Regisseur Franz von Strolchen hat in Luzern die Theaterserie „Taylor AG“ entworfen, die in mehreren Staffeln à 30 Folgen aufgeführt wird. Derzeit nur online.
Bild: Luzerner Theater/Ingo Hoehn

BerlinEs gibt Theater, die verfügen doch über den 7. Sinn. Oder war es der Zufall, dass kurz vor der schmerzlichen Theaterschließung vergangene Woche im DT noch die Premiere des berühmten Geschichten-Zyklus aus dem Geist der Pest-Flucht „Decamerone“ über die Bühne ging? Jedenfalls konnte das Setting aktueller kaum sein. Heute ist es das HAU, dessen Festival „Spy on me“ dem plötzlich wichtigsten Kulturraum dieser Welt – dem Internet – einen kreativ-kritischen Spiegel vorhält.

Home Office und Kultur-Streaming sind ja die Worte der Stunde, wobei deren klimakillender Energiefraß und datenverschleudernde Bedenklichkeit erstaunlicherweise schnell mal vergessen wird. Und was ist eigentlich dieses Theater-Streaming? Bisher nicht viel mehr als dürftige Abfilmungen genuin analoger Inszenierungen, die einfach online abrufbar sind. Ein Blick auf die schnell aus ihren Videoarchiven zusammengetackerten Online-Spielpläne der Theater, die das Portal nachtkritik.de verdienstvollerweise einmal gebündelt hat, zeigt das unumwunden. Vor allem gut gesponserte Opernhäuser von New York bis München preisen da ihre Verdi-, Donizetti-Kinoproduktionen an, in denen man Sänger- und Pultstars bewundern kann, sofern einem Dolby-Digital-Konservenmusik reicht.

Studienbehelf

Wo aber nicht zuerst der Kommerzeffekt zählt, sondern sperriges, komplexes Bühnengeschehen sein Unwesen treibt, im Sprechtheater also, dienen Videostreamings, wenn überhaupt vorhanden, allenfalls als grober Studienbehelf. Extreminteressierte können auch das an einsamen Quarantäne-Nachmittagen in der auch theatergeschichtlich schürfenden Nachtkritik-Linkliste nachklicken. Eine Verlusterfahrung eigener Art. Gerade deshalb wird dieser Frühling 2020 zweifellos als Meilenstein der Digitalentwicklung auch der analogsten Kunst in die Kulturgeschichte eingehen. Die nächste Pandemie kommt bestimmt!

Dass Theater auch fürs Streamen tatsächlich mal interessant werden kann, sofern es den PC als Produktions- und Rezeptionsmittel von Beginn an mitdenkt und eine eigene Hybrid-Kunst daraus entwickelt, deutet das Theater Luzern zumindest schon an. Regisseur Franz von Strolchen hat dort die Theaterserie „Taylor AG“ entworfen, die in mehreren Staffeln à 30 Folgen von Menschen der Zukunft handelt, die ihre Arbeit längst an die KI abgegeben haben, aber einmal im Jahr noch zusammenkommen müssen, um eine eigene, neue Idee zu entwickeln.

Menschen treffen Menschen

Schaffen sie das? Seit gestern läuft die vierte Staffel über die Theaterwebsite, wo Tag für Tag eine neue Folge abrufbar ist. Schönes Experiment, das auch gleich zum HAU überleitet, wo heute um 19 Uhr das Kernprogramm des erwähnten „Spy on me“-Festivals beginnt, das eigentlich im HAU2 stattfinden sollte, nun aber über den HAU-eigenen Youtube-Kanal sendet. Der KI-Forscher James Bridle wird einen Eröffnungsvortrag halten und unter anderem wird das künstlerische Thesen-Labor dgtl_fmnsm experimentelle Videoscreenings zeigen und „Talks“ führen. Es wird um neue Intelligenzen gehen und alte Machtstrukturen, wobei die kritisch-technikfreudigen Performer-Aktivisten die digitale Gegenwart in neue Nutzernischen führen. Ein Kreativschub in öder Zeit.

Spy on me: hebbel-am-ufer.de/spy-on-me-2/

Streaming-Liste: nachtkritik.de

Taylor-AG: luzernertheater.ch/taylorag