Francesco Wilking ist zur Hälfte Italiener und wohnt seit einigen Jahren in Berlin.
Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

BerlinPizza, Pasta, Eis - wenn Crucchi, wie die Italiener die Deutschen spöttisch nennen, an Italien denken, schwirrt ihnen meist nur das leckere Essen durch den Kopf. „Oft aber auch der Strand und das Fernweh“, sagt Francesco Wilking, als wir den 46- jährigen Berliner zum Interview in Friedrichshain treffen. Gerade ist „Crucchi Gang“ erschienen, das neue Album seines gleichnamigen Kollektivs. Es soll, na klar, eine Ode an Italien sein, die dank Wilkings Herkunft an Glaubwürdigkeit gewinnt: Seine Mutter ist eine Römerin. 

Der Musiker ist allerdings weder in der italienischen noch in der deutschen Hauptstadt aufgewachsen – sondern in den badischen Städten Lörrach und Freiburg. Dort gründete er im Jahr 2000 die Indie-Pop-Band Tele, mit der er zum ersten Mal in der deutschen Musiklandschaft auftauchte. Mit einem Umzug nach Berlin schloss er sich dann 2011 mit Moritz Krämer zum Singer- und Songwriter-Projekt „Die Höchste Eisenbahn“ zusammen, das wie Tele immer die richtigen Zeilen zur richtigen Zeit schrieb.

Jetzt also Crucchi Gang, bei der Sven Regener von Element of Crime, Sophie Hunger, Faber, Clueso und weitere Liedermacher mit von der Partie sind, um deutsche Popsongs auf Italienisch zu covern. Etwa „Bungalow“ von der österreichischen Band Bilderbuch, das bei Wilking „Il Mio Bungalow“ heißt, oder „Meine Kneipe“ von der Berliner Band Von Wegen Lisbeth, die ihren eigenen Song in „Al Mio Locale“ umdichtete. Die richtigen Zeilen zur richtigen Zeit?

Ein wenig spät scheint das Italo-Pop-Album schon zu erscheinen. In Berlin ist Herbst, Italien-Ausflüge waren für die deutschen Hobby-Urlauber aufgrund der Corona-Pandemie kaum möglich – genauso wenig wie Kneipenbesuche. Und wenn es um Italien geht, will man dann nicht die Klassiker hören? „Felicità“, „Azzurro“ und all die anderen Hits, die in italienischen Restaurants erklingen? 

Ein Album, das nach Fernweh, Pizza und Strand klingt

Wilking lacht. Es sei nicht das Ziel gewesen, die italienischen Charts und Restaurants zu stürmen. „Wir wollten einfach eine italienische Platte machen, die nach Fernweh, Pizza und Strand klingt. Vor allem wollten wir einen kulturellen Brückenschlag. Gerade jetzt, wo Europa eine sehr, sehr verklemmte Angelegenheit ist, die von den Egoismen der einzelnen Staaten blockiert wird, muss man versuchen, als Künstler entgegenzuwirken.“ In einer Pressemitteilung zum Album heißt es: „Es geht um ‚Musik kennt keine Grenzen‘ und ‚Europa ist kein Quatsch‘“.

Für Wilking sei Italien so auch genauso Heimat wie Berlin oder Lörrach. Doch das Gefühl in Italien sei anders. Wenn er mit dem Zug am Bahnhof ankomme und den ersten Kaffee getrunken habe, fühle er sich wie in einer anderen Zeitzone. Diese Wahrnehmung in Zeilen zu packen und sie auf Italienisch zu singen, kam aber für ihn nicht in Frage. Tatsächlich ginge es der Crucchi Gang um Klassiker, aber um die deutschen.

„Carta Bianca“ von Sven Regener ist etwa so einer, der als „Weißes Papier“ von Element of Crime bekannt ist. Oder „Valzer Per Nessuno“ von Sophie Hunger, das viele Fans als „Walzer für niemand“ kennen. Während es bei Hunger stark nach dem deutschen Werk klingt, schafft Regener mit seiner tiefen, vibrierenden Stimme einen leichten Italo-Schwenker. Der Star ist aber natürlich Wilking, der genau weiß, wie Italiener betonen und ihren Charme in die Lieder bringen. Ein wenig Hilfe hatte er allerdings schon – seine Verwandtschaft hat die Stücke vorab gehört und beim Übersetzen geholfen.

Für Francesco Wilking ist Italien Heimat - genauso wie Berlin.
Foto: Universal Music

Die Italo-Idee gibt es seit 2007. Eine Bekannte von Wilking, Charlotte Goltermann, war damals die Musikberaterin für den Film „Warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können“. Dessen Macher wollten unbedingt einen italienischen Song, der während einer Verfolgungsjagd laufen sollte. Alle italienischen Hits, die Goltermann einfielen, waren jedoch fernab des Musikbudgets, also fragte sie Wilking, ob er nicht einen italienischen Schlager zur Melodie von Musikproduzent James Last schreiben könne, und er tat es. Last soll dann bei der Premiere zu Wilking gesagt haben, dass vor ihm eine große Karriere liege. Als sich ein paar Jahre später Wilking, Goltermann und Regener bei einem Bob-Dylan-Konzert trafen, tauchte die Idee von italienischen Liedern schließlich erneut auf. „Irgendwann habe ich mich dann damit angefreundet“, sagt Wilking.

Das Projekt scheint, allein wenn man in die i-Tunes-Charts blickt, wo sich die Crucchi Gang mit ihrem gleichnamigen Album auf Platz 21 befindet, geglückt. Ein Folgewerk hat Wilking bereits im Kopf. Er könne sich vorstellen, dass beim zweiten Teil Italiener ihre Lieder auf Deutsch singen. Solch eine Konstellation gab es zumindest in den 60er-Jahren schon einmal, als fremdsprachige Titel ins Deutsche übersetzt wurden. „Das hatte durchaus seinen Charme“, sagt Wilking. Doch auch die aktuellen Lieder verfügen über genügend Flair, den Berliner Herbst erträglich zu machen.

Crucchi Gang - „Crucchi Gang “ (Vertigo Berlin/Universal Music)