Diese Ausstellung hört man schon, bevor man sie sieht: Bereits auf dem Weg zum Kunstraum Kreuzberg durch die langen Flure des Bethanien dröhnt sie einem entgegen. Quelle des Lärms sind ein gutes Dutzend von Kracherzeugern gleich im ersten Raum. Sie wurden in den 1920er Jahren am Moskauer Kunsttheater für Inszenierungen des Theaterreformers Konstantin Stanislawski verwendet – und trotz ihrer handgemachten Einfachheit kann man mit ihnen trommelfellzerstörende Geräusche produzieren, auf die die Einstürzenden Neubauten erst noch kommen müssen.

Die meisten Komponisten und Instrumentenerfindungen aus dieser Zeit, in der hochfliegende soziale und künstlerische Ideen in einer extrem unterentwickelten Gesellschaft entstanden, waren bis vor ein paar Jahren so gut wie vergessen. Hier leistet die multimediale Wanderausstellung „Generation Z: Renoise“ wertvollste Erinnerungsarbeit, die nun in Berlin beim CTM-Festival (und noch darüber hinaus bis in den Februar) zu sehen ist.

Zusammengestellt wurde sie von dem russischen Musikwissenschaftler Andrei Smirnov. Der hat nach Jahrzehnten akribischer Archiv-Recherche in seinem im vergangenen Jahr erschienenen Buch „Sounds in Z“ die sowjetische Episode der internationalen Musik-Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts rekonstruiert.

Deren bekannteste Hervorbringung war das Theremin, das 1919 von dem russischen Physiker Lew Termen erfunden wurde: das erste elektronische Instrument der Welt, dem man durch das Gestikulieren zwischen zwei Antennen ein geisterhaftes Pfeifen entlockt. Schon allein die Gelegenheit, an dem esoterischen Gerät selbst einmal Klänge förmlich aus der Luft zu pflücken, ist ein guter Grund, die Ausstellung zu besuchen. Doch das Theremin zeigt auch die Verstrickungen von Musik und Politik in der UdSSR: sein Erfinder musste in den 1950er Jahren für den sowjetischen Geheimdienst KGB arbeiten und entwickelte dort eine Wanze, die in der US-amerikanischen Botschaft in Moskau mithörte.

Ansonsten präsentiert die Ausstellung viel bisher Unbekanntes. Unter Eingeweihten mögen die Experimente des sowjetischen Filmregisseurs Dziga Vertov mit „Field Recordings“ und die Sirenen-Symphonie von Arseny Avraamov aus dieser Zeit bekannt sein. Aber andere musikalische Innovationen waren bisher so gründlich von der Geschichte vergessen, dass manche von ihnen später in anderen Länder abermals „erfunden“ wurden.

Besonders faszinierend sind die Experimente mit „grafischem Klang“, die verschiedene russische Komponisten und Bastler um das Jahr 1930 herum durchführten. Sie malten ornamentale Muster auf Film, die sie mit dem Lichtton-Verfahren abtasteten. In Deutschland erprobte einige Jahre später Oskar Fischinger ähnliche Ideen. Außerdem sind in der Ausstellung Überreste des Rhythmicons zu sehen, der wohl ersten Rhythmusmaschine der Welt, sowie verschiedene Synthesizer-Vorläufer wie das Variophon oder das Terpsitone, die an staatlichen Forschungseinrichtungen entwickelt wurden.

Diese institutionelle Förderung moderner Musik endete jäh mit der Machtübernahme Stalins. Plötzlich waren derartige Experimente „Formalismus“, also dekadente Auswüchse einer Kunst, die nichts mit dem „Sozialistischen Realismus“ zu tun hatte. Diese Doktrin wurde auch in der Musik zum Teil mit brutaler Gewalt durchgesetzt. Das betraf nicht nur prominente Komponisten wie Schostakowitsch oder Prokofjew, sondern auch die Musikpioniere, die mit elektronischen Methoden der Klangerzeugung experimentierten. Die sich ausbreitende Paranoia ging so weit, dass 1932 der Konservatoriumsprofessor Kliment Kvitka für zwei Jahre in ein Straflager in Sibirien eingesperrt wurde. Sein Verbrechen: Er hatte sich mit der „unsozialistischen“ pentatonischen Tonleiter beschäftigt.

Generation Z: Renoise Bis 23. Februar im Kunstraum Kreuzberg