Facebook ist over. Das ist längst kein Geheimnis mehr. Die Mutter aller sozialen Medien hat sich seit einigen Jahren zu einer staubigen Alles-Plattform für Baby-Boomer, Spät-Millennials und auch deren Großeltern entwickelt. Die bloße Erwähnung dieses Wortes – „Facebook“ – wirkt inzwischen wie rührselige Camp-Ästhetik. Etwa wie das Wort „Modem“, kurz nachdem der Apparat, den es bezeichnete, überflüssig wurde. Facebooks Erwähnung spült aber auch ein wenig verzückte Nullerjahre-Nostalgie in mir an die Oberfläche. Erinnerungen an eine Zeit vor zehn oder 15 Jahren, als man dort tatsächlich noch Leute kennenlernte. Seitdem habe ich die App mehrmals von meinem Telefon gelöscht, manchmal auch gleich den ganzen Account deaktiviert.

Vollends lossagen kann ich mich aber noch nicht, irgendwann treibt es mich dann doch wieder auf die Seite zurück. Meistens, um meine notorisch vernachlässigte Messenger-Inbox zu checken. Manchmal auch, um Texte zu teilen. Oder, wenn auch immer seltener, um über meine Timeline noch etwas mitzubekommen – von jenen Leuten, von denen ich weiß, dass sie den Sprung auf Instagram, Twitter, LinkedIn oder sonst wohin einfach noch nicht geschafft haben.

In der Regel sind das Leute in ihren späten 30er- bis 60er-Jahren – ehemalige Professorinnen, alte wie neue Kollegen, Menschen, die ich seit meiner Jugendzeit kenne oder die ich früher mal in einer der dunkleren Ecken des Berghains getroffen habe. Mitunter sind auch verflossene Liebschaften dabei. Menschen, die meinen Alltag, wenn ich ganz ehrlich bin, nicht mehr wirklich beeinflussen – die Verbindung zu denen völlig zu kappen, ich aber auch noch nicht bereit bin.

Obsessive Diskussionskultur bei Facebook

Oft bereue ich meine kleinen Gelegenheitsabstecher zu Facebook im Nachhinein. Etwa, wenn mir Leute, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, ihren jüngsten Haarschnitt, ihren perfekten Sixpack, ihren positiven Corona-Test, ihre Verlobung oder ihren Geburtstag goutiert sehen möchten – in Form eines Post, einer Einladung, einer Push-Nachricht oder Story.

Oder mit Blick auf die Hunderten Freundschaftsanfragen, die sich in dem dafür vorgesehenen Folder angesammelt haben und die in der Regel von Menschen stammen, deren Online-Bekanntschaft anzunehmen auf mich in etwa so verlockend wirkt, wie die Vorstellung, mich beim Kauf einer Druckerpatrone in einem von Fluoreszenzlicht durchströmten Media Markt mit einer unbekannten Person zu unterhalten.

Inhalte, die ich auf Facebook teile, beschränken sich in der Regel auf Zeitungsartikel. Die Diskussionen, die sich in strittigen Fällen auf Posts in den Kommentarspalten meiner Timeline entzünden, wirken nicht selten obsessiv und von einem manischen Verständnisunwillen gezeichnet. Themen, die besonders zu Streit animieren, sind, wenig überraschend, Israel und Palästina, Rassismus und Antisemitismus, offene Briefe aller Art, und jüngst, für mich überraschend: ein New-York-Times-Artikel zur Intransparenz deutscher Großkonzerne über ihre NS-Verstrickung.

Hass anstatt Liebe

Nicht selten arten derartige Kommentarspalten-Diskussionen in regelrechte Briefwechsel aus, die – allein ihrer Länge und ihres gedanklichen Aufwandes nach zu urteilen – das Potenzial hätten, neben „Herzzeit“ von Paul Celan und Ingeborg Bachmann einen eigenen Suhrkamp-Band zu füllen. Mit dem einzigen Unterschied, dass es hier um hasserfüllte Sichtbarmachung wechselseitiger Unstimmigkeiten geht. Nicht um einen Gleichklang an lyrischer Verschränktheit.

Vom sozialen Chaos meiner Facebook-Messenger-Inbox will ich eigentlich gar nicht erst sprechen. Dort sammeln sich neben arbeitsbezogenen Anfragen, deren teils wilhelminischer Sound – „Sehr geehrter Herr […]“ – auf Social Media kaum unpassender erscheinen könnte, inzwischen teils sogar Pressemitteilungen von Leuten, die wohl denken, ich würde bereitwilliger auf Social-Media-Nachrichten reagieren als auf E-Mails (manchmal haben sie recht).

