Die spanische Autorin Cristina Morales hat gemeinsam mit ihrer deutschen Übersetzerin Friederike von Criegern am Mittwoch im Haus der Kulturen der Welt (HKW) den Internationalen Literaturpreis gewonnen. Bei strahlendem Sonnenlicht und großem Applaus übernahmen die beiden die Auszeichnung, die vom HKW und der Stiftung Elementarteilchen verliehen wird. Ihr Roman „Leichte Sprache“ erschien dieses Jahr beim Berliner Verlag Matthes und Seitz und ist tatsächlich teilweise in leichter Sprache für erschwert lernende Menschen verfasst.

Zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie wurde der Preis wieder in Präsenz verliehen. Auf der Terrasse des HKW kamen an dem warmen Sommerabend vor allem auch viele junge Menschen zusammen, um der Übergabezeremonie folgen.

Morales erzählt in ihrem Buch von Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen als geistig behindert kategorisiert wurden und nach dem Willen der Gesellschaft betreut werden sollen. Marga ist Analphabetin, Àngels stottert und Patri hat Logorrhö, einen zwanghaften Drang, sich unkontrolliert sprachlich zu äußern. Die Protagonistinnen entledigen sich dieser Probleme: Durch eine Hausbesetzung in Barcelona oder das Schreiben eines Buches stemmen sie sich gegen Mitleid und Bevormundung.

Kein Inklusionsmärchen, sondern ein Forderungskatalog

Die der Jury angehörende deutsche Autorin Heike Geißler sagte: „Die Jury hat sich mit leidenschaftlicher Einstimmigkeit dafür entschieden, dieses Buch auszuzeichnen.“ Das siebenköpfige Komitee bezeichnete seine Wahl als eine „Liebeserklärung an das Buch und seine Protagonistinnen, an die Heftigkeit, mit der sie auf Restriktionen, Demütigungen und Entmündigung reagieren.“ „Leichte Sprache“ selbst sei ebenfalls eine Liebeserklärung, eine „an die Politisierung, aber auch an den Tanz und an das Begehren“. Der Roman erzwinge eine Neujustierung von Begriffen und Zuschreibungen und gleiche, so Geißler, einem Forderungskatalog, anstatt ein Inklusionsmärchen zu erzählen.

Der Internationale Literaturpreis wird unter dem Autor und Übersetzer aufgeteilt. 20.000 Euro gehen an die Autorin, 15.000 Euro an die Übersetzerin des Gewinnerwerkes. Sechs Bücher waren nominiert und dadurch in den vergangenen Wochen publik gemacht worden. In diesem Fall ging es darum, die spanische leichte Sprache und den bruchhaften, häufig den Ton wechselnden Stil Morales’ ins Deutsche zu übertragen. Auch dafür wurden die beiden Frauen mit dem Internationalen Literaturpreis geehrt. Man könne sich für eine Übersetzerin, so die Jury, „kaum eine größere Herausforderung vorstellen.“

Morales: „Freiheit heißt nicht einfach nur feiern“

Cristina Morales bekam in der anschließenden Podiumsdiskussion immer wieder Applaus vom Publikum. Vor allem bejubelt wurde eine Definition von Freiheit, die sie vortrug: „Freiheit bedeutet nicht einfach nur feiern. Wir wollen eine Wohnung, in der wir vor der Polizei sicher sind. Wir wollen uns draußen bewegen, ohne vergewaltigt zu werden. Das ist Freiheit.“ Anschließend rief sie dazu auf, in der Gesellschaft ungern gesehene Wut von unterprivilegierten Menschen sinnvoll zu kanalisieren und sich zu organisieren. Am Ende der Preisverleihung hob sie wie zu einem Gruß beide Mittelfinger in die Abendsonne und verließ lächelnd die Bühne.