Pater Daniel (Bartosz Bielenia) weiß, wie er seine Gemeinde in Verzückung versetzt.
Foto: Bodega Films

BerlinAls „Corpus Christi“ vor wenigen Tagen mit elf von fünfzehn möglichen polnischen Filmpreisen Orzeł (Adler) ausgezeichnet wurde, war das nur der Höhepunkt einer internationalen Erfolgsgeschichte. Seit seiner Uraufführung während der Filmfestspiele in Venedig im vergangenen September lief Jan Komasas Werk auf mehr als sechzig Festivals weltweit, wurde für den Auslandsoscar nominiert und in über fünfzig Länder verkauft – auch nach Deutschland, wo der Start vor der Coronakrise für Frühsommer 2020 angekündigt war. 

Offene Wunden

Neben den Ehrungen der Fachjurys – unter anderem als bester Film, für die beste Regie und die besten Darsteller – erhielt „Corpus Christi“ auch den Publikumspreis. Ein Indiz dafür, dass Komasa und sein Team bei den polnischen Zuschauern einen Nerv getroffen, vielleicht sogar dazu beigetragen haben, offene Wunden zum Heilen zu bringen. Die Hauptfigur Daniel ist ein „falscher“ Priester, keiner von jenen „echten“ katholischen Würdenträgern, die wie in Wojciech Smarzowskis viel diskutiertem vorjährigem Erfolgsfilm „Klerus“ alkoholsüchtig sind und Kinder missbrauchen. Als Gegenentwurf dazu versieht Daniel seinen Dienst ohne Arg, unorthodox und verantwortungsvoll, sehr nahe an denen, die seiner Hilfe und seines Trostes bedürfen.

Quelle: YouTube

Wer, so fragt der Film auf eher leise Art, darf im Namen Gottes sprechen? Nur ein Vertreter der ebenso tradierten wie arg erstarrten Institution Kirche? Oder nicht auch derjenige, der zwar keine Ausbildung hat, aber dennoch durch Worte und Taten Gutes für die Menschen tut?  Zu Beginn sitzt der 20-jährige Daniel hinter Gittern. Warum er in Jugendhaft ist, weiß man nicht genau, es könnte Rowdytum gewesen sein. Er dient dem Gefängnispater als Messdiener, schnappt dabei die eine oder andere Gebetsformel auf, findet Gefallen an den Predigten, will nach der Haft schließlich selbst in ein Seminar eintreten. Doch Männer wie er, so erfährt er, haben keine Chance, Geistliche zu werden.

Bewährung in der Provinz

Als er zur Bewährung in ein ostpolnisches Provinznest geschickt wird, hat er eine geklaute Kutte bei sich. Und dort, in dem fremden Dorf, gibt er sich instinktiv als neuer Priester aus, als der alte plötzlich erkrankt. Bartosz Bielenia versieht diesen Daniel nicht mit der Aura einer Heiligenfigur: Sein wie gemeißelter Schädel und der drahtige Körper weisen ihn vielmehr als jemanden aus, der schon härteste Prüfungen aushalten musste. In der ersten Szene sieht man ihn als Aufpasser bei einer Gefängnisprügelei; und auch später, gleich nach der Entlassung, gibt er seinem Affen Zucker, als er das Leben erst einmal in vollen Zügen genießt. Diese Ambivalenz, das Changieren zwischen Stille und Schrei macht die Figur reich und ihre Geschichte unvorhersehbar.

So ist „Corpus Christi“ voller Geheimnisse und Lügen. Der Kritiker der Los Angeles Times attestierte ihm eine „quälende Spannung, in der die ständige Möglichkeit des Untergangs mitschwingt, eine Ahnung, dass jederzeit alles passieren kann, um Chaos und Ruin hervorzurufen“. Natürlich bedient der Film auch Kinokonventionen. Auf dem Dorf begegnet Daniel einer jungen Frau, in die er sich verliebt; eine Liebe, die es nicht geben darf. Und um Daniels seelische Heilkunst zu belegen, kommt ein Unglück ins Spiel, das tiefe Schatten auf die Gemeinde wirft: Bei einer Autokollision, die ein junger Mann aus dem Dorf verschuldete, kam ein halbes Dutzend Gleichaltriger ums Leben. Daniel versucht mit seinen Mitteln, die von Wut, Ausgrenzung und Rachegedanken geprägte Atmosphäre zu befrieden. Dass er, wenn er die Beichte abnimmt, heimlich aufs Handy schaut, um die der Vorschrift entsprechenden Worte zu finden, sorgt dabei sogar für unerwartet heitere Momente.

Blut und Tränen

„Corpus Christi“ endet offen. Kein Eiapopeia vom Himmel, sondern Blut und Tränen. Alte Bedingungen, alte Muster: Auch Daniel, der von einem ehemaligen Mithäftling entdeckt wird, ist vom Rückfall in die Finsternis nicht gefeit. Jan Komasa drehte mit „Corpus Christi“ erst seinen dritten langen Kinofilm. Sein Debüt „Suicide Room“ aus dem Jahre 2011, über die Flucht eines Jungen aus der realen in die virtuelle Welt, war seinerzeit ein Überraschungserfolg im Panorama der Berlinale. Das Kriegsepos „Warschau 44“ von 2014 geriet zur eher fragwürdigen Pop-Rekonstruktion des Warschauer Aufstands. Mit „Corpus Christi“ gelang Komasa nun eine differenzierte philosophische Studie, die moralisch-ethische Fragen unserer Gegenwart auf erregende Weise bündelt