Auch sehr random klingende Nachrichten von Menschen, die ich zwar nicht kenne, dennoch aber mit einem vertraulich klingenden „Hey, wie geht’s?“ einsteigen, finden sich hier. Das interpretiere ich in der Regel entweder als ideenarmes Dating-Angebot oder schattenhaftes Pishing.

Instagram vs. Facebook vs. Twitter

Facebooks selbst erklärte Mission lautet, „eine Community aufzubauen und die Welt näher zusammenzubringen“. Der Kontrast zur Realität könnte inzwischen kaum größer sein. Für den Preis der Generalaufgabe meiner Privatsphäre, für den Preis, dass Facebook Wahlmanipulation, Spaltung und rechtes Trolling alltäglich gemacht und eine Kultur normalisiert hat, die laut UN sogar bei einem Ereignis wie dem Völkermord an den Rohingya in Myanmar eine „entscheidende Rolle“ spielte, würde ich mindestens einen Algorithmus erwarten, der Spaß bringt, beziehungsweise Sinn ergibt. Oder mich nicht wenigstens bei jedem dritten Bild genervt wegklicken lässt.

Leider hat die ästhetische – wie algorithmische – Facebook-isierung längst auch Instagram erreicht, die in Westeuropa wohl allgegenwärtigste aller Social-Media-Plattformen. Kein Wunder, werden Sie sagen, immerhin gehört sie Facebook. Ja. Aber als Instagram noch neu war, überzeugte die Plattform durch zahlreiche, Facebook gegenüber unähnliche, neuartige Möglichkeiten: Benutzerfreundlichkeit, Filter, slicke Rasterlayouts. Mit den Jahren begann sich hier eine Kultur minimalistischer Perfektion durchzusetzen.

Mithilfe von Hochglanzfiltern konnten selbst banalste Stillleben – eine Mohrrübe im Sand, ein umgefallener Verkehrskegel, ein Berliner Straßenschild – mit Hipness ästhetischer Verve versehen werden, als handle es sich bei der Person hinter dem Smartphone um eine erfahrene Profi-Fotografin. Unter Teenagern hat die Anziehungskraft der unbewegten Bilder allerdings längst abgenommen. Instagram lebt, in ästhetischer Mimesis an seinen wohl größten Konkurrenten TikTok, schon länger nicht mehr von Posts, sondern von Reels: wenige Sekunden lange Kurzvideos.

Wenn ich meinen Reels-Feed öffne, finde ich vor allem: Videos von Snowboardern, Skateboardern und Trampolin-Athleten. Woran das liegt? Ich weiß es nicht! Ich habe mich wirklich noch niemals sonderlich für Snowboarding, Skateboarding oder Trampolinspringen interessiert. Denkt Instagram etwa, weil ich Drake und Rihanna auf Instagram folge und ein Cis-Mann bin, dass mein bildästhetisches Mindset auf dem Level eines 17-jährigen Teenagers festhängt? Inzwischen ist die hübsche Verspieltheit des Mediums weitgehend verschwunden. Immer mehr Leute gestalten ihre Instagram-Accounts, als handle es sich um gewollt-professionelle Facebook-Kanäle. Auch die „Sehr geehrter […]“-Anfragen häufen sich auch auf Instagram. Je mehr Zeit ich mit der App verbringe, desto mehr sickert die Gewissheit durch, dass Instagram schon sehr bald der Facebook-haft schunkelnde Social-Media-Onkel sein könnte, mit dem sich auf Familienfeiern keiner mehr so recht unterhalten möchte.

Mein liebster Online-Kanal ist seit jüngerer Zeit übrigens Twitter. Dort lerne ich zwar, anders als früher auf Facebook und Instagram, kaum mehr Leute aus nicht-professionellen Kontexten kennen. Auch Twitter hat seine Schattenseiten – das ist ein Thema für einen eigenen Text – dafür aber sind die Inhalte interessanter, schneller, auf eine gute Art nerdiger. Ob auch Twitter bald „over“ sein wird, wenn es erst einmal Elon Musk gehört und dann, wie schon länger gemutmaßt wird, alle User blaue Haken kriegen und die „Retweet“-Funktion verschwindet, kann ich nicht einschätzen. Facebook werde ich jedenfalls – bei aller Nostalgie – nicht vermissen.