesagt.“

Die Nachrichtenagentur AFP zitierte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), der auf Twitter schreibt: „Gesundheit und Sicherheit gehen in diesem Fall ganz klar vor.“ Ziel sei es, die sächsische Bevölkerung zu schützen und eine Ausbreitung des Coronavirus so weit wie möglich einzudämmen und zu bekämpfen. Dafür gelte es, „konsequent, präventiv und verantwortungsbewusst zu handeln“.

Eröffnet werden sollte die Buchmesse – das zweitgrößte Treffen der Branche in Deutschland nach der Frankfurter Buchmesse im Oktober – am Mittwochabend der kommenden Woche. Im Gewandhaus sollte der ungarische Essayist László Földényi für sein Buch „Lob der Melancholie. Rätselhafte Botschaften“ den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2020 erhalten.

„Der melancholische Mensch kapituliert nicht, er hält den Blick auf das Unlösbare gerichtet und bringt so den ewigen Kern unserer Existenz zur Anschauung, das zutiefst Widersprüchliche“, urteilte die Jury. Doch nicht Melancholiker, sondern wegen der Ansteckungsgefahr durch Covid-19 besorgte Menschen kapitulierten nun vor dem Virus. Földényi wird den Preis nicht in diesem Rahmen annehmen können.

Die Entscheidung von Dienstagmittag mag vom jetzigen Zeitpunkt aus übervorsichtig wirken. Noch schätzt das Robert-Koch-Institut die Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland als mäßig ein, spricht aber global von einer „sehr ernst zu nehmenden Situation“. Und keiner weiß, wie viele Menschen sich in einer Woche bereits angesteckt haben.

Leipziger Buchmesse: 3700 mögliche Virenschleudern

Die Leipziger Buchmesse, die vom 12. bis 15. März stattfinden sollte, ist ein internationales Begegnungszentrum mit riesigem Publikumsverkehr. Wer schon einmal in den Hallen im Stadtteil Seehausen war, weiß, wie dicht der Besucherstrom zuweilen durch die Gänge zwischen den Verlagsständen zuckelt. Auch wer nur in den Ellbogen hustet, kann kaum Abstand halten.

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Rund 2500 Aussteller aus 51 Ländern hatten sich angemeldet. Im vergangenen Jahr kamen 286.000 Besucher auf das Messegelände und zu den Veranstaltungen in der Innenstadt im Rahmen von „Leipzig liest“. Geplant waren 3700 Veranstaltungen an 500 Leseorten, 3700 mögliche Virenschleudern also.

Bis Montag hatte erst ein japanischer Verlag seine Teilnahme für Leipzig zurückgezogen. Die Messeleitung sprach von Vorsichtsmaßnahmen wie erhöhter Reinigung etwa der Türen und Handläufe, eine „Taskforce“ war gebildet worden.

Traurige Aussichten für die Branche

Noch halten die Organisatoren der London Book Fair, die vom 10. bis 12. März stattfinden soll, an ihrer Planung fest, allerdings zogen sich  einige US-amerikanische Verlage bereits zurück. Auf der Internetseite heißt es, die Veranstalter würden auf entsprechende Anweisungen der britischen Behörden sofort reagieren. Die Kinderbuchmesse Bologna wurde von ihrem bisherigen Termin Ende März auf Anfang Mai verschoben. Der Salon du Livre in Paris, für Ende März angesetzt, fällt aus.

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Der Ausfall der Messe trifft vor allem die kleinen und unabhängigen Verlage hart, die auf die persönlichen Kontakte zu Lizenznehmern, Buchhändlern und Journalisten stärker angewiesen sind als die Konzernunternehmen. Der Ausfall trifft Leipzig als Messestandort ähnlich hart wie es Berlin nun mit der Internationalen Tourismusbörse erlebt.

Traurig ist das Ganze auch für die je fünf Autoren, die auf den Shortlists für das beste belletristische Werk, beste Sachbuch und die beste Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse stehen. Die Auszeichnungsfeier am Donnerstag gehört sonst zu den Höhepunkten des Branchentreffens. Die Vorjahrespreisträger Eva Ruth Wemme (Übersetzung), Anke Stelling (Belletristik) und Harald Jähner (Sachbuch) bekamen neben Geld auch viel Aufmerksamkeit.