Sveta Kundish und Daniel Kahn: aus dem Video Mentshn-Fresser.
Foto: Yeva Lapsker

Berlin„Mentshn-Fresser“. Das Lied mit diesem Titel ist mehr als 100 Jahre alt. Geschrieben hat es 1916 Solomon Smulewitz, im 19. Jahrhundert als Sohn eines Kantors in Minsk geboren, aber damals lebte er schon in den USA. Er schrieb und sang  für das Jiddische Theater, zog mit seinen selbst komponierten Liedern durch die Lande. Auf Hochzeiten, wo er auch auftrat,  wird er sein düsteres „Mentshn-Fresser“ nicht gesungen haben.

In dem Lied geht es um Bazillen und Mikroben, die die Innereien ihrer Opfer vergiften, das Mark aus ihren Knochen saugen, es geht um Polio und Tuberkulose, die Pandemien der damaligen Zeit. Und um den anderen großen Menschenfresser, den Krieg. „In di lungen tif bagrobn woynt die blase pest – in den Lungen tief begraben wohnt die blasse Pest“, sang damals Solomon Smulewitz und singen jetzt Sveta Kundish und Daniel Kahn. Denn auf verschlungenen Wegen hat das alte Lied seinen Weg nach Berlin gefunden, wo der aus den USA stammende Kahn und die in der Ukraine geborene Kundish seit einigen Jahren zu Hause sind.  Sie und ein paar weitere Musiker aus der jiddischen Community hier haben es als  Lied der Stunde begriffen, als Corona-Ode.

Das von Yeva Lapsker in Schwarz-Weiß gedrehte Musikvideo steht auf YouTube, Drehort war ein malerisch verfallener Gutshof in Brandenburg, den sie zufällig entdeckt haben. „Mikrobn batsiln wos wilt ir – Mikroben, Bazillen, was wollt ihr“, singen Sveta Kundish und Daniel Kahn, nachdem sie sich mit einer entschlossenen Geste die schwarzen Masken vom Mund gerissen haben. Am Ende tanzen die beiden zum walzerähnlichen Rhythmus des Stücks eine Art "danse macabre", zusammengehalten nur, indem beide das jeweils andere Ende einer Maske halten, die Musiker begleiten sie unter Einhaltung der Abstandsregeln. Das ergibt eine beeindruckende Corona-Choreographie. Aber vor allem ist "Mentshn-Fresser" ein bewegendes Lebenszeichen aus der Shtetl-Neukölln-Szene.