Cranach-Schau in Gotha: Propagandist der Reformation

Berlin - Die Anmut so groß, das Gesicht so rein, der Blick so keusch wie mitleidlos kalt. Und das Schwert so blank – bis auf die Spur von Blut an Schneide und Rinne.

„Judith mit dem Kopf des Holofernes“ ist gekleidet wie eine (sächsische) Fürstin. Am samtenen Barett trägt die Alabasterhäutige den silbernen (böhmischen) „Joachimsthaler“, Verweis auf die Türken-Kriege. Lucas Cranach der Ältere (1472–1553) malte die biblische Jungwitwe im Jahr 1526. Das Bild gehört heute der Gemäldegalerie Kassel. Trotz – oder gerade wegen – der blutigen Tat war Judith laut Altem Testament und auch im neuen Verständnis der Lutherischen Übersetzung, Sinnbild der Tugend, des Mutes, der Selbstlosigkeit, das jüdische Volk vom Tyrannen zu befreien. Auch darf sie als Schutzpatronin des protestantischen Schmalkaldischen Bundes gedeutet werden.

Keine Heldinnen-Legende, außer vielleicht die der Jeanne ’d Arc, hat die Fantasie der Künstler derart beflügelt. Die des Altmeisters Cranach ganz besonders. Er hat Judith auf Lindenholz und als Halbfigur nach vollbrachter Tat dargestellt. Der großlinige, klare Bildaufbau, das tiefleuchtende Kolorit, die fein vertriebene, aber unmanierierte Malweise, das ist schon das, was man mit dem Schaffen von Cranach, Vater wie Sohn, verbindet. Erleben kann man dies derzeit in Thüringen, ab Sommer auch in Sachsen-Anhalt, den Luther- und Cranach-Ländern. Thüringen feiert das Werk von Vater und Sohn mit drei Ausstellungen: auf der Wartburg, in Weimar, in Gotha.

„Die Erde kreist um die Sonne“

Im Herzoglichem Museum, einen Steinwurf vom Gothaer Schloss Friedenstein entfernt, ist Cranach d. Ä. als Maler der Reformation, ja, als dessen Propagandist zu erleben. Von hier stammte des alten Meisters Gemahlin Barbara. Cranach in Thüringen, im Dienste von Hof, Humanismus und Reformation – das ist der Leitfaden gerade dieser Schau mit Leihgaben aus der ganzen Welt.

Und wie die (deutsche) Welt damals war, das wird am Beginn des Rundgangs auf einer Schrift-Bild-Inszenierung deutlich: Bevor es zur Reformation, Luthers Bibel-Übersetzung ins Deutsche und etwas Aufklärung kam, lebten im Reich zehn Millionen Menschen, 90 Prozent davon waren Analphabeten, und nur jeder Fünfte lebte in Städten. Bildung lag also noch ganz bei Bilderbögen und Altären.

Zwei deutsche Renaissancemaler änderten das, waren sich stilistisch nahe in der Perspektive, den verfeinerten Proportionen, prägnantester Mimik und Gestik, fast schon fotografisch: Albrecht Dürer aus Nürnberg und Lucas Cranach entdeckten das Menschenbild neu individuell, einzigartig und weitab aller weltentrückter Posen. Die alte Welt veränderte sich: Kolumbus hatte die Neue Welt entdeckt, Magellan den Globus umsegelt. Und Kopernikus konnte, ohne die Inquisition zu fürchten, sagen: „Die Erde kreist um die Sonne.“

In Gotha steht man gleich am Eingang der Schau vor Cranachs „Selbst“ von 1531: der Meister, auf dessen Grabstein auf dem Weimarer Jacobsfriedhof steht, er sei der „schnellste Maler der Welt“ gewesen, ist zu dieser Zeit mittleren Alters, bärtig, kräftig, ernst blickend, selbstbewusst. Er schaut leicht nach Links und so, dass die Augen den Betrachter verfolgen. Das war ein grandioser Kniff der Renaissancemalerei, von da Vinci mit der Mona Lisa vorgegeben.

Kunst im Diensten christlicher Belehrung

Sonst aber ist an Cranachs Malerei wenig von der damals angesagten italienischen Grandezza. Er bevorzugte die etwas schwermütigere, nordalpine Art, den Hell-dunkel-Kontrast. Und die Männer, die er malte, vom im Amte erfeisteten Luther bis zu seinen ernestinischen Gönnern, verfügen über raumverdrängende Körpermasse, allen voran Johann Friedrich, Kurfürst von Sachsen, genannt der Großmütige. Ihm war der alternde Cranach 1552 ins – protestantische – Thüringische Exil gefolgt, hatte schweren Herzens die fabrikmäßig florierende Werkstatt in Wittenberg dem ebenso produktiven Sohn überlassen, da sein Fürst ihn rief. Der hatte den Schmalkaldischen Krieg verloren, von Kaiser Karl verfemt und vom Papst gebannt.

Umso produktiver aber machte sein getreuer Hofmaler auch im Thüringischen Propaganda für Luthers Ideen und die Gesinnung seines Brotherrn. Dies bezeugt das Gemälde „Kurfürst Johann Friedrich im Kreis der Reformation“ (um 1538). Auch die Darstellung von Luthers Hochzeit mit der aus dem Kloster entflohenen Nonne Katharina von Bora liest sich als politisches Signal. Ätzend die Karikatur des Papstes als Antichrist. Das Blatt gehört zur kühnen Serie „Propaganda der fliegenden Blätter“ mit polemischen Drucken und Schriften. Cranach, Luthers Freund und Trauzeuge, hatte sich schon früh kreativ ins publizistische Gemenge um Kirche, Papst und Ablasshandel eingemischt.

Auch stellte er seine Kunst in den Dienst christlicher Belehrung: Bestes Beispiel ist im Ausstellungsbereich „Katholische Verdammnis und protestantische Erlösung“ die Tafel „Gesetz und Gnade“, 1529. Der Maler interpretiert mit Figur, Landschaft und Schrift Martin Luthers Auffassung von der Erlösung des Menschen allein durch Gnade der Vorstellung von der Verdammnis der Hölle. Und er malte damals zu diesem Schlüsselwerk der Luther’schen Rechtfertigungslehre noch eine weit versöhnlichere Variante ohne Schrift. Das Bild gehört der Nationalgalerie Prag. Erläuterungen zum Kern der Lutherischen Theologie kann der Besucher an einem Computerterminal abrufen.

Und unübertroffen malte Cranach d. Ä. das weibliche Wesen, ob Damen des Hofes oder biblisch-mythologische Heilige, Madonnen, die heutzutage noch Schulmädchen wären. Den keuschen Jungfrauen wie den listigen, diplomatischen (vor)feministischen Weibsbildern aus Aristokratie und Bürgertum an den Museumswänden gab er anmutige Körper mit Knospenbrüstchen – und dazu sinnliche sachsen-anhaltinische und thüringische Kugelbäuchlein.