Bartosz Bielenia als Daniel in einer Szene des Films „Corpus Christi“. Der Film kommt am 3. September in die deutschen Kinos.
Foto: Arsenal Filmverleih/dpa/cse/sab

BerlinSchon der Beginn dieses Films ist wie ein Schlag ins Gesicht: Der 20-jährige Daniel (Bartosz Bielenia) sitzt im Jungendknast und sägt in einer Werkstatt an einem Stück Holz. Als der Aufseher kurz den Raum verlässt, packen ein paar Jungs einen anderen Mithäftling am Hals, werfen ihn auf einen Holztisch, ziehen ihm die Hose herunter und vergewaltigen ihn. Diese Welt, aus der Daniel stammt, ist roh, kalt und brutal.

Der fantastische, 2019 für den Auslandsoscar nominierte Film „Corpus Christi“ (im Original: „Boze Cialo“) des polnischen Regisseurs Jan Komasa erzählt die Geschichte einer Läuterung. Aber er erzählt auch, wie intolerant die Gesellschaft jenen gegenüber ist, die sich verändern, bessern, aus alten Mustern herausbrechen wollen. Daniel, der hagere, gut trainierte Protagonist mit Marien-Tattoo auf dem Rücken, will eigentlich nach seiner Knastentlassung Priester werden.

Er will die Gewalt hinter sich lassen und ein guter Mensch werden. Pfarrer Tomasz (Lukasz Simlat), der Gefängnis-Geistliche, inspiriert ihn zu dieser Wahl. Mit unkonventionellen Methoden, Schrei-Seminaren, direkt ins Herz gehenden Predigten gibt er den Häftlingen Mut. Doch schon bald zeigt sich die Härte der Gesellschaft: „Ich habe es dir schon 1000 Mal gesagt“, ermahnt der Priester seinen Schützling, „Männer mit Vorstrafen werden im Priesterseminar nicht angenommen. Du musst dir etwas anderes überlegen.“

Manchmal reicht ein Lächeln nicht aus

Nach seiner Entlassung sieht sich Daniel mit einem Leben ohne Perspektive konfrontiert. Damit er nicht ganz ohne Arbeit bleibt, wird er in ein Sägewerk in den Süden Polens geschickt, in die Nähe eines kleinen Dorfes in Podkarpacie. Zufällig findet er Zuflucht im Pfarrershaus einer Dorfkirche. Schicksalhaft wird er für einen Geistlichen gehalten, der nur einen kurzen Reisestopp einlegen will. Das Timing stimmt, denn der alte Dorfpfarrer muss wegen eines Alkoholproblems auf Entzug und bittet den jungen Unbekannten, die Kirchengeschäfte zu übernehmen: Messen halten, Beerdigungen organisieren, den Dorffrieden wahren.

Was wie der Beginn einer Verwechslungskomödie klingt, ist in Wahrheit ein Drama um all die Probleme, die die Welt aktuell zu bewältigen hat: Hass, Missgunst, Neid und Misstrauen in polarisierten Gesellschaften. Daniel nimmt die Aufgabe dankend an. Er darf nicht nur endlich seine spirituelle Erfüllung als Geistlicher finden, sondern auch eine Postion annehmen, in der die Menschen ihn ernst nehmen, zu ihm aufschauen und seinen Rat suchen.

Bartosz Bielenia als Daniel in einer Szene des Films „Corpus Christi“
Foto: Arsenal Filmverleih/dpa/cse/sab

Binnen kürzerster Zeit begeistert Daniel die Herzen der Gemeinde. Dabei hat er viel von Priester Tomasz gelernt. Er hält spontane Reden, statt Predigten. Nach der Beichte verteilt er keine Strafen, sondern gute Ratschläge. Er spielt mit den Kindern Fußball, statt sie zu ermahnen, und raucht mit den Jugendlichen Joints. Doch auch der heimliche Ex-Knasti merkt, dass ein gutes Lächeln nicht immer ausreicht, um tief sitzende Probleme zu lösen. Das Dorf hat ein dunkles Geheimnis, mit dem er sich schon bald auseinandersetzen muss.

Die Unfähigkeit, sich ins Gesicht zu blicken

Auf der Landstraße hängen die Bilder von sechs Jugendlichen mit Trauerflor. Vor einem Jahr, erfährt Daniel, sind die Schüler bei einem Frontalaufprall auf der Landstraße ums Leben gekommen. Der Fahrer des anderen Autos ist auf der Tafel nicht zu sehen – er gilt als der Schuldige. Ihm wird angelastet, betrunken gewesen zu sein. Seine Frau, die Witwe, zieht den ganzen Hass der Dorfgemeinde auf sich. Sie wird als Hure beschimpft und darf ihren Ehemann nicht begraben. Aber wie sieht die Wahrheit wirklich aus?

Während dieses fantastischen Dramas (Drehbuch: Mateusz Pacewicz) verdichten sich die Konflikte zu einer Spurensuche über die Frage, was gut, was böse, was Vergebung und was Vergeltung bedeutet. Regisseur Komasa hat einen inhaltlich hoch komplexen Film gedreht, der sich trotz seiner thematischen Schwere immer leicht anfühlt. Herausragend dabei das Schauspiel von Bartosz Bielenia, der den jungen Priester in all seiner Brüchigkeit, Gutmütigkeit und Verzweiflung unfassbar nuancenreich darstellt. Seine tief meeresblauen Augen wird man so schnell nicht vergessen.

Der Film ist eine Parabel auf die Unfähigkeit, dem Feind ins Gesicht zu sehen. Obwohl man die Dorfkonflikte auf die Probleme in der polnischen Gesellschaft beziehen könnte, ist dieses Werk kein politisches Drama. Komasa geht poetisch vor, lässt Raum für Interpretationen und benutzt die verschlafene, verträumte, mystische Dichte der südpolnischen Wälder, um die Geister nur anzudeuten, die er wecken will. „Corpus Christi“ ist ein Meisterwerk, das großartig erzählt, warum die Menschen es verlernt haben, sich gegenseitig in die Augen zu blicken. Ein Film für die Gegenwart.

„Corpus Christi“, ab 3.9. im Kino, 116 Min., R.: Jan Komasa, D.: Bartosz Bielenia u.a.